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Anti-Zensur-Software Wer sich in diesen Heuhaufen setzt, fliegt auf

29.09.2010 ·  Das Online-Programm „Haystack“ sollte Dissidenten vor dem Zugriff der Zensoren schützen, gerade in Iran. Doch in Wahrheit hätte es die Aktivisten ausgeliefert. Eine gefährliche Panne, peinlich für die Jubler.

Von Detlef Borchers
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Haystack (Heuhaufen), eine Software des kalifornischen Censorship Research Center (CRC), soll eigentlich Dissidenten in Ländern mit beschränkter Meinungsfreiheit vor dem Zugriff des Staates schützen. Eingebettet in einen Strom von unwichtigen Daten, die eine Art Hintergrundrauschen erzeugen, sollen wichtige Nachrichten verschlüsselt ins Ausland fließen, um dort, von einem Server vom Datenmüll befreit, zum eigentlichen Adressaten weitergeschickt zu werden. „Viel Spaß bei der Suche nach der Nadel im Heuhaufen“, heißt es spöttisch auf der CRC-Website, die sinnigerweise Strohballen abbildet.

Haben findige Hacker wie im Fall von Wikileaks wieder einen Weg gefunden, unterdrückten Nachrichten einen Weg in die Weltöffentlichkeit zu bahnen? Das Gegenteil scheint der Fall zu sein: Nach einer ersten Analyse der Software, die sich freilich noch in einem frühen Beta-Stadium befindet, ist Haystack einfach Müll, gefährlicher Müll.

Die Software soll so schlecht programmiert worden sein, dass es für Angreifer oder Überwacher leicht ist, die Absender zu enttarnen. Dementsprechend warnt die amerikanische Bürgerrechtsorganisation Electronic Frontier Foundation (EFF) vor dem Einsatz von Haystack. Dissidenten in Iran, die die ersten Anwender von Haystack werden wollten (die Firma wollte tausend USB-Sticks mit der Software nach Iran schmuggeln), gefährdeten durch die Software ihr Leben, meint die EFF. Der Programmierer Jacob Appelbaum, ein Datenaktivist aus dem Wikileaks-Umfeld, nannte Haystack ein stümperhaft entwickeltes Programm. Er hatte als einer der Ersten einen Blick auf den Quellcode der Software geworfen.

Vorprogrammierte Panne?

Nun ist die Betroffenheit groß: Immerhin ist das Censorship Research Center Teil einer Initiative, die niemand anderes als die amerikanische Außenministerin Hilary Clinton mit einer Rede über „Internet Freedom“ im Januar dieses Jahres gestartet hat. Im Rahmen dieser Initiative werden Firmen wie das CRC finanziell unterstützt. Nach den deutlichen Warnungen wurde Haystack gestoppt, der Chefentwickler Daniel Colascione entschuldigte sich für den angerichteten Misthaufen. Ob Absicht, Zufallspatzer oder eine innere Notwendigkeit im Spiel war, darüber wird jetzt intensiv diskutiert.

Der prominenteste Kritiker von Haystack ist Evgenij Morozov, ein Politologe von der Washingtoner Georgetown University, der aus Weißrussland stammt und sich vehement gegen die Netzutopisten stemmt. Einem größeren Publikum wurde Morozov bekannt, als er in der „Washington Post“ die „Twitter-Revolution“ in Frage stellte, den angeblich per Twitter gesteuerten Protest der Iraner gegen die Parlamentswahlen 2008. Morozov hegte früh den Verdacht, dass Haystack eine reine PR-Aktion sein könnte. Ihn machte es stutzig, dass die Software im stillen Kämmerlein entwickelt wurde. Verschlüsselungssoftware wie etwa die Festplatten-Verschlüsselung Truecrypt oder die Mail-Verschlüsseler der PGP-Familie zeichnet es aus, dass ihre Funktionsweise offengelegt wird. Kryptographie-Spezialisten können so überprüfen, ob die Software wirklich sicher ist und keine Schwachstellen hat. Die Geheimnistuerei um Haystack widersprach dieser Philosophie, umso mehr, da sie als „Open Source“ deklariert wurde. Eine Kopie der Software, die Morozov zugespielt wurde, nachdem er auf seinem Blog „Net Effects“ vor Haystack gewarnt hatte, wurde von Appelbaum analysiert und kritisiert.

Doch es gibt nach wie vor Befürworter von Haystack wie Mehdi Yahyanejad von der iranischen Website Balatarin, der für seinen Kampf um Meinungsfreiheit in Iran einen Preis der Deutschen Welle gewann. Yahyanejad war früh in die Probleme von Haystack eingeweiht und schätzte sie anders ein. Nach seiner Ansicht ist die symbolische Bedeutung größer, weil mit der Programmieraktion allein schon ein Zeichen gesetzt werde, sich mit der Zensur des iranischen Regimes nicht abzufinden. Nach Einschätzung des Regimekritikers ist nicht zu erwarten, dass die iranischen Zensoren Haystack-Nutzer behinderten, wenn sie das Programm einsetzten, wie sie Twitter-Nutzer bei der Twitter-Revolution im Jahr 2008 nicht behindert haben, als diese öffentliche (auch von der Zensur lesbare) Tweets absetzten. Doch was für Iran möglicherweise richtig ist, kann anderswo fatale Folgen haben, entgegnete Morozov und erinnerte an ägyptische oder chinesische Dissidenten, die in Haft sind, weil ihre Kommunikation überwacht wurde.

Hacker-Hybris und „Schlafftivismus“

In der Debatte um Haystack spielen die Medien eine wichtige Rolle. Noch vor den ersten Arbeiten an der Software erschienen begeisterte Berichte, die Austin Heap feierten, einen jungen Amerikaner, der für die Proteste in Iran einen Umleitungsserver (Proxy Server) zur Verfügung gestellt hatte. Heap präsentierte sich als Leiter des Haystack-Projekts und war um große Worte nicht verlegen. Er hoffe, sagte er, man sei bald so weit, das nächste Land nach Iran „in Angriff zu nehmen. Wir werden die Software systematisch für den Einsatz in jedem Land entwickeln, das seine Bevölkerung zensiert. Wir haben eine Liste. Unsere Nachricht ist klar: Legt euch nicht mit Hackern an, die euch überlegen sind. Die grinsenden Hacker-Kids zeigen euch schon, wie das Internet funktioniert.“ So wird Heap in „Newsweek“ zitiert. Ohne auch nur einen Blick auf die Software geworfen zu haben, erklärte der „Guardian“ Heap zum „Innovator des Jahres“.

Die Distanzlosigkeit einiger Medien hängt mit der Angst zusammen, keine wichtige Online-Entwicklung zu verpassen. Geschichten über diese Themen verkaufen sich, weil sie das „gute Internet“ zeigen. Die wenigsten Leser dieser Zeitung werden den Begriff „Slacktivism“ kennen, eine Zusammensetzung aus „slack“ und „activism“, mit der bestimmte Internet-Surfer und Medien kritisiert werden. Übersetzt müsste man vom „Schlafftivismus“ sprechen, von einem Protest, der digital und bequem ist: Man ist beispielsweise gegen Atomkraft und unterzeichnet eine E-Petition im Browser. Zu einer richtigen Demo, gar einer Blockade reicht es nicht. Ein Ausdruck des Slacktivism ist die Überzeugung, dass digitale Werkzeuge dank Internet progressive Werkzeuge sind und jede Sperre aushebeln.

Entsprechend hoch ist die Verehrung, die Programmierern entgegengebracht wird, die das Gute versprechen, nach dem Motto: Sie fechten es aus, sie machen den Zensor lächerlich und geben der unterdrückten Wahrheit Geleitschutz. Dieser bequeme Slacktivism wird von Medien verstärkt, die sich nicht im Geringsten um die innere Arbeitsweise eines Programms kümmern, aber von „pfiffigen Lösungen“ sprechen und vollends aus dem Häuschen sind, wenn ein junger Kerl wie Austin Heap eine Lösung gegen die Zensur präsentiert. Kritische Fragen zum Funktionieren des Programmes unterbleiben. Dass die Sache am Ende glimpflich ausgeht, zwar ohne Heuhaufen, doch ohne Verhaftungen, ist den Technikern zu verdanken, die nicht zum Slacktivism neigen.

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