30.08.2009 · Heißt das Gebührenfernsehen möglicherweise so, weil es uns gebührt? Momentan krankt das deutsche System jedenfalls an der Übermacht der Redakteure, die, Vetternwirtschaft wie im Fall Doris Heinze hin oder her, einfalls- und risikolos agieren und die falschen Drehbücher einkaufen.
Von Claudius SeidlEs gibt nur einen vernünftigen Grund, eine einzige einigermaßen plausible Ursache dafür, dass wir, die Gebührenzahler, die wir ja die Finanziers und damit gewissermaßen die Anteilseigner des öffentlich-rechtlichen Systems sind, dass wir also die gesammelte Langeweile, Denkfaulheit, Konfliktscheu, die Verschnarchtheit, den Opportunismus und die Angst vor allem Unbekannten im deutschen Fernsehen einfach hinnehmen, ohne dass wir die Sendezentralen stürmen, unser Geld zurückfordern und Schadensersatz einklagen - und diese Begründung geht, kurz gesagt, so: Wir haben das öffentlich-rechtliche Fernsehen, das wir verdienen.
Oder, um es ein wenig differenzierter auszudrücken: All die Institutionen dieses Systems, all die Kontroll- und Aufsichtsgremien, die Hierarchien in den Redaktionen und Verwaltungen, die Wege, wie Aufträge vergeben, fertige Sendungen abgenommen, neue Konzepte entwickelt werden, all das muss perfekt funktionieren, dabei immer transparent und kontrollierbar sein, damit die schwierige Balance gehalten werde zwischen dem Bildungs- und Informationsauftrag (welcher ja nicht demokratisch funktioniert, sondern die Bedingung für die demokratische Willensbildung erst schaffen soll) und dem Versuch, dem Publikum genau das zu geben, was das Publikum verlangt. Das Gebührenfernsehen, im Idealfall, hieße also so, weil es das wäre, was uns gebührte - und was uns trotzdem nicht passte am Programm, wäre dann das, was uns an uns selber nicht passte.
Die letzten Reste von Legitimation
Anders aber als das System der Politik, wo der Skandal die Ausnahme ist, welche nur aufgedeckt werden muss, damit die Regel sichtbar und möglichst schnell wieder durchgesetzt werde, anders funktioniert das wesentlich labilere System des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Im Grunde ist jeder arrogante Redakteur, jeder übereitle Talkshowheini, jeder machtbesoffene Hierarch ein Argument gegen die Gebührenpflicht. Und jeder Fernsehmensch, der vergisst, woher das Geld kommt, das er ausgibt, entzieht dem öffentlichen Bezahlfernsehen die letzten Reste von Legitimation.
Und vermutlich wankt deshalb jetzt das ganze System - obwohl man doch sagen könnte: Wenn Doris Heinze, die jetzt abgesetzte Fernsehspielchefin des Norddeutschen Rundfunks, ihrem Mann in sieben Jahren vier Drehbuchaufträge zugeschanzt hat, kommen dabei ja nicht besonders riesige Summen heraus. Man könnte auch sagen: Es spricht sehr gegen den Autor und seine Redakteurin, dass der Mann unter einem Pseudonym geschrieben und sich selbst eine fiktive Biographie erfunden hat - aber gibt es nicht noch ein paar andere Kontrollinstanzen, vom Regisseur, der das Zeugs inszenieren muss, bis zu den Zuschauern und Kritikern, die es am Ende schlucken?
Wenn also jetzt der Skandal so groß ist; wenn jetzt allenthalben von Fälschung die Rede ist: Dann hat das wohl auch damit zu tun, dass der Fall Heinze nur den Verdacht bestärkt, wonach es im falschen Fernsehen keine richtigen Drehbücher geben könne.
Selbst schuld?
Im klassischen Hollywood gab es die sogenannte Besetzungscouch, die ganz gut taugte als Zeichen für den Sexismus des Systems, die Käuflichkeit der Körper, den Umstand, dass die größte Kunst hier nichts galt, wenn sie nicht auch die niedrigsten Instinkte ansprach.
Jetzt hat das öffentlich-rechtliche System das Drehbuchehebett hervorgebracht - und das ist der Moment, in dem man sich vielleicht nicht nach der Besetzungscouch zu sehnen beginnt. Immerhin aber nach Produzenten, deren Macht (und Kontostand) sich von ihrem Erfolg beim Publikum herleitete.
Unser System hat den Fernsehredakteur gezeugt, der fast genauso mächtig ist, ohne dass er die Inspiration, die Entschlossenheit und die Risikobereitschaft eines echten Produzenten haben müsste. Wenn, was der Fernsehredakteur betreut, erfolgreich ist: Dann war es sein Erfolg. Wenn es floppt, hat er den Bildungsauftrag erfüllt. Und wenn Drehbuchautoren und Regisseure depressiv, trunksüchtig, sprachlos werden: Umso schlimmer für sie; sollen sie sich andere Berufe suchen.
Oder sind am Ende wir, die Zuschauer, selber schuld daran, dass im deutschen Fernsehen, das einst den „Monaco Franze“ und „Berlin Alexanderplatz“ produziert hat, ausgerechnet jene Kunstform, welche die Gegenwart am allerbesten einfangen kann, fast schon ausgestorben ist? Dass es hier keine Pendant zu „Californication“ oder den „Mad Men“ gibt, nichts, was mit den „Desperate Housewives“ zu vergleichen wäre? Und die „Sopranos“: nicht vorstellbar.
Es sind nicht die Namen auf den Drehbüchern: Falsch ist, was drin steht.
Waren die Drehbuecher schlecht?
fritz Teich (fazfazfaz123)
- 30.08.2009, 18:07 Uhr
@ Herr Teich - eben nicht!
Karl-Heinz Andresen (khaproperty)
- 30.08.2009, 20:28 Uhr
Wenn man nach den Filmen geht: ja!
Astrid Ertel (AstridErtel)
- 30.08.2009, 21:22 Uhr
Ach FAS...
Peter Remakowski (Remakow)
- 31.08.2009, 12:08 Uhr
Vielen Dank!
Peter Hetzel (PMHetzel)
- 31.08.2009, 18:14 Uhr
Claudius Seidl Jahrgang 1959, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
Jüngste Beiträge