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Apple-Dialoge in Washington Der Fälscher, sein Zeuge und viele Fragen

 ·  Für seine Kritik an der Apple-Produktion erfand Mike Daisey Fakten. Dann holte sich der Journalist zur Ehrenrettung Steve Jobs’ rechte Hand auf die Bühne. Vom Publikum wurden beide überrascht.

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© Woolly Mammoth Theatre Company Mike Daisey mutiert vom Journalisten zum Bühnenmenschen und wieder zurück

Der Name des Retters: Steve Wozniak. Immer wenn Steve Jobs den Kunden von Apple ihr Lieblingsspielzeug wieder wegnehmen wollte, musste sein Kompagnon und Oberingenieur ein neues Wunderding erfinden. So erzählt es Mike Daisey in seinem Bühnenmonolog „The Agony and Ecstasy of Steve Jobs“. Die Rolle, die Wozniak im Stück hat, soll er nun auch für das Stück spielen.

Im Januar wurde eine gekürzte Fassung in der Sendung „This American Life“ im National Public Radio gesendet. Daiseys Bericht über seine Recherchen in der chinesischen Riesenfabrik, in der die I-Apparate zusammengesetzt werden, erreichte mehr als eine Million Hörer. Im März zog die Redaktion den Beitrag förmlich zurück und bezichtigte den Autor der Lüge. Daisey hatte nicht alles selbst erlebt, was er in der ersten Person Singular schilderte.

Vom Monolog zum Dialog

In der bereinigten Version des Monologs, die Daisey im Woolly Mammoth Theater in Washington zum Vortrag bringt, ruft er einen neuen Zeugen der Anklage auf. Dieser Zeuge bestätigt nicht die Richtigkeit der Angaben über die Produktionsbedingungen in China, sondern die moralische Wirkung von Daiseys Erzählung.

Als Mitbegründer und Großaktionär von Apple müsste Steve Wozniak eigentlich ein Interesse an der Diskreditierung des Konzernkritikers haben. Wozniak habe sich, erzählt Daisey, das Stück aber in Berkeley angesehen und sei davon so aufgewühlt gewesen, dass er eine Verabredung zunächst habe platzen lassen. Dann habe man sich doch noch ausgesprochen - und am Samstag ist Wozniak sogar nach Washington gekommen, um sich persönlich für Daisey zu verbürgen. Auf den Monolog folgt an diesem Abend ein Dialog.

Eine Sternsekunde des Improvisationstheaters

Wozniak zeigt Souveränität; ihm macht es offenbar nichts aus, dass er im Drama von Lust und Leid des Steve Jobs als groteske Karikatur herhalten muss: ein Urmensch des Computerzeitalters, der kindliche Tüftler ohne Hintergedanken. Daisey bringt das Karikaturistische der Figurenzeichnung zur Sprache, um seinen Kritikern eine Nase zu drehen und gerade die Plumpheit des Porträts als Ausweis des Realismus auszugeben. Was solle man davon halten, dass er Wozniak als autistischen Bären darstelle? Wozniak sei eben wirklich ein autistischer Bär.

Als Wozniak neben Daisey auf der Bühne Platz nimmt, trägt er, anders als angeblich beim Treffen in Berkeley, keine Weste, deren Taschen für sieben Handtelefone Platz bieten. Aber wie die junge Generation der Intelligenzbestien hat er eine Wasserflasche bei sich, und sein Bauchumfang verrät, dass er sein Leben lang im Sitzen gearbeitet hat. Die beiden voluminösen Herren könnten Zwillinge sein. Daisey ist ein Schweller, der seinen Körper als Instrument nutzt und in ständigem Wechsel Empörung einatmet und Dampf ablässt.

Es kommt durch Wozniaks leibhaftige Anwesenheit zu einer Verifikation des Monologs, die Daisey so wohl nicht geplant hat: eine Sternsekunde des Improvisationstheaters. Wenn Wozniak im Stück seine Auftritte als genialer Erfinder hat, lässt Daisey ihn mit vollen Händen in die Tastatur greifen. Genau diese Geste deutet der echte Wozniak jedes Mal an, wenn er von der Arbeit am Computer spricht: ein Passwort der Körpersprache.

Die notwendige Gegenfigur zu Jobs

Der Pionier des Rechnerbaus erklärt, dass er den Konzernen nicht traut, die Daten durch das Knüpfen von Netzen sichern wollen. Er lege immer mehrere lokale Kopien an, auf die er den physischen Zugriff habe. Dieser umfassenden Vorsicht des Technikers entspricht eine Maxime der Detektivarbeit aus Daiseys Monolog: Man glaubt nicht mehr an Paranoia, wenn man merkt, dass sich alles gegen einen verschworen hat.

Die gewaltige Wucht von Daiseys Jobsiade entsteht aus der unheimlichen Einheit von Form und Inhalt. Wenn Daisey durch abrupte Tonwechsel die bizarre Verformung unserer Alltagsroutinen durch den Dauereinsatz elektronischer Kommunikationsmittel ausmalt, erntet er heftiges Lachen der Ertappten. Aber er fordert nicht dazu auf, die Geräte abzuschalten. Sie sind uns nicht bloß ans Herz, sondern längst in den Leib gewachsen, so dass wir sie gar nicht herausreißen könnten. Deshalb ist das Monster, als das Daiseys Vortrag den verstorbenen Apple-Chef schildert, die emblematische Figur des Zeitalters.

Wozniak, der nach eigener Aussage immer nur Ingenieur sein wollte, ist die notwendige Gegenfigur zu Jobs, verkörpert aber im Gesamtzusammenhang der Unheilsökonomie die Hilflosigkeit des reinen Arbeitsethos. In makaberster Weise parodiert die Handarbeit der chinesischen Sklaven Wozniaks Traum, alles selbst zu machen.

Theater als Journalismus ausgegeben

Die beiden Freaks im schwarzen Hemd geben sich der Fachsimpelei hin, bis eine Frage aus dem Publikum den Strom abschaltet: Das Geplänkel sei ja amüsant - aber was könne man denn zur Verbesserung der Lage der Arbeiter in Shenzhen tun? Ein philosophischer Graben reißt auf: Während Daisey das Theater auf die Straße tragen will, mit Mahnwachen vor den Apple-Geschäften, stellt Wozniak, der revolutionäre Erfinder, die Wirtschaftsentwicklung nun als Naturgeschehen hin: Man könne den Chinesen unsere Maßstäbe nicht aufzwingen, doch mit der Zeit werde sich die Behandlung der Arbeiter verändern, wie in Japan.

Diesem Vertrauen auf die Evolution der Wirtschaftsgesinnung wird aus dem Publikum entgegengehalten, Apple propagiere doch überall die kühnen Denkansätze - warum nicht auch bei den Menschenrechten? Wozniak hat sich in einen Sprecher des Unternehmens verwandelt: Niemand tue so viel wie Apple, durch Entsendung von Inspektoren, und überhaupt richte sich die Politik der Firma nach den Wünschen der Kunden. Aus dem Hauptstadtpublikum, das 120 Dollar pro Kopf für das edle Spektakel bezahlt hat, melden sich Freiwillige, die 65 Dollar mehr für ein fair produziertes iPad ausgeben wollen. Wozniak hält ihnen kühl entgegen, Apple-Produkte kosteten jetzt schon mehr als vergleichbare Geräte der Konkurrenz, denn man zahle für die Marke.

Hat die Marke Mike Daisey gar nicht darunter gelitten, dass er den Arbeiter erfunden hatte, der mit seiner verkrüppelten Hand über das erste iPad streicht, das er im funktionstüchtigen Zustand vor Augen bekommt? Die letzte Frage aus dem Saal bringt die Affäre zur Sprache: Hat Daisey etwas gelernt? Die Schlusspointe des Abends überrascht ihn wohl selbst. Er schweigt zunächst, dann antwortet er: Einen fundamentalen Fehler habe er bei seiner Verteidigung begangen.

Er habe sich an die Linie gehalten, die Erfindungen mit seiner künstlerischen Freiheit zu rechtfertigen. In diesem Sinne hat er noch in der jüngsten Fassung des Monologs mit seiner diktatorischen Herrschaft über die Erzählung kokettiert. Und so hatte er sich auch im März beim Radiopublikum entschuldigt: Es sei sein Fehler gewesen, Theater im Radio als Journalismus auszugeben. Jetzt stellt er dieses Bekenntnis auf den Kopf: „Ich war immer Journalist.“

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Jahrgang 1967, Feuilletonkorrespondent in New York.

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