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Das Mädchen und der Flüchtling : Liest man davon nur in der Presse?

Tatort: In dem Drogeriemarkt von Kandel in der Pfalz wurde die fünfzehn Jahre alte Mia von einem afghanischen Flüchtling erstochen. Bild: WITTEK/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Eine ARD-Dokumentation fragt nach dem Ge- und Misslingen der Integration: „Das Mädchen und der Flüchtling“ handelt vom Mord an der jungen Mia in Kandel und den Folgen.

          Am 22. Dezember 2017 geschieht die erste Tat. In Darmstadt sticht ein Afghane mit einem Messer auf ein junges Mädchen ein, das er in der Flüchtlingsbetreuung kennengelernt hat. Sie war seine Deutsch-Patin. Sie erleidet zahlreiche Stichwunden und überlebt wie durch ein Wunder. Für das „Darmstädter Echo“ ist das zunächst nur ein Zweispalter. Das ändert sich, als am Tag nach Weihnachten im pfälzischen Kandel ein ähnliches Verbrechen geschieht, mit tödlichem Ausgang. Abdul D., Flüchtling aus Afghanistan, lauert der sechzehnjährigen Mia in einem Drogeriemarkt auf und tötet sie mit dem Messer. Die ermittelnde Oberstaatsanwältin erkennt in der Tat Heimtücke, weshalb sie den jungen Mann wegen Mordes anklagt, nicht wegen Totschlags.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Was folgt aus diesen Verbrechen? Was bedeuten sie? Sind es „Einzelfälle“? Oder haben sie Verweischarakter? Deuten sie darauf hin, dass man im Umgang mit jungen Flüchtlingen zu leichtfertig war, insbesondere darin, ihnen junge Mädchen als Betreuerinnen an die Seite zu geben? Liefern diese Verbrechen Argumente gegen die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung?

          Das sind Fragen, die Christian Gropper und Kai Diezemann zu Beginn ihrer Dokumentation „Das Mädchen und der Flüchtling“ stellen. Sie kommen zu einer Antwort. Wie überzeugend einem diese scheint, ist eine andere Sache. Man darf sich sein Urteil selbst bilden, dafür stellen die Journalisten ausreichend und weitestgehend ausgewogen Informationen zur Verfügung, erst am Ende legen sie den Eindruck nahe, dass es sich bei der Gefahr für die Sicherheit insbesondere für (junge) Frauen durch Zuwanderer um eine gefühlte, nicht eine tatsächliche Wahrheit handele.

          Besonders aufschlussreich ist, dass es den Autoren gelingt, mit der Betreuerin und den jungen Männern der Wohngruppe ins Gespräch zu kommen, in welcher der Täter aus Darmstadt lebte. Sie sind fassungslos, sie fürchten, von diesem einen Flüchtling werde auf alle und werde auch auf sie geschlossen. Wie sie sich in unsere Gesellschaft integrieren wollen und können, macht ein Rollenspiel deutlich, in dem die Frage gestellt wird, ob eine Frau, die abends im Minirock unterwegs sei, nicht selbst schuld sei, wenn sie Opfer eines Übergriffs wird. Bei der Frage scheiden sich die Geister. In Afghanistan wiederum – wo die Autoren versuchen, Kontakt zur Familie des Täters von Kandel zu bekommen – sind die Antworten eindeutig. Eine Frau, die sich von ihrem Mann trennt, „muss getötet werden“, sagt ein alter Mann. Sie müsse „gesteinigt oder getötet“ werden, so stehe es im Koran, sagt ein junger Mann, der Abdul D. kannte.

          Damit wäre ein Hinweis darauf gegeben, wie groß die Aufgabe der Integration ist und wie leicht ihr Misslingen fatale Folgen haben kann, zumal wenn, wie es in Kandel der Fall war, Polizei und Jugendamt sich nicht miteinander abstimmen. Mit Blick auf die Delinquenz junger Zuwanderer bieten uns die Autoren der vom SWR und hr verantworteten Dokumentation dann noch Ausführungen aus der Pressekonferenz eines Polizeipräsidenten an, der von „Handlungsbedarf“ spricht. Martin Rettenberger von der Kriminologischen Zentralstelle, einer Forschungseinrichtung des Bundes und der Länder, redet über in den Heimatländern von Zuwanderern herrschende Gesellschaftsstrukturen, die gewalttätiges Verhalten erklären könnten. Das ist wahrlich keine neue Erkenntnis. Sie wird jedes Mal bemüht, wenn die Zahlen der Polizeilichen Kriminalitätsstatistik vorgestellt werden. Diese sehen seit 2014/15, was schwere Straftaten wie Mord, Totschlag und Vergewaltigungen angeht, mehr als besorgniserregend aus, auch was den Anteil nichtdeutscher Täter angeht.

          Das klingt in diesem Film nur am Rande an, der sich – vollkommen zu Recht – davor hüten will, Pauschalisierungen Vorschub zu leisten. Es gelingt ihm sogar fast auch mit Blick auf diejenigen, die seit dem Mord von Kandel dort regelmäßig demonstrieren – Linke, Rechte, aber auch Bürger, die sich nicht einer radikalen Richtung zuordnen lassen. Da landen sie in diesem Film, der einen Experten beobachten lässt, wer in der einen Demo alles mitläuft, und den einen oder anderen Rechtsextremisten identifiziert, aber dann doch. Eine Analyse des Aufzugs der Autonomen bleibt aus. Die Polizeibeamten indes, die in der Darmstädter Innenstadt verstärkt Streife gehen, meinen, dies diene vor allem der gefühlten Sicherheit. Seine Tochter würde er abends nicht allein zum Schlossgrabenfest gehen lassen, sagt ein Beamter. Warum, wollen die Reporter wissen. Tja, sagt er, man lese ja so viel in der Presse.

          Das soll wohl heißen: Da ist eigentlich nichts, der Zweispalter im „Darmstädter Echo“ hätte gereicht. So entwerten die Autoren ihre Bemühungen leider. Sie könnten einen Film wie diesen auch in Flensburg drehen, wo im März dieses Jahres ein siebzehnjähriges Mädchen von einem abgelehnten Asylbewerber, der aus Afghanistan stammt, ermordet wurde. Und das Schlossgrabenfest in Darmstadt? Auf dem sind in der Nacht zu Sonntag Polizisten von einer größeren Menschenmenge angegriffen worden. Bei den Attacken der teilweise vermummten Täter wurden fünfzehn Polizisten verletzt. Erst ein Großaufgebot mit Beamten aus umliegenden Städten konnte die Randale beenden. Auch davon liest man in der Presse. Weil es passiert.

          Das Mädchen und der Flüchtling, heute, Montag 4. Juni, um 20.15 Uhr im Ersten.

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