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ARD-Doku über Sektenspitzel : Der Staat im Staate Scientology

Bunte Luftballons: Mike Rinder (Mitte) war einst Chefgeheimdienstler der Sekte Bild: SWR

Eine Recherche über das „Office of Special Affairs“, den Geheimdienst von Scientology, zeigt, was diese Sekte ausmacht. Es geht um die Macht über Menschen. Dafür ist den Agenten jedes Mittel recht.

          Das Office of Special Affairs sei für Scientology, „was für die DDR die Stasi gewesen ist“, sagt der CSU-Politiker und ehemalige Ministerpräsident Günter Beckstein. Wer sich die Dokumentation von Frank Nordhausen und Markus Thöß ansieht, die heute im Ersten läuft, weiß danach, dass dies keine Übertreibung ist. Denn das Office of Special Affairs, kurz OSA, operiert weltweit, verfügt über einen Etat von vielleicht einer Milliarde Dollar pro Jahr, wie ein Aussteiger sagt, und setzt alle möglichen Mittel ein, um Kritiker zu bekämpfen und die Weltherrschaft der Anhänger der kruden Lehre von L. Ron Hubbard herbeizuführen. Anschläge auf Leib und Leben würden wahrscheinlicher, sagt einer der Sektenaussteiger, die vor der Kamera der beiden SWR-Autoren auspacken.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Frank Nordhausen und Markus Thöß haben ganze Recherchearbeit geleistet. Ihre Reise führt von Deutschland aus nach Frankreich, Griechenland, Russland und selbstverständlich in die Vereinigten Staaten, nach Hollywood und ins einst beschauliche Städtchen Clearwater in Florida, wo die Scientologen inzwischen das Sagen haben. Es ist sagenhaft, zu sehen, wie weit der Arm der Sekte reicht. In Frankreich gelang es dem OSA einst, einen Sicherheitsmann und Elitepolizisten (Deckname „F 10“) im direkten Umkreis des früheren Präsidenten François Mitterrand zu plazieren. In Griechenland musste das Wirken von Scientology als Angriff auf den Staat verstanden werden. In Russland ist es nicht anders, angesichts der Tatsache, dass die „Kirche“ es mit ihren Dianetik-Zentren besonders auf Rüstungsbetriebe und geheime Atomzentren abgesehen hat. In den Vereinigten Staaten jedoch, so vermitteln Nordhausen und Thöß, hat Scientology den Widerstand gebrochen und sich längst (das ist bekannt) der Unterstützung führender Figuren der Unterhaltungsindustrie (Tom Cruise, John Travolta) und - vor allem - höchster politischer Kreise versichert, unter anderem im State Department.

          Strafe für Delinquenten

          Als das Finanzministerium die „Kirche“ als gemeinnützig anerkannte und steuerfrei stellte, war die Schlacht für Scientology in Amerika so gut wie gewonnen. Der Staat im Staate konnte sich ungestört entwickeln. Seither treten diplomatische Vertretungen der Vereinigten Staaten im Ausland sogar als Verbündete von Scientology in Erscheinung. Zum Beispiel das amerikanische Generalkonsulat in Hamburg, wo der Senat 2010 beschloss, die Scientology-Beobachtungsstelle von Ursula Caberta faktisch zu schließen. Dazu hätten die SWR-Rechercheure gern den CDU-Politiker, ehemaligen Bürgermeister und vormaligen Staatsrat der Innenbehörde Christian Ahlhaus befragt, doch war der, wie sie sagen, für ein Interview nicht zu erreichen.

          Freund und Helfer: Um lästige Frager, Kritiker und Reporter loszuwerden, müssen die Scientologen in Amerika nur die Polizei rufen - schon ist der Fall gelöst

          Auskünfte seitens Scientology zum Wirken des OSA gab es für Nordhausen und Thöß nicht, trotz dutzendfacher Anfragen und ihrerseits vorgelegter Fragelisten. Gerade der internationale Pressesprecher von Scientology, Tommy Davis, dem die Autoren nachreisen, ist nicht zu bekommen. Der ehemalige OSA-Chef, Mike Rinder, vermutet, dass der Sprecher beim Sektenführer David Miscavige in Ungnade gefallen sein und sich gerade in einem Umerziehungslager befinden könnte. In dem fand sich Rinder selbst wieder, als er von der Organisation Abstand nahm, und musste, wie er sagt, auf Händen und Knien auf einem künstlichen Rasen herumrutschen, bis diese blutig und verbrannt waren. Das sei die Strafe für Delinquenten, die „nicht gestanden hatten, was sie gerade gestehen sollten“.

          Eine Art „Nazi-Umgebung“

          Mit welchem Aufwand und welchen Mitteln das „Office of Special Affairs“ Kritiker verfolgt, erfahren Nordhausen und Thöß am eigenen Leib. Sie werden auf Schritt und Tritt observiert, einmal kommt es zu einem Handgemenge mit einem Überwacher. In Amerika fährt flugs die Polizei vor und fordert die Reporter auf, die Sachen zu packen. Ein deutscher Observant berichtet, wie er im Auftrag der Sekte einem Anwalt nachstellte, der Scientology-Opfer vertritt, diesen überwachte und monatelang dessen Müll durchwühlte. Das OSA, hören wir immer wieder, versuche weltweit alles über die Kritiker in Erfahrung zu bringen. Die Mitarbeiter werden in psychologischer Kriegsführung geschult, lernen flüssig zu lügen, wie man Stalking bis über die Schmerzgrenze betreibt und Kritiker in den finanziellen und persönlichen Ruin treibt.

          Der junge amerikanische Musiker Tiziano Lugli wird rund um die Uhr von rund siebzig OSA-Leuten überwacht. Er wuchs auf als Kind von Scientologen und ist mit seinem Wissen für die Sekte besonders gefährlich - ein „Unterdrücker“, wie Kritiker im Scientology-Jargon genannt werden. Lugli spricht von der Sekte heute als einer Art „Nazi-Umgebung“. Er ist zum Gegenangriff übergegangen: Er filmt seinerseits die Überwacher und stellt Filme über sie ins Internet. In Clearwater hat Scientology, wie es im Film heißt, einmal eine große Gesellschaftsveranstaltung nur zu dem Zweck abgehalten, dass John Travolta die Frau eines Richters, welcher der Sekte gegenüber sehr kritisch war, zum Tanz aufforderte. Der Richter sollte sich ob des Charmes des Hollywood-Stars in Sachen Scientology eines anderen belehren lassen. Der Plan ging angeblich auf.

          Manche tendierten dazu, die von Scientology ausgehende Gefahr zu unterschätzen, sagt der bayerische Innenminister Joachim Hermann im Film. Wer das Stück von Frank Nordhausen und Markus Thöß gesehen hat, wird die Sekte und das Office of Special Affairs keinesfalls mehr unterschätzen.

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