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Anne Will zum zweiten „Ein Weltkrieg gegen den Westen“

24.09.2007 ·  „Das Kalkül mit der Angst“: Das Motto von Anne Wills zweiter Sendung war direkt auf Wolfgang Schäuble gemünzt. Doch der Innenminister bemühte sich um Deeskalation. Viel drastischere Thesen über die Terrorgefahr vertrat ein anderer Gast. Die FAZ.NET-Fernsehkritik von Jörg Thomann.

Von Jörg Thomann
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Das gab es auch noch nicht oft: dass ein Bundesinnenminister von einer Grünen-Politikerin an seine Pflicht erinnert wird. Genauer gesagt, an seine Pflicht, etwas nicht zu tun, nämlich „jeden Sonntag ein Interview zu geben“. Das traf ins Schwarze, saß Wolfgang Schäuble doch just zu diesem Zeitpunkt bei Anne Will, wo er zu seinen Äußerungen aus einem Interview vom Sonntag davor interviewt wurde (siehe auch: Interview: Schäuble warnt vor atomaren Anschlag). Zugleich aber traf Renate Künast mit dieser Kritik sich selbst, weil sie direkt neben Schäuble saß. Oder sind ehemalige Ministerinnen von der angeblichen Pflicht, nicht ständig mit den Medien zu sprechen, ausgenommen? Schäuble jedenfalls reagierte belustigt: „Soll ich jetzt die Sendung verlassen?“, fragte er. Er blieb dann aber.

Immer dieselben Gäste, immer dieselben Themen: Wer mit diesen Argumenten sämtliche der hiesigen Talkrunden verdammt, der durfte sich in jüngster Zeit wieder bestätigt fühlen. Am 13. September hatte Maybrit Illner über „Terrorismus made in Germany“ debattiert, zwei Tage zuvor Sandra Maischberger zum Thema: „Im Banne des Terrors: Ist der Schrecken nicht zu stoppen?“. Dort neben anderen zu Gast war Wolfgang Schäuble. Gestern Abend nun hieß es bei Anne Will: „Deutschland vor dem Anschlag? Das Kalkül mit der Angst“. Natürlich saß auch diesmal Schäuble in der Runde, der für das Thema ja quasi das Copyright beanspruchen durfte. Obwohl ihm die genaue Formulierung, die ihm ganz und gar nicht neutral unterstellte, dass es sich bei seinem Vorstoß eben um Kalkül handele, nicht gepasst haben dürfte. Schäubles Anwesenheit war der Redaktion so wichtig, dass die Live-Sendung „Anne Will“ schon in ihrer zweiten Ausgabe als Aufzeichnung gesendet wurde, weil der Innenminister abends Richtung Washington aufbrechen wollte.

Politisch und persönlich

Besagte Dienstreise nutzte die Moderation gleich zu Beginn für eine Demonstration, was sie unter dem ihrer Sendung etwas penetrant als Motto angehefteten Prinzip versteht, politisch zu denken und persönlich zu fragen: Wenn nun des Ministers Flugzeug von Terroristen entführt und als Waffe eingesetzt würde, ob er damit einverstanden wäre, dass die Maschine abgeschossen würde? „Schäuble gibt sich selbst zum Abschuss frei“: Das wäre für die ARD mal eine Schlagzeile gewesen. Der Minister wollte sie verständlicherweise nicht liefern und demonstrierte sein eigenes Prinzip, ruhig zu bleiben und ausweichend zu antworten. Gut, dass Anne Will noch einmal nachhakte. Schlecht, dass Schäuble auch beim zweiten Mal auswich. Eine solche Zuspitzung, tadelte er, sei ihm zu einfach.

Wie schon vor einer Woche, als Schäuble in einem Atemzug von nuklearer Bedrohung und der verbleibenden Zeit sprach, in der man doch gelassen bleiben sollte, betonte er auch diesmal, „ganz entspannt“ zu sein und riet seinen Kontrahenten, neben Künast der frühere Innenminister Gerhart Baum (FDP), sich nicht so aufzuregen. Und warum? Weil das Thema „zu ernst“ sei. Wirkliche Deeskalation sieht anders aus. Er habe nie davon gesprochen, so Schäuble, dass demnächst Terroristen eine Atombombe einsetzen könnten, sondern von einem Anschlag mit „nuklear verschmutztem Material“. Wie dieser und seine Folgen aussehen könnten, sagte Schäuble nicht und wurde es auch nicht gefragt.

„Aufforderung zum Totschlag“

Weit mehr drehte sich die Sendung um die noch plakativere Gefahr eines Anschlags mit einem gekaperten Passagierflugzeug, die zuletzt allerdings nicht von Schäuble, sondern von seinem Kabinettskollegen Jung an die Wand gemalt worden war. Wenn der Verteidigungsminister von Bundeswehrsoldaten verlange, auf ein solches Flugzeug zu schießen, obgleich es dafür keine rechtliche Grundlage gebe, dann sei dies eine „Aufforderung zum Totschlag“, ein „Rettungs-Totschlag“, echauffierte sich Baum. Dabei müsse man „auch das todgeweihte Menschenleben respektieren“.

Künast sah Deutschland mit Schäuble auf dem direkten Wege, Bushs „Krieg gegen den Terror“ zu imitieren. Thomas Wassmann, Chef vom Verband der Kampfpiloten, empfahl seinen Kameraden, einen solchen Befehl nicht auszuführen. Der Schütze habe schließlich damit zu rechnen, sich später sowohl straf- als auch zivilrechtlich verantworten zu müssen. Wassmann war diesmal der sogenannte „Gast auf dem Sofa“, der abseits der Runde befragt wurde: ein Zwischenspiel, das Will die Gelegenheit gibt, ihre von kaum jemandem angezweifelten Fertigkeiten im konzentrierten Zwiegespräch zu untermauern, und den anderen Gästen eine Atem- sowie gegebenenfalls auch eine Denkpause verschafft.

Freiheit oder Sicherheit?

Im großen Kreis schlug sich Will etwas besser als bei ihrer Premiere. Anders als ihrer Vorgängerin ist ihr stets der Wille anzumerken, zu einem Ergebnis zu kommen und die Kontrolle über die Debatte nicht abzugeben, selbst um den Preis, auch mal leicht ruppig zu erscheinen: „Nee Herr Baum, ich hab' Herrn Primor gefragt.“ Nicht zu verhindern wusste sie, dass sich die Debatte zeitweilig in juristischen Details verlor, was indes nur nahe liegend war - ist die Frage der Terrorabwehr doch keine rein ethische, sondern vor allem und gottlob auch eine rechtliche. Der Gastgeberin war das spürbar nicht mehr persönlich genug: „Sie wollen wieder zur Rechtslage zurück“, seufzte sie einmal. Schäuble aus der Reserve zu locken, gelang ihr nicht so, wie sie es erhofft haben mochte. Fragen wie „Wollen wir Freiheit und Sicherheit oder nur noch Sicherheit?“ sind dazu auch kein geeignetes Mittel. Welcher Innenminister würde sich schon öffentlich gegen die Freiheit aussprechen?

Den Part, den manche Schäuble zugeschrieben hätten, nämlich den des apokalyptischen Mahners, übernahm bei „Anne Will“ Avi Primor. „Wir leben alle im Kriegszustand“, sagte der frühere israelische Botschafter. „Es herrscht Krieg, ein Weltkrieg. Der Krieg gegen Weltterrorismus ist ein Weltkrieg - ein Weltkrieg gegen den Westen.“ Da war sogar Wolfgang Schäuble verblüfft, der zunächst annahm, Primor beziehe sich allein auf Israel und seine Feinde. Deutschland, so der Innenminister, sei nicht im Kriegszustand - und nach wie vor „eines der sichersten Länder der Welt“. In einer Welt, die so unsicher scheint wie die unsere, muss das freilich nicht mehr viel bedeuten.

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Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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