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„Anonymous“ vs. „Kollektiv“ : Schusswaffen werden mitgeliefert

  • -Aktualisiert am

„Wir sind Anonymous“: Das kann jeder sagen. Und so hatten die Hacker große Mühe, Echt von Unecht zu unterscheiden. Bild: AFP

Fake News sind nicht nur für Facebook ein Thema. Die Hacker von „Anonymous“ machten auch Erfahrungen damit, als die Splittergruppe „Anonymous Kollektiv“ zu hetzen begann. Eine Fahndungsgeschichte.

          Die zurzeit vieldiskutierte Frage, wie man und wer die Echtheit von Informationen im Internet bestimmt, treibt auch die Hackerbewegung Anonymous um. Ins Leben gerufen als anarchisches Forum für Vielfalt und gegen staatliche Informationsmonopole, muss die Bewegung gewärtigen, dass in ihrem Namen auch das Gegenteil des Intendierten betrieben wird: Unter dem Label „Anonymous“ werden vermeintliche Falschdarstellungen nicht demaskiert, sondern verbreitet – vom sogenannten „Anonymous-Kollektiv“.

          Bis zu seiner Sperrung im Mai des vergangenen Jahres hatte das „Anonymous-Kollektiv“ auf Facebook fast zwei Millionen Likes und war eine der größten gegen Flüchtlinge hetzenden Seiten im deutschsprachigen Raum. Dem „Kollektiv“ ging es um brachiale Agitation gegen Angela Merkels Flüchtlingspolitik und die Zuwanderung. Es wird hauptsächlich an der Anschlussfähigkeit der dort publizierten Artikel gelegen haben, dass die Zahl der Likes konstant stieg, doch gab der Titel „Anonymous“ dem „Kollektiv“ den Anschein vermeintlich legitimer Subversivität. Das „Anonymous Kollektiv“ wurde zu einem wirkungsmächtigen neurechten Organ.

          Nur, wenn gegen das eigene Haus geschossen wird?

          Die Versuche „echter“ Gruppen von Anonymous, das „Kollektiv“ als den Idealen der Bewegung widersprechende Splitterfraktion zu entlarven, gestalteten sich zunächst mühselig. „Natürlich ist es immer schwer und kein leichter Weg, sich als Anonymous von Anonymous zu distanzieren (klingt verwirrend, stimmt’s?)“, heißt es beispielsweise in einem Blog-Eintrag der Gruppe im März 2015, der beklagt, das „Kollektiv“ ziehe „alles in den Dreck, wofür Anonymous eigentlich steht: Meinungsfreiheit, keine Zensur, Privatsphäre“. Deshalb sei es letztlich dann „doch nicht schwer“, das „Kollektiv“ aus dem Kreis der wahren Anonymous-Bewegung auszuschließen. Aber ist es wirklich so einfach, wie es Mitglieder hier behaupten? „Zensurfreiheit“ im Internet zu fordern, zugleich aber damit beschäftigt zu sein, sich von „falschen Anonymen“ zu distanzieren, muss auch den Verfassern in seiner Widersprüchlichkeit aufgefallen sein. Denn wenn auf jeder Form der Meinungsfreiheit bestanden wird, wie kann es dann etwas wie Fake News oder Fake Anonymous überhaupt geben? Nur, wenn gegen das eigene Haus geschossen wird?

          Der Fall des „Anonymous Kollektivs“ schärft den Blick auf eine in der aktuellen Debatte um Fake News vernachlässigte Dimension. Denn unabhängig davon, ob eine Information nun nach Faktenlage „echt“, also „richtig“, oder „nicht echt“, also „falsch“ ist oder es sich um eine Frage der Bewertung handelt, gibt es keinen Zweifel daran, dass Hetze und Aufrufe zu Gewalt gegen Personen und Gruppen egal welcher Couleur – wie sie beim „Anonymous Kollektiv“ zu finden waren, verboten sind.

          Im Zuge der Flüchtlingskrise radikalisiert

          In seinen Anfängen widmete sich das „Kollektiv“ dem Krieg auf der Krim, verteufelte den angeblich faschistischen Staat der Ukraine und proklamierte das Recht Russlands auf die umstrittene Halbinsel. Das „Kollektiv“ war der „Anonymous-Deutschland“-Gruppe im Streit entwachsen, wurde von drei Administratoren geführt, die vormals in der Kerngruppe mitarbeiteten und schrieb sich auf die Fahnen, noch kritischer und genauer als Anonymous selbst gegen die „Lügenpresse“ und die von ihr ausgelöste „Umwolkung“ des klaren deutschen Verstandes vorzugehen. Auch dass die über Deutschland kreuzenden Verkehrsflugzeuge bewusstseinsverändernde Giftstoffe verbreiteten, wurde vom „Anonymous Kollektiv“ behauptet.

          Im Zuge der Flüchtlingskrise begann das „Kollektiv“ gegen Flüchtlinge zu hetzen, verbreitete die Vorstellung einer „Vergiftung des Volkskörpers“, bezeichnete Kritiker als „psychisch krank“ und hielt jeden Asylbewerber für einen „Schmarotzer und Vergewaltiger“. Doch nicht nur verbal wurde scharf geschossen: Über den Online-Waffenhandel „migrantenschreck“, der auf der Facebook-Seite des „Kollektivs“ beworben wurde, konnten sich zahlungskräftige Kunden ausrüsten. Waffen mit Namen wie „Migrantenschreck HD130 Superior Komplettpaket“ oder „Antifaschreck AS125“, von denen die Mehrheit mit einer in Deutschland verbotenen Schusskraft ausgewiesen sind, wurden schonungslos beworben: „Wenn Sie sich nicht gefallen lassen wollen, dass Ihre Stadt zum gesetzlosen Tummelplatz von Asylforderern wird, wenn Sie Ihre Frauen schützen und Ihre Fußgängerzonen zugänglich halten wollen – dann handeln Sie jetzt! Halten Sie Ihr Viertel sauber ...“ Die „Zeit“ berichtete im Dezember, aus der Redaktion zugespielten Kundendateien gehe hervor, dass in den sieben Monaten zuvor 198 Personen in Deutschland Waffen im Gesamtwert von 110000 Euro über den Online-Handel gekauft hätten.

          Haftbefehl gegen Initiator Mario Rönsch

          Die Verbindung zwischen dem „Kollektiv“ und „migrantenschreck“ bestand nicht allein in der verlinkten Werbung. Wie Recherchen der Gruppe „Mimikama“, die sich für Sicherheit im Netz einsetzt, ergaben, soll ein und dieselbe Person die Verantwortung für die Seiten tragen: Mario Rönsch. Nach „Mimikama“ berichteten zahlreiche Medien, so auch diese Zeitung von dem Fall (F.A.Z. vom 2. Juni 2016). Rönsch, berichtet das Magazin „Focus“, sei bis mindestens Ende 2014 Mitglied der AfD Thüringen gewesen. Er habe engen Kontakt mit Jürgen Elsässer und dessen „Compact“-Magazin gepflegt. Er hatte nach Angaben der „Süddeutschen“ mehrere Verfahren wegen Betrugs, Urkundenfälschung und Insolvenzverschleppung am Hals. Nachdem ein Haftbefehl gegen ihn erlassen wurde, verschwand Rönsch. Und wenig später auch das „Anonymous-Kollektiv“.

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          Gelöst war das Problem damit aber nicht. Wenige Wochen nach dem Verbot der Facebook-Seite im Mai des vergangenen Jahres tauchte sie wieder auf, bezeichnenderweise über das russische Netzwerk „VKontakte“. Am 8. Juni schreiben die Mitglieder dort: „Wer meint, dass wir uns durch Sperrung auf Facebook beeindrucken lassen oder gar davon abhalten lassen kritische Inhalte zu veröffentlichen, der irrt sich. (...) Unsere Kriegskasse ist dank zahlloser Unterstützer prall gefüllt. Wir können auch ohne Facebook und zwar sehr, sehr, sehr lange. Ideen und Ideale, liebe Blockwarte und Mietmäuler der Lügenpresse, sind kugelsicher.“ Auch eine funktionierende Homepage samt Werbung für „migrantenschreck“ ließ nicht lange auf sich warten. Unter „anonymousnews.ru“ ist es bis heute möglich, sich illegal Waffen zu besorgen. Jeder, der hier einkauft, macht sich nach deutschem Recht strafbar, worauf die Anbieter selbstverständlich nicht aufmerksam machen. Sie werben damit, dass „ohne lästige bürokratische Hürden oder ärgerlichen Papierkram“ bestellt werden könne. Die Lieferung der Waffen nach Deutschland ist möglich, weil sie von Ungarn aus direkt an die Käufer geschickt werden. In Ungarn sind die angebotenen Waffen legal.

          Waffen, Munition und Datenträger sichergestellt

          Jürgen Kasek, Vorstandssprecher der Grünen in Sachsen, erstattete im vergangenen Sommer abermals Anzeige wegen Volksverhetzung gegen „migrantenschreck“. Es sei eine Sache, Anzeige zu erstatten, sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung lakonisch, eine andere, den flüchtigen Mario Rönsch zur Verantwortung zu ziehen. Rönsch ist bis heute untergetaucht.

          Doch kam zuletzt Bewegung in die Sache. So hat die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt, wie die „Zeit“ berichtet, in elf Bundesländern Wohnungen von Verdächtigen durchsucht, die bei einem ungarischen Online-Versand Waffen gekauft haben sollen. Waffen, Munition und Datenträger seien sichergestellt worden. Die Staatsanwaltschaft benenne den Internetshop nicht, doch deute alles auf die Seite „migrantenschreck“ hin. Als „Inhaber der Firma“ sei im Impressum Mario Rönsch ausgewiesen.

          So könnte die Geschichte des „Anonymous Kollektivs“ in einer Weise enden, die wiederum Verweischarakter für die etwas durcheinandergeratene Debatte über Unwahrheiten und Straftaten im Netz haben könnte: Die Justiz mag einem zwar langsam erscheinen, aber sie sorgt – mehr oder weniger erfolgreich – für die Durchsetzung rechtsstaatlicher Prinzipien, auch bei „Anonymen“ im Netz.

          Quelle: F.A.Z.

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