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Antisemitischer Ausfall Ende einer Reporterlegende

09.06.2010 ·  Jahrzehntelang saß sie im Pressesaal des Weißen Hauses in der ersten Reihe, direkt vor dem Präsidenten. Jetzt wird der Platz von Helen Thomas neu besetzt - wegen eines antisemitischen Affronts.

Von Matthias Rüb, Washington
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Die Rede vom Rücktritt von Helen Thomas ist reiner Euphemismus. Die Wahrheit ist, dass der Doyenne des Pressekorps im Weißen Haus fristlos gekündigt wurde – von ihrer Agentur, der sie lukrative Redeauftritte verdankte; von ihrem letzten Arbeitgeber „Hearst News Service“, für den sie zuletzt als Kolumnistin tätig war; vom Korrespondentenverband im Weißen Haus, der eine Rüge aussprach; schließlich von der amerikanischen Medienszene und Öffentlichkeit.

Die Karriere einer Reporterin, die seit fast einem halben Jahrhundert über jeden Präsidenten im Weißen Haus seit John F. Kennedy berichtet hatte und im August ihren neunzigsten Geburtstag feiert, ist wegen eines antisemitischen Ausfalls zu Ende gegangen. Bei einem zufälligen Aufeinandertreffen mit Rabbi David Nesenoff aus Long Island im Garten des Weißen Hauses fasste die in Detroit (Michigan) geborene Tochter libanesischer Einwanderer ihre Meinung zum Nahost-Konflikt mit folgenden Worten zusammen: Die Juden sollten „zum Teufel noch mal aus Palästina abhauen“ und „nach Polen, Deutschland, Amerika oder sonst wohin gehen“.

Ein Sturm der Entrüstung fegt sie aus dem Amt

Rabbi Nesenoff hatte Helen Thomas nicht mit einer Fangfrage aufgelauert und sie auch nicht mit versteckter Kamera gefilmt; er hatte sich ihr vielmehr sozusagen amtlich vorgestellt – die Gruppe von Rabbis war zu einer Feier jüdischen Erbes ins Weiße Haus eingeladen –, und er hielt auch seine Videokamera erkennbar für Helen Thomas auf sie gerichtet, als diese Nesenoffs Frage nach ihrer Ansicht zu Israel beantwortete.

Nachdem die Äußerungen Thomas’ vor der Kamera des Rabbis, der auch einen (Video-)Blog unterhält, bekannt wurden, forderte zunächst George W. Bushs erster Pressesprecher Ari Fleischer den Rücktritt von Helen Thomas wegen ihrer bald weithin als untragbar angeprangerten Ansicht. Bald erreichte der Sturm der öffentlichen Entrüstung eine solche Stärke, dass sich Agentur, Arbeitgeber und Korrespondentenverband von Helen Thomas trennten. Auch ihre eilig und verklausuliert formulierte Entschuldigung, wonach ihre Äußerung „nicht meine von Herzen kommende Überzeugung widerspiegelt, dass es nur dann Frieden im Nahen Osten geben wird, wenn alle Seiten die Notwendigkeit gegenseitigen Respekts und gegenseitiger Toleranz anerkennen“, vermochte sie nicht mehr zu retten.

„Bis sie mich tot raustragen“

Über Helen Thomas’ linke Überzeugungen, über ihre proarabische und antiisraelische, wahrscheinlich auch antisemitische Einstellung konnte es seit langem keinen Zweifel geben: Sie hat sie in Pressekonferenzen immer und immer wieder geäußert. Vor allem seit ihrem Wechsel von der Nachrichtenagentur UPI, für die sie fast vier Jahrzehnte als Korrespondentin aus dem Weißen Haus berichtete, im Jahr 2000 zu „Hearst“, wo sie eine kaum beachtete Kolumne schrieb, missbrauchte sie ihren reservierten Ehrenplatz in der ersten Reihe im Presseraum des Weißen Hauses als Podium für langatmige Meinungsäußerungen und gehässige Kritik zumal an Präsident Bush, aber auch an Obamas Nahost-Politik, statt von dort aus informierte kritische Fragen zu stellen. Damit untergrub sie ihren eigenen Nimbus, bahnbrechend für viele Frauen in der einstigen Männerdomäne der Washingtoner Journalistenszene gewesen zu sein.

Doch wie so viele männliche Alphatierchen, die sich nicht vorstellen können, dass sich die Welt auch ohne sie weiterdreht, verpasste sie den Zeitpunkt eines Rückzugs ins Private in Ehren. Auf die Frage eines in den Ruhestand scheidenden Kollegen, wie lange sie das im Weißen Haus noch machen wolle, antwortete Helen Thomas: „Bis sie mich tot heraustragen.“ Leider hat sie das ebenso ernst gemeint wie die Sache mit den Juden in Palästina.

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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

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