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TV-Film „Fremder Feind“ : Bis die Seele fröstelt

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Zu zweit ist man besser allein: Arnold (Ulrich Matthes) lässt sein altes Leben zurück und zieht sich mit seinem Hund in die Einsamkeit einer abgelegenen Berghütte zurück. Bild: WDR/Schiwago Film

Bitteres Naturschauspiel: Der ARD-Film „Fremder Feind“ zeigt den Absturz eines Pazifisten in schneebedeckter Einsamkeit.

          Auf den Bildern des Tiroler Tourismusverbands wirkt die hoch aufgetürmte Berglandschaft rund um das Navistal selbst im kalten Schneeglanz heimelig. Wie der Inbegriff von Hüttenromantik, bloß draußen. Der Mensch als Tourist und Skifahrer soll die Bergwelt eben nicht als archaisch abweisend, möglicherweise tödlich begreifen, sondern als kuschelig zivilisierte Sportstätte mit gewissem Kitzelfaktor. Der Film „Fremder Feind“, zu großen Teilen im Navistal gedreht, spiegelt in der beeindruckenden Bildsprache der Kamera Leah Strikers dagegen das Gewaltpotential der Umgebung sowie der Menschen. In visuell überwältigenden Szenen anthropomorphisiert er den Schneesturm und die Kälte, die durch die Bilder zu kriechen scheint. Nicht als Verharmlosung der Natur, sondern als Gewalteruption eines bislang friedliebenden Mannes, der zuvor jeden Konfliktmit Berufsoptimismus zu entschärfen suchte, inzwischen aber jede emotionale Lebensgrundlage verloren hat.

          Arnold (Ulrich Matthes), der Mann, kämpft sich mit Rucksack und Reisetasche, den Hund an seiner Seite, ötzihaft bergan durch den Wintersturm zu seinem Einsamkeitsort. Er hat die Hütte von einem verstorbenen Bildhauer gekauft. Nun ist jemand eingebrochen und hat sie verwüstet. Ein Eindringling, der dreist immer wieder kommt, von dem Arnold zunächst aber nur Spuren zu sehen bekommt. In der Schnitzwerkstatt findet der ehemalige Lehrer und grundüberzeugte Pazifist ein Gewehr. Das ist der Beginn eines schleichenden Zivilisationsverlustes.

          Die Bedrohung ist nicht nur sicht-, sondern auch hörbar

          Die Bedrohung ist in diesem atmosphärisch starken Film von Anfang an nicht nur sicht-, sondern auch hörbar. Stefan Wills Musik findet in der Berghöhe ganz eigenständige Töne; Streicher, die an der Atonalität entlang schrammen und die die anschwellende, auch unverständliche Gewalt dieses Films eigenartig evident machen. Gesprochen wird ohnehin nicht besonders viel. Filmisch erzählt wird „Fremder Feind“ auf zwei Zeitebenen. In den Rückblenden ist es Sommer: Karen (Barbara Auer) ist entsetzt, als Arnolds und ihr gemeinsamer Sohn Chris (Samuel Schneider) sich für den Einsatz in einem Kriegsgebiet verpflichtet. Chris ist Berufssoldat, schon das findet das friedensbewegte Lehrerehepaar furchtbar. Chris’ Freundin Sandra (Lili Epply) trägt die Entscheidung tapfer mit. Doch die Eltern treibt sie in ganz unterschiedliche Verzweiflungen: Arnold in eine stille, nach außen spielt er Verharmlosung. Karen wird depressiv, beginnt zu trinken. Als Chris tatsächlich ums Leben kommt, will auch sie nicht mehr weiterleben. Die Überbringung der Todesnachricht ist eine Stummfilmszene, unterlegt nur von einer Arie aus einer Oper von Massenet.

          In einer seltsamen Mischung aus Abscheu und Faszination hat Arnold zuvor immer wieder Chris’ Videobotschaften aus einem Land, das wie Afghanistan aussieht, angesehen. Er hört Chris’ Auffassung von der Notwendigkeit des Dienstes fürs Heimatland in einer bewaffneten Friedensmission. Er bemerkt die zunehmende Verbitterung seines Sohnes und die Trauer über den Selbstmord eines traumatisierten Kameraden.Seine Illusionslosigkeit kurz vor seinem eigenen Tod. Der Film verschränkt beide Erzählebenen, schwenkt hin und her und langsam auf einen furchtbaren Ausbruch unvermittelter Vernichtungswut zu. Arnold ist dabei kein Kraftmensch wie die Rächer in Filmen wie „Ein Mann sieht rot“. Ein feiner Mann, hätte man einst vielleicht gesagt.

          Hannah Hollingers Drehbuch nach dem Roman „Krieg“ von Jochen Rausch zeigt den immer brutaler und immer sinnloser eskalierenden Kampf eines überzeugten Gewaltgegners gegen einen Eindringling. Lange inszeniert Rick Ostermann („Wolfskinder“) so zurückhaltend, dass es sich auch um einen Fall von Schizophrenie und pathologischem Selbsthass handeln könnte. Anne (Jördis Triebel), als Schneewanderin in den Bergen unterwegs, ist nicht die Einzige, die nicht schlau wird aus den Versehrungen dieses Eremiten. Anders als Rauschs Roman entscheidet sich der Film aber für eine realistische Lesart. Premiere hatte „Fremder Feind“ auf dem Festival in Venedig. Es ist ein Film für die große Leinwand. Und für ein gutes Soundsystem.