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TV-Komödie mit Sido : Heute planlos, morgen Clanchef

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Ein Paar unter Druck: Sophia (Michelle Barthel) und Johnny (Paul „Sido“ Würdig) müssen eine Entscheidung treffen. Bild: rbb/Christiane Pausch

Culture Clash mit Gangstas: Der neuste Ich-heirate-eine-Familie-Streich der ARD verteidigt den naiven Blick mit Witz und Verstand. Rapper Sido macht sich als übertölpelter Glückspilz gut.

          Warmherzige Multi-Kulti-Zwei-Herzen-im-Dreivierteltakt-Komödien nach Schema F sind nicht unbedingt Mangelware. Aber Laila Stieler (Buch) und Buket Alakus (Regie) setzen sich von diesem Genre elegant ab. Einerseits übererfüllen sie die Erwartungen – Burnout-Deutscher im ranzigen Plattenbau findet durch eine handstreichartig einfallende Hottentotten-Bagage ins Leben zurück –, um sie aber zugleich augenzwinkernd zu ironisieren. „Warte, warte, das ist Quatsch“, sagt etwa eine Figur plötzlich, und prompt wird nachjustiert in Richtung Glaubwürdigkeit. Das würde man sich viel öfter wünschen.

          Kreativ wirkt schon die Wahl des Migrationshintergrunds. Statt auf beliebte Komödienexoten wie Türken, Griechen, Italiener oder Inder setzt der Film auf eine Roma-Familie aus Serbien. Inhaltlich ist das bestens begründet, rangieren die Roma auf der Beliebtheitsskala doch selbst hierzulande ganz unten. Zugleich ermöglicht es Alakus, sich bei den Ausgriffen ins Märchenhafte frei an den frühen Emir Kusturica anzulehnen (also den vor dem Nationalkitsch). Will sagen: Musik und Tanz auch hier.

          Großzügig: Johnny (Paul „Sido“ Würdig) war bereit, ihre Eltern einzuladen, als Sophia (Michelle Barthel) Heimweh hatte. Aber es kommen nicht nur Mama und Papa (Nedjdrat Nedjo Osman, rechts) zu Besuch.
          Großzügig: Johnny (Paul „Sido“ Würdig) war bereit, ihre Eltern einzuladen, als Sophia (Michelle Barthel) Heimweh hatte. Aber es kommen nicht nur Mama und Papa (Nedjdrat Nedjo Osman, rechts) zu Besuch. : Bild: rbb/Christiane Pausch

          Der Deutsche im Film ist ein Prachtexemplar seiner Art. Arbeitslos, depressiv und bekifft hockt er in einer großen, leeren Wohnung herum, die das Amt bezahlt. Seit ihn seine Frau (Petra Schmidt-Schaller) verlassen hat, lebt er nur noch für die Wochenenden mit der Tochter (Mitzi Kunz). Dass dieser Johnny eine verkrachte DJ-Existenz sein soll, ist schon lustig angesichts der Tatsache, dass er von Paul Würdig gespielt wird, besser bekannt als ehemaliger Gangsta- und inzwischen granatenerfolgreicher Familien-Rapper Sido (ein Teil von ihm ist Sinto).

          Der junge Rom Avram (Rauand Taleb) entdeckt nun zufällig Johnnys gutes Herz und lädt prompt seine Schwester im vollen Brautornat bei ihm ab. Sophia (Michelle Barthel) bindet dem Brummbären aus Hellersdorf dann einige noch viel dickere auf, aber das mit so viel Charme, dass der Ausgenutzte bald Herz über Kopf in den jungen Wirbelwind verschossen ist. Zur Verwunderung seines Kumpels Gerd (Tristan Seith) pfeift er drauf, was an Sophias Geschichte wahr ist, solange er seinen und ihren Gefühlen traut. Man könnte es eine zeitgemäße Inversion von Brechts „Surabaya Johnny“ nennen.

          Fernsehtrailer : „Eine Braut kommt selten allein“

          Selbstverständlich schlägt der Entflammte Sophia auch nicht den Herzenswunsch ab, die geliebte Familie einzuladen – und schon steigt ein halbes Dorf samt Hühnerkäfigen aus dem Transporter und in Johnnys Wohnung ab. Er ahnt: Sie sind gekommen, um zu bleiben. Das führt zu Problemen, die zwar lakonisch dargestellt, aber nicht weggewitzelt werden. So will Johnny einen der neuen Mitbewohner überzeugen, dass das mit dem nächtlichen „Organisieren“ von Flachbildfernsehern so wenig eine geregelte Arbeit ist wie das Betteln einer der Cousinen samt Baby, muss aber einsehen, dass er selbst als Vorbild wenig taugt: „Bei mir ist das was anderes. Ich darf gar nicht arbeiten, ich krieg‘ Hartz IV.“

          Auch der poetisch überhöhte Versuch, Sophia als syrischen Flüchtling zu registrieren – ein ganzer U-Bahn-Waggon voller gutherziger Berliner (wie bitte?) hat an der Legende mitgestrickt –, landet hart auf dem Boden der Realität: Die Folge aller Bemühungen ist die drohende Abschiebung, die es nun mit allen Mitteln zu verhindern gilt. Johnny, eben noch planlos, blüht regelrecht auf in seiner neuen Rolle als Clanchef, zumal die Liebe zu Sophia sich vertieft – bis eines Tages die Exfrau vor der Tür steht. Einen so patenten Mann hätte auch sie gerne, und bürokratisch genommen hat sie das ja auch.

          Die Botschaft von vital-glücklichen Migranten als Lebensrettern für wohlstandsblinde Trauerklöpse, denen das Selbstmitleid die Einsicht, eigentlich im Paradies zu leben, vernebelt hat, ist weder neu noch unbedingt verallgemeinerbar – aber schön ist sie allemal. Und wer hätte als Gastgeber noch nie gemerkt, wie gut sich Gastfreundschaft anfühlt? Ein gutes Omen gibt es überdies: Filme nämlich, in denen Ramona Kunze-Libnow – spätestens seit „Stromberg“ Deutschlands Sachbearbeiterin des Jahrhunderts – hinter einem Amtstisch sitzt (man denke nur an „Schnitzel für alle“), können gar nicht schlecht sein. Hier mimt sie die gute Jobcenter-Fee mit der gebührenden Verachtung für Vorschriften aller Art. Überzeugend ist auch das mit verschiedenen Möglichkeiten spielende Finale. Es ist ernst und albern zugleich, düster und glücklich, kalt und warm, ein Sommermärchenende eben, so unverlogen, wie es nie war: Au revoir.

          Eine Braut kommt selten allein, heute, Mittwoch 6. Dezember, um 20.15 Uhr im Ersten.

          Quelle: F.A.Z.

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