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Apples Bildungsoffensive Das Buch ist reif für seine digitale Auflösung

21.01.2012 ·  Apple will das Lernen und Lehren revolutionieren. Was sich gemeinnützig gibt, ist in Wahrheit der nächste Schachzug, um schon Kinder an die Firma zu ketten.

Von Jordan Mejias, New York
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Schon wieder eine Revolution, made by Apple. Ausgerufen wurde sie mit dem vertrauten Überschwang, der auch nach dem Tod von Steve Jobs firmenüblich geblieben ist, im New Yorker Guggenheim Museum. Die Nerds von den neuen Medien, sollte da wohl bedeutet werden, haben durchaus Respekt vor den alten. Oder auch: Roll over, Guggenheim! Wobei das Guggenheim als Sinnbild für ein vielleicht noch nicht ganz entbehrliches, aber auf jeden Fall hilfsbedürftiges Kommunikationsmodell zu gelten hätte. Apple kommt zu Hilfe, weil die Firma sich dafür prädestiniert fühlt, wie Philip Schiller, einer der führenden Jeansträger aus der kalifornischen Zentrale, in New York erklärt: „Apple lebt am Kreuzungspunkt von Geisteswissenschaften und Technologie.“

Dort soll nun die Welt des Lernens und Lehrens neu erfunden worden sein. Wer bei iBooks einkauft, hat ab sofort die Möglichkeit, sich bei iBooks 2 mit Lehrmitteln zu versorgen. „We love books“, versichert Schiller zwar, aber mit den herkömmlichen Schulbüchern können die Leute von Apple nicht mehr viel anfangen. Die sind ihnen zu schwer, zu teuer, zu empfindlich. Was das Schulbuch in Gestalt eines iPad anzubieten hat, soll interaktiv, wahrlich kinderleicht zu durchsuchen und zu aktualisieren sein. Ob es auch widerstandsfähiger als seine Vorgänger ist, sei einmal dahingestellt. Verständlich aber, dass auch der Evolutionsbiologe E. O. Wilson, der im Guggenheim dabei war, sich über die Videos und Animationen in 3D begeistert, die jeden Schüler in die Lage versetzen, einem Insekt unter die Flügel zu schauen oder eine DNA-Struktur in Bewegung zu bringen.

Jeder soll nun Schulbuchautor werden

Diesen radikal dynamisierten Lehrstoff liefert Apple nicht selbst. Die Schulbuchverlage werden also nicht überflüssig, im Gegenteil, sie werden dringend gebraucht, um multimedialen Content herbeizuschaffen. Statt Texten müssen sie jetzt freilich interaktives Hybridmaterial im Angebot haben. Pearson, McGraw-Hill, Houghton Mifflin Harcourt und DK Publishing sind als Partner von Apple bereits am Wirken, müssen dann aber auch dreißig Prozent des Verkaufspreises eines Buches, das bis zu fünfzehn Dollar kosten dürfte, an den technologischen Mittler überweisen.

So weit herrscht einigermaßen Harmonie. Sorgen machen könnte der alten Garde allerdings iBooks Author, die nächste kostenlose App, die Apple im Guggenheim aus dem Hut zog. Jeder soll nicht bloß Autor sein, sondern als Autor ein Schulbuch hervorbringen können. Layout, Paginierung, graphische Gestaltung, Überschriften, Zwischentitel, alles ist „easy!“, „fun!“ und „free!“ Angesichts des langwierigen Entstehungsprozesses herkömmlicher Bücher wird ein „totales Wunder“ verheißen.

Spektakuläre Rhetorik, raffinierte Strategie

Das digitale Sofortbuch, mit dem auch der kleinste Schreiber in Konkurrenz zum größten Verlag treten oder Schüler und Lehrer Unterrichtsmaterialien maßschneidern können, erscheint im Vergleich mit iTunes U, dem dritten Coup des Tages, geradezu als technologische Zwischenstufe. Bei iTunes U handelt es sich um eine vier Jahre alte App, die inzwischen von rund tausend Colleges und Universitäten genutzt wird, um Kurse und Veranstaltungen per iPhone, iPod Touch und iPad zugänglich zu machen. Mit der neuen Version, die in Yale und am MIT schon im Einsatz ist, werden Schulen umworben. Zu Videos und Podcasts kommen zahllose interaktive Tricks, die es erlauben, das Klassenzimmer elektronisch umzubauen, Notizen zu machen, Hausaufgaben zu verteilen, die Nachrichten des Lehrers entgegenzunehmen, ja sogar den Einführungskurs in die Philosophie oder die Mathematikstunde zu benoten.

Und das alles ist, noch einmal: „free!“ Um das finanzielle Wohlergehen von Apple braucht gleichwohl niemand zu fürchten. Der Vorstoß in pädagogische Gefilde mag sich bei näherem Hinsehen als geschäftlicher Schachzug entpuppen, der unternehmenstypisch ist. Dass auf dem amerikanischen Lehrbuchmarkt viel Geld zu verdienen ist, wusste auch Steve Jobs, den sein Biograph Walter Isaacson mit dem Ausspruch zitiert, diese Acht-Milliarden-Dollar-Industrie sei reif für die digitale Zerstörung. Derart kriegerische Töne wurden im Guggenheim nicht angeschlagen. Umrankt von kostenfreien Zusicherungen, aber ist die Strategie zu erkennen, die wieder darauf abzielt, mit spektakulären Vorstößen, raffiniert durchdachten Plattformen und einem exklusiven Betriebssystem die Konkurrenz im Staub zurückzulassen und Nutzer von Kindesbeinen an auf die Marke Apple einzuschwören. In jedem Rucksack soll ein iPad stecken so wie einst in jedem Ranzen eine Tafel. Amazon muss seine Hoffnung auf alle richten, die Windows treu bleiben.

Vom Revolutiönchen zum nächsten großen Ding?

Es geht aber nicht nur um unternehmerische Macht und Vorherrschaft. Der Internetpionier Jaron Lanier stimmt die Klage an, dass das Freiheitsversprechen des Internets immer häufiger von Giganten wie Facebook und Google beschnitten wird, die ihre Nutzer in eigenen Netzwerken fesseln. Apple setzt seine Verlockungen nicht anders ein. Der Preis fürs digitale Glück sind dicke Mauern, die keine Verbindung mehr mit den abtrünnigen Horden erlauben. In den Vereinigten Staaten, wo das dramatische Gefälle zwischen Arm und Reich auch die Schulbezirke prägt, droht darüber hinaus, dass sich die Kluft zwischen den unterschiedlich ausgestatteten Schulen vertieft. Hier die Luxusavantgarde mit individuellen iPads, dort verarmte Nachzügler, in deren Klassenzimmern allenfalls ein paar Gemeinschaftscomputer herumstehen.

So wird die Symbiose von Mensch und Maschine ökonomisch verlangsamt. Auf einem anderen Blatt steht, ob sie auch hält, was ihre Apologeten versprechen. Während vor Jahren Nicholas Carr noch die Frage zu stellen wagte, ob Google uns dumm mache, gibt es für Apple heute keine Zweifel mehr daran, dass die Kids dank der Tabletcomputer klüger geworden sind. Leichter, so Philip Schiller, sei es nie gewesen, ein guter Schüler zu sein. Restlos überzeugen kann er damit nur die Technogeeks, die wiederum, wie erste Reaktionen zeigen, ein bisschen enttäuscht sind über die fehlende neue Hardware. Eine Revolution ohne ein neues Irgendetwas zum Streicheln und Betippen ist für sie ein Revolutiönchen. Auch das könnte das nächste große Ding zur Folge haben.

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Jahrgang 1949, Feuilletonkorrespondent in New York.

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