Es wirkt wie ein verzweifelter Schrei nach Aufmerksamkeit. In der vergangenen Woche erklärte der wegen ständiger Gerichtskosten notorisch klamme Julian Assange auf seiner Plattform Wikileaks die Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten mal eben zur Nebensache. Weder eine Stimme für die Demokraten noch für die Republikaner werde irgend etwas bewirken. Einzig die Abstimmung mit der Brieftasche zahle sich aus: „Wählen Sie Wikileaks“, mit einer Spende von zehn Dollar an sei man dabei.
Ist eine Spende an Wikileaks mehr wert als die eigene Stimme bei der Wahl? Mit der herablassenden Vehemenz dieses Aufrufs hat sich Wikileaks keinen Gefallen getan. Assanges Wortmeldung hat sogar zu einem Zerwürfnis mit seinen wohl letzten treuen Unterstützern geführt - den Aktivisten von Anonymous.
Erst zahlen, dann recherchieren?
Seit Februar veröffentlicht Wikileaks die „Global Intelligence Files“, Millionen Emails der privaten Sicherheitsfirma Stratfor, die für die amerikanische Regierung arbeitet. Jeden Mittwoch kommt eine neue Aussendung hinzu, die selbstverständlich spektakulär angekündigt werden muss. Und da in rund 200.000 E-Mails entweder die Stichworte „Obama“, „Romney“, „Biden“ oder deren Parteien genannt werden, heißt das neue Paket sogleich „Presidential Campaign Release“.
Dass diese Mails den Wahlkampf in irgendeiner Weise beeinflussen, ist allerdings unwahrscheinlich. Es handelt sich um den teils flapsigen Meinungsaustausch unter Mitarbeitern, mit Einschätzungen zur Lage in verschiedenen Ländern, Presserundschauen - auf den ersten Blick nichts, was nachhaltig aufregen könnte. Doch so weit kamen die meisten Interessierten gar nicht.
Klickt man auf den Link zu den Dokumenten, ploppt abermals der Spendenaufruf auf. Und weil es dann nicht mehr weitergeht, stellte sich die Frage: Wird man nun zum Bezahlen gezwungen, bevor man sich die Inhalte ansehen kann? Haben die Verfechter des freien Internets hier eine Bezahlschranke eingerichtet? Twitterer des Hackerkollektivs Anonymous liefen Sturm: „Das wird euch alle Verbündeten kosten, die ihr hattet - bitte sterbt im Feuer.“ Nein, das sei keine Bezahlschranke, beschwichtigte Wikileaks, sobald man den Spendenaufruf in den sozialen Netzwerken teile, verschwinde er. Wer seine digitalen Freunde nicht belästigen will, der wartet einfach fünfzehn Minuten vor dem Bildschirm.
Doch Geduld ist keine digitale Tugend, und offensive Bedürftigkeit schreckt auch im Netz ab. So hat Wikileaks in dieser Woche wieder eine Reihe Unterstützer verloren. Daran konnte auch der letzte versöhnlich gemeinte Tweet nichts mehr ändern: „Danke, dass ihr auf unsere Spendenkampagne aufmerksam gemacht habt. Solidarische Grüße. WL.“
Spendenaufrufe für NGOs sind normal
Holger Schreck (Osztrak)
- 13.10.2012, 11:20 Uhr
Sperre umgehen
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Eine Berichterstattung über die Scharmützel zwischen
Halbkriminellen und Kriminellen
Lothar Wölfel (LWoelfel)
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