Die Fernsehsender verschicken für all jene Produktionen, die ihnen einigermaßen wichtig sind, bereits Wochen vor der jeweiligen Ausstrahlung Pressehefte an Programmzeitschriften und Zeitungsredaktionen. Diese oft aufwendig gestalteten Hochglanzbroschüren, in denen sich Information mit Selbstreklame mischt, bekommen die Zuschauer nie zu Gesicht. In den meisten Fällen ist das kein Verlust - im Fall des Fernsehfilms „In den besten Jahren“, den das Erste heute ausstrahlt, allerdings schon. Denn im Programmheft gibt die Hauptdarstellerin Senta Berger ein ganz und gar außergewöhnliches Interview.
Senta Berger spielt Erika Welves, die Witwe eines Streifenpolizisten (Matthias Koeberlin), der, so will es das Drehbuch des Autors und Regisseurs Hartmut Schoen, zu Anfang der siebziger Jahre von einem RAF-Terroristen bei einer Personenkontrolle kaltblütig erschossen wird. Den Mord auf der Landstraße zeigt eine der ersten Szenen des Films in der Rückblende, die Haupthandlung ist hier und heute angesiedelt.
Unsere Gegenwart aber ist auch gut vierzig Jahre nach der Tat für die Witwe Welves unerträglich und irreal, endete ihre ureigene Aktualität doch in jenem Augenblick, als sie die Todesnachricht erhielt. Seither steht die Zeit für sie still, obwohl sie noch eine Weile als Kindergärtnerin arbeitete und eine Tochter großzog. Auch ihre Wohnung harrt als düsteres Stillleben der siebziger Jahre.
Frau Welves ist eine Altersgenossin der 1941 geborenen Senta Berger, zugleich jedoch eine Frau, deren Lebensstil und Lebenserfahrung, deren Alltag und soziale Herkunft Welten von der Welt ihrer Darstellerin trennen. Nun hat Senta Berger nicht zuletzt in dem preisgekrönten Fernsehspiel „Frau Böhm sagt Nein“ (2009) bewiesen, dass sie solche Entfernungen zwischen Rolle und Realität beflügeln. Im Fall der Vorstandssekretärin Böhm musste sie sich ein fremdes Milieu anverwandeln, bei Erika Welves kommt zur sozialen Differenz noch etwas Entscheidendes hinzu: die komplett entgegengesetzte Weltsicht.
Dieser Unterschied macht das Gespräch im Presseheft so aufschlussreich. Senta Berger nennt sich eine „68erin“, sie erzählt von den nächtelangen Diskussionen im Haus ihres Schwiegervaters Paul Verhoeven „über das Attentat auf Rudi Dutschke, die mögliche Teilschuld der aggressiven Springerpresse und die mörderischen Taten der RAF“, die in ihrer ersten Phase aber auch Ziele formuliert habe, die „zum großen Teil“ auch „diejenigen meiner Generation“ gewesen seien.
Und sie bekennt, dass sie sich um „das Schicksal der sogenannten kleinen Leute“, die „der RAF zum Opfer“ fielen, „nur am Rande“ gekümmert habe: „Wir kannten keinen Lebensweg, keine Lebenssituation der Ermordeten.“ Auf dieses „Wir“ kommt hier alles an, denn in der Tat spricht Senta Berger - sehr zu Recht - nicht nur für sich. Die Aufrichtigkeit, mit der sie sich vier Jahrzehnte später zu ihrer damaligen Sicht der Dinge äußert, ist überaus bemerkenswert und eindrucksvoll.
Ein Opfer des Zeugenschutzprogramms
Nun stellt sie ein Opfer der einstigen Verhältnisse dar, eine wortkarge Frau, „die sich kaum erklären kann“. Die aber auch nie über eine Katastrophe hinwegkam, die sie unverschuldet ereilte, und die erleben muss, dass der Mörder ihres Mannes als Kronzeuge gegen seine ehemaligen Kumpane Haftverschonung und eine neue Identität erhält - ungefähres Vorbild für den Terroristen des Films ist jener aller Wahrscheinlichkeit nach bis heute unter anderem Namen lebende Gerhard Müller, der 1971 in Hamburg den ersten Polizistenmord der RAF beging, nach seiner Festnahme gegen Andreas Baader und Gudrun Ensslin aussagte und dafür ins Zeugenschutzprogramm aufgenommen wurde, den juristischen Vorläufer der Kronzeugenregelung.
In einer Szene des Films sitzen Erika Welves und ihre nun gut vierzigjährige Tochter Jenny (Christina Große) auf einer Parkbank. Wieder einmal schwärmt Erika von dem „tollen Mann in den besten Jahren“, den sie einst hatte, bis Jenny gesteht, sie sei „eifersüchtig“ auf diesen Toten, gegen den sie nie ankommen könne. Aufs Neue ist es Senta Berger, die im Interview dieses Mutter-Tochter-Verhältnis auf den Punkt bringt und dabei auch ihre Rolle reflektiert: „Das ist das richtige Bild für Erika Welves: erstarrt. Innere Emigration. Das ist ganz furchtbar für die Kinder. Erika Welves handelt völlig irrational. Sie scheint eine vernünftige Frau zu sein. Sie ist es aber nicht. Schon lange nicht mehr. Sie ist gefährlich. Für sich. Für andere.“
Von der Schweigsamen zur Rhetorikerin
Wie spielt man eine Figur, deren Tragik man zwar erkennt, die man aber im Grunde nicht mag? Indem man sich ein äußerstes Maß an mimischer Disziplin auferlegt. Senta Berger, schmallippig wie nie, geht durch diesen Film mit einem in jeder Einstellung spürbaren Willen, dieser Erika Welves Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, deren Handeln also auch noch in jenen Momenten zu plausibilisieren, in denen es eigentlich nicht mehr geht. Es ist ein heroisches Spiel, das sie uns Zuschauern bietet - ein bezwingendes ist es nicht. Was nicht zuletzt am Drehbuch und an der Regie liegt: „In den besten Jahren“ ist am Ende ein Problemfilm der problematischen Art. Weshalb?
Weil Hartmut Schoen einfach zu viel erklären will. So honorig seine Intentionen, so unglaubhaft papieren sind manche seiner Dialoge. Plötzlich also muss aus der nahezu sprachlosen Hauptfigur eine Rhetorikerin von Graden werden - wenn sie dem pensionierten Bundesanwalt (Burghart Klaußner) die Geschichte der RAF erläutert und dabei zugleich verschwörungstheoretisch über mögliche Verquickungen deutscher Geheimdienste räsoniert, wirkt sie wie eine routinierte Talkshow-Expertin im Betroffenheitsmodus.
Begegnung mit der Mutter des Mörders
Um den Zuschauern nahezubringen, was man unter „Retraumatisierung“ zu verstehen habe, lässt der Regisseur einen Journalisten (Felix Eitner) auftreten, der Erika Welves für seine Reportage über die RAF und deren Folgen ein ums andere Mal trifft und befragt. Nachdem nun, wie zu erwarten, eben „alles wieder hochkommt“, das neuerliche Trauma also Platz gegriffen hat, findet sich für den Reporter keine Verwendung mehr - nach der ersten Hälfte des Films verschwindet er deshalb so folgenlos wie völlig unmotiviert.
Es gibt, zumal gegen Ende, berückende, ja bewegende Passagen. So macht sich Erika mit einem liebenswert kauzigen Elektrohändler (Matthias Brandt) nach Holland auf und sitzt mit ihm so elegisch wie ratlos am Strand. Sie trifft die hochbetagte Mutter des Mörders, was der wunderbaren Ellen Schwiers einen fabelhaften Auftritt beschert. „In den besten Jahren“ ist ein ernster und durchaus nicht nur gut gemeinter Film. Sein wohl größtes Verdienst aber ist, dass er der Schauspielerin Senta Berger ein Interview abverlangte, das seinesgleichen sucht.
Interview Senta Berger
Stefan Wisheu (fillmore48)
- 14.12.2011, 16:58 Uhr