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Anrufsender Per Zufall abgezockt

01.06.2007 ·  Mit undurchsichtigen Praktiken halten Anrufsender ihre Zuschauer hin und verleiten sie zu teuren Anrufen. Nicht vom Zufall, sondern vom Gutdünken des Moderators hängt der Verlauf ihrer Gewinnsendungen vielfach ab. Die Medienaufsicht kümmert das wenig.

Von Stefan Niggemeier
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Bei Hans-Jürgen Bäumler war die Sache noch überschaubar. Wenn er in seiner RTL-Spielshow „Riskant!“ - anno 1992 - einen Studiokandidaten erwählte, schnippte er mit Fingern und rief „Zuffi!“ Der Zufallsgenerator bestimmte dann in Sekundenschnelle, wer als nächstes dran war, und niemand kam auf den Gedanken, dass mit ihm oder den Fingern von Hans-Jürgen Bäumler etwas nicht stimmen könnte.

Heute heißt der „Zuffi“ aus Gründen, die nicht mehr nachzuvollziehen sind, „Hot Button“. Zum Einsatz kommt er in den sogenannten Call-In-Sendungen von 9Live, DSF, den MTV-Sendern und anderen, und das Problem beginnt damit, dass man nie weiß, wann er „zuschlägt“. Manchmal vergehen Stunden, ohne dass es dazu kommt, während die Moderatoren die Zuschauer permanent animieren, jetzt sofort und gerne mehrmals für teures Geld anzurufen, weil der „Hot Button“ angeblich „jederzeit“ zuschlagen könne. So generieren sie die Einnahmen, von denen die Produzenten der Sendungen leben.

Kein Zufall, sondern Kalkül

Zentral sind zwei Illusionen: Man müsse sich beeilen, um mitzuspielen. Und wenn über lange Strecken niemand durchgestellt wird, könne das nur bedeuten, dass niemand anruft, die Chancen durchzukommen also riesig seien. Beides ist natürlich falsch, aber die ununterbrochene Suggestion durch die aggressiven Moderatoren entwickelt einen Sog, der Leute offenbar immer wieder zum Anrufen verführt.

In der vergangenen Woche gab 9Live nach erheblichem öffentlichen Druck erstmals zu, dass der Zeitpunkt, zu dem der „Hot Button“ zuschlägt, keineswegs vom Zufall abhängt, sondern allein von der Entscheidung eines Redakteurs. Der Sender bestätigte damit indirekt Berichte ehemaliger 9Live-Mitarbeiter, wonach es gängige Praxis ist, Spielrunden in die Länge zu ziehen, ohne jemanden durchzustellen, wenn gerade viele Leute anrufen. 9Live beteuert jedoch, es handele sich „in seiner Gesamtheit“ um „einen echten Zufallsmechanismus“. Ein „in Deutschland einzigartiges System“ stelle sicher, dass jeder Mitspieler jederzeit eine Gewinnchance habe - auch die, die anrufen, bevor der Redakteur den „Hot Button“ auslöst. Einzelne Anrufer erhalten die Möglichkeit, sich registrieren zu lassen, und werden „mit etwas Glück“ von 9Live zurückgerufen, sobald der „Hot Button“ zugeschlagen hat. Es kann also sein, dass der Redakteur dafür sorgt, dass drei Stunden lang niemand durchgestellt wird, aber derjenige, der dann schließlich doch seine Lösung sagen darf, schon vor zwei Stunden angerufen hat. 9Live glaubt, auf diese komplexe Weise alle Vorgaben der Landesmedienanstalten zu erfüllen.

Tricksereien mit dem Modus

Die Firma Callactive, die jede Nacht rund drei Stunden lang für Viva, Comedy Central und den Kindersender Nick die irreführend benannte Sendung „Money Express“ produziert, geht einen anderen Weg. Sie hat die Funktion ihres „Hot Buttons“ in dieser Woche ebenfalls erklärt. Danach gibt bei Callactive der Redakteur nur die Höchstdauer einer Spielrunde vor. Innerhalb dieser Zeit wähle das System, rein technisch und rein zufällig, einen Anrufer aus. Der Zeitpunkt, zu dem dies geschieht, werde vorher niemandem bekanntgemacht. Es handle sich um eine „transparente und nicht beeinflussbare Logik“.

Dieser Ablauf käme der intuitiven Annahme, wie so ein Zufallsmechanismus funktioniert, sicher recht nahe - obwohl zu echter Transparenz mindestens die Information gehörte, wie lang die vorgegebene Höchstdauer einer Spielrunde ist. Doch die Firma Callactive trickst in ihrer Pressemitteilung ähnlich wie im Programm. Die Beschreibung bezieht sich ausschließlich auf Spiele im „Hot-Button-Modus“. Der kommt bei einer durchschnittlichen „Money Express“-Sendung aber kaum zum Einsatz. Über weite Strecken wird im „Leitungs-Modus“ gespielt, bei dem es darum geht, eine von mehreren angeblich „geöffneten“ Leitungen ins Studio zum richtigen Zeitpunkt zu treffen. Dieser Zeitpunkt wird aber vermutlich nicht zufällig, sondern vom Redakteur bestimmt.

Suggestion von Zeitdruck

Die Frage, ob die „transparente“ und „nicht beeinflussbare Logik“ auch für den Leitungs-Modus gilt, wollte Callactive ebenso wenig beantworten wie alle weitere Fragen nach dem Ablauf der Spiele. Antworten gibt das Programm selbst. Im „Money Express“ laufen lange Spielrunden, ohne dass am Ende jemand durchgestellt wird. Die MTV-Programme verstoßen auch gegen die Gewinnspielregeln der Landesmedienanstalten, indem sie immer wieder einen nicht vorhandenen Zeitdruck aufbauen und den falschen Eindruck erwecken, ein Spiel sei in wenigen Augenblicken oder zu einer bestimmten, eingeblendeten Uhrzeit zu Ende.

Letztlich profitieren die Call-TV-Anbieter in Deutschland davon, dass es eines gibt, das noch viel, viel länger braucht, um zuzuschlagen als ein „Hot Button“: die Medienaufsicht.

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