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Antisemitismus-Vorwürfe : Auschwitz Komitee kritisiert Echo-Teilnahme von Kollegah und Farid Bang

Glaubt an eine Hetzkampagne: Rapper Kollegah bei der Echo-Verleihung vor drei Jahren Bild: dpa

Einen Tag vor der Echo-Verleihung werden die Antisemitismus-Vorwürfe gegen die Nominierten Kollegah und Farid Bang immer lauter. Das Internationale Auschwitz Komitee spricht von einem beschämenden Vorgang. Auftreten sollen sie trotzdem.

          Vor der Echo-Verleihung mehrt sich die Kritik an den Songtexten der Rapper Kollegah und Farid Bang. Das Internationale Auschwitz Komitee reagierte am Mittwoch empört auf die geplante Teilnahme des Duos an der Preisverleihung in Berlin. Sie sei „für alle Überlebenden des Holocaust ein Schlag ins Gesicht und ein für Deutschland beschämender Vorgang“. Josef Schuster, der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, sagte, es sei „höchste Zeit, ein Stoppschild hochzuhalten“.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Anders als bei umstrittenen Nominierungen in den vergangenen Jahren hatte der Ethik-Beirat des Bundesverbands Musikindustrie (BMI) entschieden, Kollegah und Farid Bang auf der Nominiertenliste zu belassen. Es handele sich um einen „absoluten Grenzfall“. Die künstlerische Freiheit sei in dem Text „nicht so wesentlich übertreten“, dass ein Ausschluss gerechtfertigt wäre.

          Ein typisches Stilmittel?

          Die beiden Künstler sind in mehreren Kategorien für einen Echo nominiert. Auf ihrem Album „Jung, brutal, gut aussehend 3“ beschimpfen sie andere Rapper und Produzenten, wie es im Battle-Rap üblich ist. In den Songtexten finden sich immer wieder sexistische, rassistische und gewaltverherrlichende Passagen. Der als besonders geschmacklos empfundene Song „0815“ beginnt mit der Textzeile „Diese Syrer vergewaltigen dein Mädel, Bitch“, handelt von Rache und Geschlechtsverkehr mit Minderjährigen und enthält auch die Zeile „Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen“. Der unabhängige Ethik-Beirat des Musikpreises hatte die Textzeilen nach einem Bericht der „Bild“-Zeitung geprüft und darauf verwiesen, dass verbale Provokationen ein typisches Stilmittel im Battle-Rap seien.

          Am Donnerstag wird weltweit der Gedenktag für die Opfer des Holocaust begangen. Der Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees, Christoph Heubner, sagte: „In diesem Zusammenhang und gerade an diesem Tag mutet der deutsche Beitrag zum Gedenken, so wie er sich beim Echo widerspiegelt, mehr als makaber an.“ Die Entscheidung des Ethikrates und der beteiligten Verantwortlichen sei „schäbig, feige und falsch“ und leiste mit ihrer Tragweite und öffentlichen Wahrnehmung Antisemitismus und Rechtsextremismus Vorschub. Josef Schuster erinnerte daran, dass die Musiker eine Verantwortung dafür trügen: Junge Fans orientierten sich an ihren Themen und Positionen.

          Farid Bang hatte nach den ersten kritischen Medienberichten auf seiner Facebook-Seite beteuert, dass Kollegah und er mit dem Lied niemanden diskriminieren wollten. Es handle sich „nicht um eine politische Äußerung“. Kollegah wiederum veröffentlichte auf Youtube Videos, in denen er den deutschen „Mainstream-Medien“ Meinungsmache vorwarf und verkündete, das Volk habe es satt, „sich verarschen zu lassen“. Was die „Bild“-Zeitung mit ihrem Artikel bezweckt habe, sei versuchte Zensur und vergleichbar mit der Situation in „totalitären Staaten“. Er rief andere Künstler und Fans dazu auf, sich dagegen zu wehren. Beim Hessentag im vergangenen Jahr war bereits ein Konzert des Rappers wegen Antisemitismus-Vorwürfen abgesagt worden.

          Der jüdische Rapper Spongebozz, der ebenfalls für einen Echo nominiert ist, hält die kritisierte Textzeile für „geschmacklos – aber nicht antisemitisch“. In einem Gespräch mit dieser Zeitung sagte er: „Ich kenne Kollegah. Er ist kein Antisemit.“ Einen möglichen Ausschluss seiner Hiphop-Kollegen bezeichnete er als Zensur: „Die Kunstfreiheit ist ein zu hohes Gut in Deutschland, als dass wir sie einschränken sollten, nur weil uns eine bestimmte Kunst nicht passt.“ Spongebozz hatte sich vor einigen Monaten zu seinem jüdischen Glauben bekannt. Er sehe kein explizites Antisemitismus-Problem in der Rap-Szene, sagte er. Das Problem sei ein gesellschaftliches.

          Ob die Debatte während der Sendung thematisiert wird, ist noch unklar. Geplant ist ein Live-Auftritt der beiden Rapper. Für die Nominierung sind die Verkaufszahlen entscheidend, bei der Preisvergabe fließt aber seit dem vergangenen Jahr auch das Votum einer Fachjury ein. Zu Forderungen nach einer generellen Veränderung der Auswahl der Nominierten sagte Echo-Geschäftsführerin Rebecka Heinz: „Der Echo ist seit seiner Entstehung ein Publikumspreis, bei dem abgebildet wird, welche Künstler im vergangenen Jahr am erfolgreichsten waren.“ Diese Anforderungen erfüllten die beiden Rapper mit ihrem gemeinsamen Album genauso wie alle anderen Nominierten, darunter Helene Fischer, Kylie Minogue, die britische Sängerin Rita Ora und der ehemalige Boyband-Sänger Liam Payne.

          2013 standen die Organisatoren des Musikpreises in der Kritik, als die wegen ihrer mutmaßlichen Nähe zur rechten Szene umstrittene Band „Frei.Wild“ für einen Echo nominiert war. Mehrere Künstler, darunter die Chemnitzer Band „Kraftklub“, die Berliner Elektropop-Gruppe „MIA.“ und andere Bands hatten daraufhin angekündigt, die Verleihung zu boykottieren. Der Veranstalter zog die Nominierung schließlich zurück.

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