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Animationsfilmreihe Fäden, die bis in den Himmel reichen

20.07.2010 ·  Vom japanischen Schulmädchen bis zum Marionettenkönig: Wie vielseitig das Genre des Animationsfilms derzeit ist, zeigt von heute an 3sat mit der Reihe „Trickreich“. Hier gibt es Kostproben der jüngsten Meisterwerke zu sehen.

Von David Gern
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Es sind seltsame Vorgänge, an denen wir teilhaben dürfen. Weiße, aristokratisch gekleidete Mäuse stürmen in das unter einer alten Eiche befindliche Heim pelziger Fabelwesen und entführen von dort eine schöne, leblose Frauenpuppe. Klar, dass sich die namenlosen Tierchen das nicht bieten lassen wollen, und so brechen sie auf, die heißgeliebte Puppe zurückzuholen. Ihre Reise durch ein märchenhaftes Land führt sie unter anderem in einen verwunschenen Garten voll verbotener Früchte und zu einem Froschdruiden, der freigiebig Psychopharmaka verteilt. Währenddessen sitzen die Mäuse in ihrem grausigen Zuhause, wo sie zwischen Totenkopfblumen fortwährend ihren blutigen Tee trinken und vergeblich versuchen, der Puppe Leben einzuhauchen.

Der ganz ohne Worte auskommende Puppenanimationsfilm „Blood Tea and Red String“ eröffnet heute die Animationsfilmreihe „Trickreich“ bei 3sat. In dreizehnjähriger Alleinarbeit hat Christiane Cegavske einen morbiden Film geschaffen, dem man in jeder Szene das Handgemachte ansieht - was hier als Kompliment zu verstehen ist. Der Wunsch der Mäuse, einen toten Gegenstand zu beseelen, thematisiert dabei das eigene Genre, denn nichts anderes als „beseelen“ oder „zum Leben erwecken“ bedeutet das lateinische Wort animare, von dem sich Animation ableitet.

Am liebsten in Karaoke-Bars

Die Frage des Lebens ist eine für den Animationsfilm bestimmende. Denn während dem Realfilm bei allen Zweifeln zumindest teilweise zugestanden wird, er spiegele die Wirklichkeit wider, steht der Animationsfilm unter dem ständigen Verdacht des Spekulativen, Halbseidenen oder Eskapistischen. Die beste Antwort auf solche Vorwürfe ist das japanische Anime „Das Mädchen, das durch die Zeit sprang“. Er steht in der Tradition der Shojo-Manga. Das sind Bildergeschichten, die sich speziell an junge Mädchen richten und sie beim Aufwachsen begleiten sollen.

Die Geschichte um die siebzehnjährige Makoto wird aber mit so viel Witz, Klugheit und feiner Melancholie erzählt, dass sie wirklich jeden „begleiten“ kann. Das charmant-burschikose Mädchen treibt sich am liebsten mit ihren zwei besten Freunden auf dem Baseballplatz oder in Karaoke-Bars herum. Ihre Ungeschicklichkeit bringt sie immer wieder in missliche Lagen. Da kommt es ihr nur gelegen, als sie plötzlich feststellt, dass sie die Zeit ein wenig zurückdrehen kann: eine Fähigkeit, die sie fortan ständig einsetzt, um ihre Mitmenschen zu manipulieren.

Fette Gangster und ihre Frauen

Bald muss sie jedoch erkennen, dass viele ihrer Probleme so nicht aus der Welt zu schaffen sind. Trotz dieser übersinnlichen Wendung behandelt der Film die sehr reale Schwierigkeit, was man nun anfangen soll mit der Zeit, die einem gegeben ist. Makotos traurige Tante erzählt ihr, sie kenne das Phänomen des Zeitsprungs bei jungen Mädchen. Sie selbst habe erlebt, wie die Zeit einfach ein paar Jahre nach vorne gesprungen sei. „Das Mädchen, das durch die Zeit sprang“ ist ein Film, der so viel Leben atmet, dass man fast das Gefühl hat, der Zuschauer bekäme es selbst eingehaucht. Man kann den Verantwortlichen bei 3sat nur gratulieren, dass sie dem Film zu seiner deutschen Erstausstrahlung verholfen haben.

Ebenfalls sein Fernsehdebüt erfährt der britisch-französische Science-Fiction-Thriller „Renaissance“. Die in schickem Schwarzweiß gehaltene urbane Szenerie lässt zunächst an „Sin City“ denken. Die Geschichte um den einsamen Inspektor Karas, der im Paris des Jahres 2054 beauftragt wird, eine verschwundene Wissenschaftlerin zu finden, erinnert dann aber doch eher an „Blade Runner“.

Auf der Suche nach der jungen Frau, die angeblich die Formel fürs ewige Leben gefunden hat, begegnet Karas einer Menge skurriler und bedrohlicher Charaktere. Darunter einem übergewichtiger Gangsterboss, der sich im Wasser einer Zisterne mit ein paar Gespielinnen vergnügt. Besonders interessant wird der Film durch seine architektonischen Entwürfe, die das Bild des Haussmannschen Paris mit futuristischen Glasbauten verbinden.

Kreativer Selbstmord

Mit dem Marionettenfilm „Strings“ wird eine weitere Spielart des Animationsfilms vorgestellt. Der hat allerdings wenig zu tun mit den fröhlichen Hampeleien der „Augsburger Puppenkiste“. Vielmehr wird in aufwendiger Kulisse ein düsteres Königsdrama erzählt. Seit Generationen schon befindet sich das Land Hebalon im Krieg mit dem Volk der Zenith. Kahro, der König von Hebalon, glaubt, nur sein Sohn Hal könne den Konflikt beilegen. In der Hoffnung, Hal möge weiser und gerechter als er regieren, nimmt der Herrscher sich das Leben. Doch der machthungrige Bruder des Königs vereitelt diesen Plan, indem er behauptet, Kahro sei von den Zenith ermordet worden. Hal schwört daraufhin Rache an den vermeintlichen Mördern seines Vaters.

Die Marionetten im Film bewegen sich überraschend präzise. Die Vorstellung, dass ihre Fäden bis in den Himmel reichen, um dort im Verborgenen geführt zu werden, ist natürlich eine gelungene Anspielung auf die Allmacht des Künstlers im Animationsfilm. Der Regisseur Anders Rønnow versteht es, immer neue Ideen zu entwickeln. So begeht Kahro Selbstmord, indem er sich die Fäden durchschneidet. Leider lassen die allzu pathetischen Dialoge manchmal wünschen, die anderen Marionetten möchten es dem König gleichtun und für immer verstummen.

Altern für Eilige

Hayao Miyazakis „Das wandelnde Schloss“ gehört in Japan zu den erfolgreichsten Filmen aller Zeiten. Auch wenn es sich vielleicht nicht um den am stringentesten erzählten Film des japanischen Trickfilmers handelt, entwickelt er gerade durch das Schwelgen in Details und Nebensächlichkeiten eine ganz eigene Note. Miyazakis sensibler Blick auf Europa macht diesen Film zu einem Meisterwerk: Das elsässische Colmar diente als Vorlage für die opulent entworfenen Städte und Dörfer. Gebrochen wird die Idylle durch Luftschiffe, die über den Häusern schweben und vom kommenden Krieg zeugen.

Als die Hutmacherin Sophie von zwei Soldaten bedrängt wird, hilft ihr ein fremder junger Mann. Der Unbekannte stellt sich als der Magier Hauro heraus, auf den auch die Hexe des Niemandslands ein Auge geworfen hat. Aus Eifersucht belegt sie Sophie mit einem Fluch, der das Mädchen auf der Stelle altern lässt; plötzlich muss sie sich im Körper einer Neunzigjährigen zurechtfinden. Sie flieht aus der Stadt und landet schließlich in Hauros Schloss, das auf riesigen mechanischen Beinen durch die Landschaft trabt. Nun heißt es nicht nur einen Weg zu finden, den Fluch zu brechen, sondern auch noch den Krieg abzuwenden.

Ein zu entspannter Cowboy

Zum Abschluss der Reihe gibt es ein Wiedersehen mit einem alten Bekannten: Lucky Luke ist zurück, und diesmal muss er nicht nur die Gebrüder Dalton dingfest machen, sondern auch noch einen Siedlertreck von New York nach Kalifornien begleiten. „Lucky Luke - Auf in den wilden Westen“ bietet satte Farben und nette Ideen. Leider gehen die häufig in der ständigen Hektik unter. Auch die zahlreichen Gags zünden zu selten. Das Hauptproblem ist aber der Cowboy selbst: Er ist und bleibt im Film ein Langeweiler. Gott sei Dank steht er damit in der Reihe „Trickreich“ ganz allein.

Die Reihe Trickreich läuft von heute an bis zum 29. Juli auf 3sat. Heute Abend wird um 22.55 Uhr Blood Tea and Red String gezeigt.

Quelle: F.A.Z.
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