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Integrationsfilm : Nicht ohne ihre Enkelin

Ein Stück weit Geborgenheit: Sehra (Neshe Demir) möchte, dass Pia (Malina Harbort) sich zu Hause fühlt. Bild: NDR

Pädagogisches Fernsehen mit Zwischentönen: In „Das deutsche Kind“ will ein muslimisches Paar ein deutsches Waisenmädchen aufnehmen. Dessen Großeltern wehren sich. Wie die Geschichte ausgeht, ist aber von Beginn an klar.

          Wenn im amerikanischen Wohlfühl-Kino ein Unfall die alleinstehende Mutter eines kleinen Mädchens aus dem Leben reißt und das Kind, weil zur allgemeinen Überraschung so testamentarisch verfügt, zur besten Freundin oder Schwester der Verstorbenen kommt, die gleichfalls alleinstehend und verkorkst ist oder eine Hälfte eines scheinbar unmöglichen Paares, geschieht zuverlässig Folgendes: Das Kind sorgt dafür, dass für die Elternrolle zunächst untüchtige Erwachsene über sich selbst hinauswachsen, und alles wird gut. Wenn im Ersten zur besten Sendezeit ein muslimisches Paar mit türkischen Wurzeln, von dem die Frau Kopftuch trägt und der Mann sich anschickt, Imam zu werden, die Vormundschaft für eine blondbezopfte deutsche Waise übernimmt, sehr zum Missfallen des gesamten Umfelds und insbesondere der Großeltern des Mädchens – was geschieht wohl dann?

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          „Das deutsche Kind“, der erste von zwei Mittwochsfilmen im Ersten, der sich mit dem Islam in unserer Gesellschaft befasst, will gehüllt in die Frage nach dem Kindeswohl die Integrationsfrage stellen – und beantworten. Wie in der alttestamentarischen Geschichte von König Salomon, vor dem zwei Frauen so erbittert um ein Kind streiten, dass erst die Androhung, es mit dem Schwert zu zerteilen, zum salomonischen Urteil, also zum Happy End, führt, sollen nun wir zu einem Urteil darüber geführt werden, wer in diesem Spielfilm die besseren Sorgeberechtigten für die kleine Pia (Malina Harbort) sind. Der Drehbuchautor Paul Salisbury schickt das muslimische Ehepaar mit Sympathievorsprung in eine konstruiert wirkende Handlung, die um der Ausgewogenheit willen Ablehnung auf beide Parteien verteilt und später selbst Konfliktlinien, die nichts mit der Vormundschaft zu tun haben, im Kind zusammenführt.

          Mit einem Suspense geht es zurück in die heile Welt

          Vor dem eigentlichen Anfang setzt „Das deutsche Kind“ ein mögliches Ende. Wir blicken in das versteinert wirkende Gesicht des Pflegevaters Cem Balta (Murathan Muslu), offenbar bei einer behördlichen Anhörung. Wie es denn laufe mit Pias Eingewöhnung, fragt jemand. Seine Frau Sehra (Neshe Demir), nicht im Bild, erzählt fröhlich, es liefe gut. Als Cem sich äußern soll, schweigt er zunächst. Schließlich spricht er doch. Nein, sagt er. Es gehe nicht gut.

          Mit diesem Suspense geht es zurück in die heile Welt vor dem Unglück. Natalie Unger (Petra Schmidt-Schaller) küsst Pia wach. Über dem Bett lacht eine gemalte Sonne, im Bett das Mädchen. Weil die Mutter ein Date hat, zieht die Kleine für einen Tag zur befreundeten Familie auf der gegenüberliegende Seite des Treppenhauses. Cem, Sehra und ihre Tochter Hanna (Sue Moosbauer), die in Pias Alter ist, verbreiten Wärme und Herzlichkeit, sie sind mit Natalies Tochter sichtlich vertraut. Kalt sind dagegen die Blicke von Pias Großeltern (Katrin Sass und Lutz Blochberger), als sie tags darauf die nun mutterlose Enkelin zu sich nehmen. Eisig werden sie, als die Baltas das Kind zurückholen, weil Natalie es so verfügt hat. Vor allem Sehra will die Vormundschaft. Pia brauche sie, sagt sie dem zweifelnden Cem („Familie ist Familie“) immer wieder; zu ihren Eltern habe Natalie den Kontakt doch sicher nicht ohne Grund abgebrochen. Als Cem sich breitschlagen lässt, strahlt sie vor Glück.

          Ein unfairer, von Ressentiments bestimmter Krieg

          Dass ein Grundschulkind seine Mutter verliert, keine Verwandten hat außer entfremdete Großeltern und in eine neue Kernfamilie implantiert wird, wäre auch ohne Kultur- und Religionskonflikt Drama genug für einen Film. Doch der Schmerz des Verlusts tritt in den Hintergrund durch das, was sich nun aufdrängt: Die Baltas, aus deren Perspektive der Film von Regisseur Umut Dag erzählt wird, erleben die Großeltern lange nicht als Trauernde oder Liebende, sondern als Feinde in einem unfairen, von Ressentiments bestimmten Krieg.

          Die Dialoge sind programmiert: Sie wolle nicht, dass ihre Enkelin eines Tages mit Kopftuch herumlaufe, sagt Pias Oma und lässt das Mädchen heimlich taufen. Sie trage ihr Kopftuch aus freien Stücken, sagt Sehra. Pia dürfe selbst entscheiden, was sie glaube, sagt Cem, der in seiner türkischen Gemeinde auf Deutsch predigt und als Musterbeispiel für einen weltoffenen Euroislam gezeigt wird. Ob Pia nicht doch besser bei ihrer Familie aufgehoben wäre, fragen die Grundschullehrerin und die erweiterte Familie der Baltas zweifelnd, und wann sie denn Türkisch lerne und in den Islamunterricht gehe. Hanna eifersüchtelt. Cem kniet auf dem Gebetsteppich und joggt und joggt, um seine Richtung zu finden, und dann überwölbt auch noch ein Streit über ein Moscheebauprojekt das Ganze. Er könne junge Männer besonders gut von der Radikalisierung abhalten, sagt Cem einer Reporterin, weil er wisse, was in ihnen vorginge. Was das bedeute, fragt sie, ob er Salafist gewesen sei? Cem schweigt. Wenig später zeigt sich offener Hass.

          Die mit den besten Absichten werden angefeindet, die Fronten verhärten sich – weil alle angeblich das Beste wollen. „Das deutsche Kind“ lässt, das zeichnet diesen Film aus, viele Zwischentöne anklingen; aus dem Ensemble ragt mit ihrem Spiel Neshe Demir heraus. Aber ein offenes Ende, das Zuschauer mit ihren Fragen hätte zurücklassen und Denkprozesse in Gang setzen können, wird nur kurz angedeutet, nicht gewagt. Und so schließt dieses Lehrstück dann doch, wo es angefangen hat: im Wohlfühl-Fernsehen.

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