Die Redaktion muss es geahnt haben. Sonst hätte sie nicht den Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) zum Talk bei Anne Will eingeladen, dazu eine Förderschullehrerin aus einem Gelsenkirchener Stadtteil mit hohem Migrantenanteil und einen türkischen Kabarettisten, der von Hass erfüllt zu sein scheint auf alle Deutschen, die politisch weiter rechts stehen als die Grünen. Man kann nicht 75 Minuten lang über die Frage diskutieren, warum aus jungen Muslimen radikale Islamisten werden, und dabei allgemeinverständlich, kontrovers und unterhaltsam bleiben. Wer das ernsthaft plante, hätte nämlich auch Gäste einladen müssen, deren Aussagen zum Thema viel differenzierter gewesen wären: Einen Islamwissenschaftler zum Beispiel, der zeigt, warum der Koran sich besonders eignet für den Missbrauch durch Extremisten, aber auch einen Verfassungsschützer, der die Stufen der Radikalisierung hätte erklären können, und einen Pädagogen, der beschreibt, wie die Herausforderungen des frühen Erwachsenenalters, die hohe Bedeutung der Peergroup und die Notwendigkeit der Identitätsfindung so anfällig machen für krause Ideologien.
Bis zu fünftausend Salafisten in Deutschland
So waren es die Bundestagsabgeordneten Wolfgang Bosbach (CDU) und Volker Beck (Grüne) - Mitglied des Innenausschusses der eine, stellvertretendes Mitglied dort der andere - die anfangs am nächsten am Thema blieben. Unter den 4,2 Millionen Muslimen in Deutschland gibt es etwa 38.000 bis 40.000 Islamisten, davon viereinhalb- bis fünftausend im salafistischen Milieu. Das scheinen zwar nur wenige zu sein; doch haben sie, wie Wolfgang Bosbach anmerkte, das stärkste radikalisierende Potential. Und sie sind auch am gefährlichsten. Denn überall dort, wo in den letzten Jahren in Deutschland Anschläge von muslimischen Fundamentalisten geplant waren oder ausgeführt wurden, waren es salafistische Kreise, in denen der Täter sich zuletzt bewegt hatte. Sieben Anschläge mit islamistisch-terroristischem Hintergrund konnte der Verfassungsschutz in den letzten Jahren verhindern, darunter den der Sauerland-Gruppe, der in einer Katastrophe hätte enden können.
Der Attentäter Arid U., der im März 2011 am Frankfurter Flughafen zwei amerikanische Soldaten erschoss und dafür zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt wurde, hatte eine extrem kurze Zeit der Radikalisierung hinter sich, offenbar mit Hilfe des Internets und salafistischer Schriften. Seine Tat war der erste islamistische Anschlag in Deutschland, bei dem Menschen starben. Einen ähnlichen Radikalisierungsweg ging Murat K., der bei einer Demonstration gegen Mohammed-Karikaturen in Bonn zwei Polizisten so gezielt mit einem Messer in den Oberschenkel stach, dass sie viel Blut verloren. Er wurde vergangene Woche zu sechs Jahren Haft verurteilt. In der Verhandlung sagte er, ein deutscher Richter habe ihm gar nichts zu sagen, weil er nur auf Allah höre. Im übrigen sei der deutsche Staat schuld an der Eskalation der Gewalt, weil er das Zeigen der Karikaturen erlaube.
Auch der Papst muss sich Witze gefallen lassen
Nun waren alle Talkgäste der Ansicht, dass die Meinungsfreiheit auch das Zeigen von Karikaturen erlaube, die einen religiösen Führer verunglimpfen – wenngleich auch Pro NRW mit dem Zeigen der Karikaturen die maximale Provokation gesucht habe. Volker Beck merkte an, dass schließlich auch der Papst nicht verhindern könne, auf einem „Titanic“-Titelblatt in unvorteilhafter Weise gedruckt zu werden. Wenn nun Muslime in Deutschland dem Christentum gleichgestellt sein wollten, müssten sie Ähnliches eben auch ertragen.
Die Gründe für die Radikalisierung Einzelner sah der türkische Kabarettist Serdar Somuncu vor allem darin, dass die Mehrheitsgesellschaft Menschen anderer Herkunft stigmatisiere und ausschließe - so, wie er es selbst als Kind erlebt habe und wie es noch heute geschehe. Schon allein, dass man, wenn man über Muslime spreche, immer gleich bei den Themen Hartz IV und Fundamentalismus lande, sei ja ein Zeichen dafür. Damit hatte er jedoch außer in Volker Beck keinen Unterstützer. Der zog einen schrägen Vergleich: Schließlich sage über den Rechtsextremismus auch keiner, dabei handele es sich um ein typisch deutsches Christenproblem. Wolfgang Bosbach widersprach vehement der Unterstellung, Deutschland tue zu wenig gegen Rechtsextremisten; mit keinem anderen Thema habe sich der Innenausschuss in den vergangenen zehn Jahren intensiver befasst.
Das Gegenmitttel: Bildung, Bildung, Bildung
Heinz Buschkowsky, der jüngst das Buch „Neukölln ist überall“ veröffentlichte, hat für alle Integrationsprobleme vor allem eine Lösung: Bildung, Bildung und nochmal Bildung - angefangen von einer Kindergartenpflicht für möglichst junge Kinder über unentgeltliche Ganztagsschulen bis hin zu gebührenfreien Studienplätzen. Der mangelnde Aufstiegswillen seiner Neuköllner Klientel und die hohe Abhängigkeit von Transferleistungen, teils schon in fortgesetzter Generation, sieht er als größten Hemmschuh einer positiven Entwicklung in seinem Kiez.
Genauso wie Buschkowsky verortet die Lehrerin und Autorin Betül Durmaz („Döner, Machos und Migranten. Mein zartbitteres Lehrerleben“) viele Versäumnisse auf Seiten der Migranten. Während ihre Eltern als Nichtakademiker ihr vorgelebt hätten, dass man es mit Fleiß und Ehrgeiz zu etwas bringen könne, vermisse sie heute diese Haltung bei den Eltern ihrer Schüler. Stattdessen deckten die Eltern Regelverstöße ihrer Kinder, verhätschelten die Söhne und verlangten von ihr als „eine der Ihren“, dass sie keine scharfen Konsequenzen ziehe, wenn etwa ein Junge sich brutal oder unflätig benehme. Ihre Schilderungen aus dem Schulalltag zeigten plastisch, dass Lehrer in solchen Milieus sich oft genug auf verlorenem Posten wähnen.
Die Abwertung aller Andersgläubigen
Einig waren sich alle, dass der Islam und speziell seine extremistischen Strömungen reichlich Gelegenheit bieten, sich den Nicht-Muslimen überlegen zu fühlen (etwa so: „Ich esse kein Schweinefleisch, darum bin ich besser als Du.“). Die Aufwertung der eigenen Person ist mit der Abwertung anderer verbunden. Und wer keine Arbeit, wenig Geld und keine Perspektive hat, ist eben anfällig für Ideologien, die ihm einen bevorzugten Platz im Leben (und natürlich auch darüber hinaus im Paradies) einräumen.
Anne Will ließ zu, dass die Diskussion sich danach in eine über das Für und Wider des von der Koalition geplanten Betreuungsgeldes entwickelte. Dabei stand Wolfgang Bosbach auf einsamem Posten. Doch erhielt er für seine Äußerung, dass es in Deutschland auch noch eine ganze Reihe Familien gebe, die ihre Kinder liebevoll und förderlich erzögen, viel Applaus des Publikums. Die Moderatorin ließ aber auch zu, dass der Kabarettist Serdar Somuncu sowohl Heinz Buschowsky als auch Wolfgang Bosbach auf unpassend aggressive, ja beleidigende Weise anging. Das hätte die Redaktion wissen können, denn die Videos seiner „Hatenights“ im Internet sind im gleichen Stil gehalten.
Interessanterweise war Volker Beck mit schwarzem Dreiteiler am förmlichsten gekleidet, während Wolfgang Bosbach mit roter Hose zum dunklen Sakko eher eine unkonventionelle Kombination gewählt hatte. So war es kein Fernsehabend, der genau gehalten hätte, was er versprach. Aber dennoch eine Sendung, die auch ältere Erkenntnisse in unterhaltsamer Form neu verpackte.
Buschkowski hat es auf den Punkt gebracht
Dr. Andreas Frick (Hephaistos)
- 26.10.2012, 15:16 Uhr
Der "Quotentürke"?
Markus Rieg (Me-2)
- 26.10.2012, 14:18 Uhr
Antwort auf: Machen Sie uns "Migranten" ein Angebot...
Maria Busold (facholet)
- 25.10.2012, 20:31 Uhr
Lösung?
Suzana Mayr (stella_gemella)
- 25.10.2012, 18:39 Uhr
Gepflegte, wohlanständige Ausländerfeindlichkeit
C. Karpus (karpus)
- 25.10.2012, 16:16 Uhr