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Veröffentlicht: 19.04.2017, 18:33 Uhr

„Zwei“ im Ersten Schöner scheitern zwischen Kornfeld und Meer

Das kann ja nicht gutgehen: Der Fernsehfilm „Zwei“ spielt die Zufallskollision einstiger Liebender durch. Werden sie im späten Anlauf miteinander glücklich? Wie ist das überhaupt mit dem Glück zu zweit?

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© WDR/Marion von der Mehden Unverhofft vereint: Martin (Hans Löw) und Fiona (Katharina Marie Schubert).

Von zwischenmenschlichen Beziehungen ist, wie es scheint, abzuraten. Glaubt man den großen Erzählungen dieser und vergangener Tage, könnte man sein Leben genau so gut dem Bauen von Kartenhäusern am Nordseestrand widmen. Ohne größere emotionale Verwehungen gegen Ende geht es ja doch nur in schlechten Romanen, Filmen und Serien. Oder in solchen, die es nicht so ganz ernst nehmen. Ernst genommen wird das Scheitern, glaubwürdig ist das Gebrochene. Da weiß man, was man hat – oder eben nicht hat.

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In „Zwei“ hat zunächst der Eine, aber die Andere nicht: und zwar eine Familie, zwei Kinder und eine Frau. Dieser Eine, das ist Martin Meitner (Hans Löw); die andere ist Fiona Kranzler (Katharina Marie Schubert). Einst hatten die beiden einander. Das macht die Sache natürlich kompliziert, als sie sich zufällig nach zwanzig Jahren an einer Hotelbar wiedertreffen – dem Unort par excellence. Sie – Katharina Marie Schubert spielt Fiona mit einem Charme der Marke ausgeflippte kleine Schwester des besten Kumpels – ist Managerin einer hotelzimmerzerlegenden Britpop-Band. Deren Name, „Posh Babes“, klingt wie eine Supergroup aus Pete Doherty und den wiedervereinigten „Spice Girls“. Er hat einen Job, der es ihm nicht ermöglicht, auf ihre Fragen – „Ist es ein ehrenwerter Beruf?“ und „Macht er Spaß?“ – mit Ja zu antworten. Immerhin verdient er in der Firma seines Übervaters Bernd (Jürg Löw) viel Geld.

Zu Radioheads „Creep“ kommt man sich kopfschüttelnd näher

Dieser gutsituierte Vater wird im Film sowie im Leben dieser Zwei, obgleich nur einmal stumm im Bild, eine große Rolle spielen. Er sei ein „Macker, der stets gemacht hat, was er wollte – und alle fanden das super.“ Trotzdem hat er Fiona in der Zeit, die sie vor mehr als zwanzig Jahren als Aupair-Mädchen bei Familie Meitner verbrachte, „irgendwie beeindruckt.“ Derweil kommen sich Martin und Fiona in und um „Luisenburg“, der strandnahen Sommerresidenz der Familie mitsamt pilcheresquen Kies-Rondell vor dem Haupteingang, bei Gin-Tonic aus Apfelweingläsern und den Klängen von Radioheads „Creep“ kopfschüttelnd näher.

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Die Regisseurin Ariane Zeller hat sich bis zu diesem Punkt und auch darüber hinaus für eine auffällig unaufgeregte, harmlos wirkende, fast banale Erzählweise entschieden. Die Kamera von Florian Emmerich macht nichts anderes, als den Lebensschnipseln, den unbedachten Worten, hilflosen Gesten und glücklich-gequälten Gesichtern dieser beiden aus mittlerer Distanz zu folgen. Es ist ohnehin kaum jemand anderes zu hören, geschweige denn zu sehen bei diesem schauspielerischen Duett. Einmal nur sehen wir Martins Vater, wie er sich zu Fiona hinabbeugt und ihr etwas ins Ohr flüstert, etwas Gemeines. Genau in dieser Beiläufigkeit liegt eine Stärke des Films. Schließlich werden die Brüche und Abgründe des Lebens auch nicht durch Blitz und Donner angekündigt, sie passieren ganz nebenbei – alles andere ist Theater.

45931184 © WDR/Marion von der Mehden Vergrößern Reich mir die Hand für...einen Lebensabschnitt: Martin (Hans Löw) und Fiona (Katharina Marie Schubert) nähern sich nach der Trennung wieder an.

Gleiches gilt für die Dialoge. Mögen sie auch manchmal albern und unerträglich wirken, in diesem Fall simulieren sie eben dadurch Lebensnähe. So steht nach einer halben Stunde endlich die entscheidende Frage im Raum: „Martin, was machen wir hier?“ Er: „Das hier ist nicht einfach so.“ Sie: „Aber auch nicht einfach.“ Exakt deshalb gibt er seine Familie für sie auf – obwohl alle drei, sie, er und der Zuschauer, genau wissen, wohin das führt.

Und dann wiederum doch nicht: Spannend bleibt der Film dadurch, dass so viele Facetten dieser zwei Leben nur matt durchschimmern, eher am Rande zur Sprache kommen. Hier türmt sich nichts zur Tragödie: Fionas chaotische Familie, ihr kranker Mentor, Martins Verhältnis zu seiner Frau und den beiden Kindern – all dies wird nur angedeutet, offen gelassen und taucht dann doch wieder auf. Ebenso wie das Gesagte, geben die Farbtöne der Bilder Aufschluss über die Gefühlstemperatur des verhinderten Paares. Zu Beginn sind Fionas Szenen in warme Farben getaucht, Martin sieht man vornehmlich in kühlblauer Umgebung. Das ändert sich in Momenten beschwerter Zweisamkeit.

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Bis auf wenige Ausrutscher, in denen sich der Film in gefährlicher Nähe zum Werk von Nancy „Hundert Kerzen im Haus“ Meyer befindet („Wenn Liebe so einfach wäre“), ist er eine gelungene Bestandsaufnahme uralter und ewig aktueller Irrungen und Wirrungen. Nur dann und wann fragt man sich: Wozu das Ganze? Wozu überhaupt diese Art Film? Wenn doch nur wieder auf jene Abgründe verwiesen wird, die plötzlich zwischen Leben und Lieben klaffen können – nie aber darüber hinaus. Nimmt man vielleicht etwas mit? Als beide über die schwierige Beziehung seiner Eltern sprechen, fragt Fiona: „Hätten wir es denn besser gemacht?“ Tja. So bleibt also nur, es einfach auszuprobieren mit der zwischenmenschlichen Beziehung. Vielleicht unter günstigeren Vorzeichen.

© ARD Fernsehtrailer: „Zwei“
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