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Anschlag in München : Wir wollen ja nicht spekulieren

Zumindest er wusste, wovon er redet: Münchens Polizeipräsident Hubertus Andrä bei der nächtlichen Pressekonferenz Bild: dpa

Das Fernsehen zeigt bei der Berichterstattung zu dem Massenmord im Olympia-Einkaufszentrum, wozu es in der Lage ist. Es erklärt Dinge, ohne zu wissen, was vor sich geht. Nur einer tritt beiseite und erklärt, was das Wesen von Terror und Gewalt ist.

          An einem Abend wie dem gestrigen zeigt sich, was ein Anschlag mit dem Medium Fernsehen macht: Auf den Kanälen, die auf aktuelle Berichterstattung umschalten, beginnt ein Wettlauf um die schnellste Information. Diese kann nur bruchstückhaft sein. Zugleich aber wird sie aus dem Stand interpretiert und eingeordnet. Das ist die Stunde der Experten, von Leuten wie Georg Mascolo im Ersten und dem stellvertretenden Chefredakteur des ZDF, Elmar Theveßen. Sie sollen die Deutungsmacht über ein Geschehen behaupten, dessen Konturen noch im Unklaren liegen.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Ihnen bleibt also gar nichts anderes übrig, als zu spekulieren. Dazu werden sie von den Moderatoren im Studio gedrängt, die – wie Thomas Roth in der ARD oder Claus Kleber im ZDF -, schon im nächsten Augenblick sagen, es bringe gar nichts, jetzt zu spekulieren. Sekunden später bitten sie um die nächste Deutung im Konjunktiv. Sie ringen um eine Sicherheit, die es gar nicht geben kann und drehen sich, schneller und schneller, im Kreis.

          Haben Sie eine Kristallkugel?

          Das beginnt mit dem Reporter des Bayerischen Rundfunks, der den bewundernswert abgeklärten Sprecher der Münchner Polizei ein um das andere Mal zu Schlussfolgerungen drängt, die der Polizeibeamte nicht ziehen kann und nicht ziehen will.

          Handelt es sich um einen islamistischen Anschlag, ist es die Tat von Rechtsradikalen oder der „Amoklauf“ eines Einzelnen? War die Polizei auf einen solchen Anschlag unzureichend vorbereitet? (Einen Anschlag, von dem zu diesem Zeitpunkt nur klar ist, dass er acht Opfer gefordert hat und einen „weiteren Toten“.) Wurden die Sicherheitskräfte „kalt erwischt“? Oder haben sie, sollte es sich um einen einzelnen Täter handeln, überreagiert? Der Polizeisprecher sagt irgendwann, dass ihm der Reporter doch bitte die Kristallkugel aushändigen solle, die ihm die Antworten auf diese Fragen verriete. Der Polizist kann nicht sagen, wovon er nicht weiß, das muss schließlich sogar sein Gegenüber einsehen.

          Aus der Luft gegriffen

          Doch was der Polizeisprecher wohlweislich nicht in die Welt setzt, greifen die Experten im Studio aus der Luft: „Es könnte sich um eine terroristische Tat handeln“, „es könnten Rechtsradikale in Frage kommen“, „wenn es sich bei dem aufgefundenen Toten um den Mann mit dem roten Rucksack handelt, könnte es sein, dass es sich um den Täter handelt“. Das Video, dass womöglich diesen oder womöglich einen Täter im Wortwechsel mit einem Anwohner zeigt, und in dem der Täter unter anderem sagt, er sei Deutscher, wird wieder und wieder analysiert. Mal schlägt das Interpretationspendel Richtung Islamismus, dann wieder Richtung fremdenfeindliche Tat, dann Richtung verwirrter Einzeltäter.

          Der ARD-Kollege aus Berlin weiß derweil zu berichten, dass im Regierungsviertel keine besonderen Sicherheitsmaßnahmen zu erkennen seien. Kurz zuvor hatte Georg Mascolo von der Zielgenauigkeit des früheren Linksterrorismus gesprochen, der sich auf führende Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft konzentrierte.

          In der Endlosschleife der Spekulation

          So werden in Endlosschleife Weiterungen diskutiert und Ableitungen vorgenommen ganz in dem Stil, in dem die Grünen-Politikerin Renate Künast zu dem Terrorattentat eines Islamisten nahe Würzburg kurz nach Mitternacht ihren Fragenzeichen-Tweet verfasste, in dem es ihr allein darum zu tun war, das Handeln der Polizei in Frage zu stellen, die den Täter erschossen hatte. Einen Täter, der sich, wie wir am Abend des Anschlags von München abermals hören, angeblich in Rekordzeit radikalisiert hat, von dem wir aber bis heute nicht einmal wissen, um wen es sich handelte, ob er wirklich aus Afghanistan kam und ob er wirklich 17 Jahre alt war.

          Die Stegreif-Erklärungen gehen soweit, dass der aufgeregte Claus Kleber, der sich fortwährend verspricht, seinen Kollegen Elmar Theveßen mit der Frage behelligt, was wäre, wenn es sich in München um einen Einzeltäter handelte, dessen Motive nicht einmal aus Sicht von Terroristen „vernünftig“ erschienen. (Über seinen Vernunft-Begriff müssen wir mit Kleber einmal reden.)

          Bei RTL, n-tv oder N24 läuft es in den Zwiegesprächen zwischen den Moderatoren und Experten, Politikern und immer wieder dem Sprecher der Polizei nicht viel anders. Die Journalisten ergeben sich dem CNN-Syndrom: Wenn es nichts Neues gibt, spielen sie Was-wäre-wenn? Das wird besonders deutlich bei der besonders ausführlich berichtenden ARD, von der zurzeit wieder einmal gefordert wird, sie und das ZDF bräuchten endlich einen öffentlich-rechtlichen Nachrichtenkanal. Wobei übersehen wird, dass die Sender diesen mit dem Programm von Phoenix längst haben.

          „Wie fühlen Sie sich“?

          Einer tritt aus dem Spekulationskarussell heraus, durch das sich das Fernsehen von der Informationsgebung auf professionellen Nachrichtenseiten im Netz und dem Hörfunk unterscheidet: Christof Lang, der für RTL und n-tv aus München berichtet. Er bekommt bei n-tv die peinlichste aller Fragen gestellt: Wie er sich denn fühle? Dazu sagt er nicht viel. Er stellt angesichts einer solchen Untat und einer lahmgelegten Millionenstadt vielmehr fest, was der Terror mit den Menschen macht und wie schnell sich bei uns Chaos erzeugen lässt, ganz gleich, welchen Hintergrund eine solche Tat hat: Wie oft wird das noch passieren?

          Damit drückt Lang aus, was vielen an diesem Abend, in dieser Nacht und darüber hinaus durch den Kopf gehen dürfte: Geht das jetzt immer so weiter? Bei N24 geht da schon wieder um die Frage Islamismus oder Amok. Im Ersten sagt Georg Mascolo: Wir werden mit der Erklärung wohl noch eine Weile warten müssen. So zeigt das Fernsehen, was Terror und Gewalt in einer Gesellschaft bewirken.

          Das Warten zieht sich bis um kurz vor halb drei, als die Münchner Polizei den vorläufigen Stand der Ermittlungen bekannt gibt: zehn Tote, 21 Verletzte, der mutmaßliche Täter ein 18 Jahre alter Deutsch-Iraner, er habe allein gehandelt, von weiteren Mittätern gehe man nicht aus.

          Zu welchen Spekulationen gibt das jetzt Anlass?

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