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Veröffentlicht: 01.06.2017, 15:29 Uhr

Angriff auf die Kreativen Die EU zerstört Europas Filmwirtschaft

Die EU-Kommission will bei der Online-Verwertung von Filmen das „Territorialprinzip“ abschaffen: Produzenten können Lizenzen nur einmal abgeben. Das stärkt Sender und Streaming-Portale und trifft die Kreativen ins Mark. Der Countdown läuft.

von Jörg Seewald
© dpa Europa-Reise: Auch Maren Ades preisgekrönter Film „Toni Erdmann“ mit Peter Simonischek und Sandra Hüller beruht auf einer Finanzierung, die Brüssel torpediert.

So einig war sich Europa selten: In einer beispiellosen Aktion haben sich über 411 Mitglieder verschiedenster Verbände und Unternehmen aus dem audiovisuellen Sektor aus ganz Europa zusammengetan, um mit einem offenen Brief gegen eine neue EU-Verordnung Sturm zu laufen. Es geht um einen Vorschlag der EU-Kommission zum digitalen Binnenmarkt, der gerade im Europäischen Parlament in den Ausschüssen für Kultur und Medien (Cult) und im Rechtsausschuss (Juris) beraten wird und über den am 22. Juni abgestimmt werden soll. Das Vorhaben der EU ist für Film- und Fernsehschaffende von höchster Brisanz. Es geht, wie der Produzent Michael Polle von der Berliner Produktionsfirma „X Filme“ sagt, „um die DNA unseres Tuns“.

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Der Vorschlag der EU-Kommission lautet, bei der Online-Auswertung von Filmen, die von Rundfunkveranstaltern ausgestrahlt werden, das sogenannte „Territorialprinzip“ außer Kraft zu setzen. Das bedeutet, dass Lizenzen nicht mehr exklusiv und länderbezogen eingeräumt werden können. Bislang schließt ein Sender mit einem Produzenten einen Vertrag, der die Online-Auswertung nur für das Heimatland des Senders erlaubt. Die weitere Auswertung in anderen Ländern verkauft der Produzent eigenständig und mit weiteren Partnern, was die Finanzierung eines Filmprojekts erst sichert. Geht es jedoch nach der neuen EU-Verordnung, fallen in Zukunft alle Grenzen und ist ein in Deutschland ausgestrahlter Film zeitgleich über die Mediathek in allen anderen EU-Ländern zu sehen. Hat also ein Produzent beispielsweise mit ARD oder ZDF eine Lizenz zur Online-Auswertung für Deutschland vereinbart, so soll diese nach dem sogenannten „Herkunftslandprinzip“ künftig auch für alle anderen EU-Länder gelten.

Keine „preisgekrönten Streifen“ ohne das Territorialprinzip

Dazu hat sich die Spitzenorganisation der Deutschen Filmwirtschaft (Spio) in einer dringlich formulierten Stellungnahme geäußert: „Der im Wachstum begriffenen Onlineauswertung von Filmen durch kommerzielle Portale, die zunehmend zur Grundlage für die Filmfinanzierung wird, würde mit der Einführung des Herkunftslandprinzips für Onlinedienste von Rundfunkanstalten der wirtschaftliche Boden entzogen.“ Der Produzent Michael Polle von X Filme formuliert noch drastischer: „Viele Filme, die heute noch für Furore sorgen, wird es morgen schlichtweg nicht mehr geben. Preisgekrönte Streifen wie Michael Hanekes ,Das weiße Band‘ hätte es ohne das Territorialprinzip nie gegeben.“

Nach Angaben der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft spielen die Vorabverkäufe der Lizenzen ins Ausland und ganz besonders ins EU-Ausland eine unersetzliche Rolle bei der Finanzierung eines Films wie zum Beispiel „Toni Erdmann“ von Maren Ade, der sich europaweit verkaufte. Etwa 35 Prozent des Etats kommen über den Lizenzverkauf zustande. Branchenexperten schätzen, dass etwa zwanzig Prozent des Gesamtetats eines Films wegbrechen, wenn das Territorialprinzip fällt. „Ohne dieses Geld werden deutlich weniger Filme und Serien gedreht“, sagt der Produzent Michael Polle. „Eine im Wachstum befindliche Branche, auch im Bereich der international finanzierten TV-Serien, kommt ohne Not ins Straucheln, und hiervon wären unzählige Arbeitsplätze betroffen.“

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Deshalb hat sich nun eine Europa-Allianz der Filmschaffenden über Ländergrenzen hinweg gebildet. „Man muss klar benennen, dass sektorübergreifend unter anderem Autoren, Regisseure, Produzenten, Kinoverleiher und private Rundfunkanbieter gemeinsam gegen das sind, was in Brüssel gerade verhandelt wird, da die Grundlage für Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum einer ganzen Branche in Europa auf dem Spiel steht“, sagt Michael Polle.

Das 411er-Schreiben richtet sich an den Präsidenten des Europäischen Parlaments, Antonio Tajani, und den Präsidenten des Europäischen Rates, Donald Tusk. Aus Deutschland sind etliche Unterzeichner dabei, es sind Verbände wie die Allianz Deutscher Produzenten zum Beispiel oder einzelne Produzenten wie der Vorstandsvorsitzende der Constantin Film. Ebenso verhält es sich bei den Unterzeichnern aus den anderen EU-Ländern, die 411er-Liste ist ein Who’s who des europäischen Film- und Fernsehschaffens.

Für die Produzenten und Kreativen geht es um alles

Dass es für die Produzenten und Kreativen um alles geht, scheint in der deutschen Politik bislang einzig die Staatsministerin für Kultur und Medien, Monika Grütters (CDU), verstanden zu haben. Ein Wegfall bestehender und bewährter Auswertungs- und Lizenzsysteme würde der kulturellen Vielfalt im digitalen Binnenmarkt schaden, sagte sie vor ein paar Tagen nach einer Sitzung des EU-Kultur- und Medienministerrates: Es sei außerordentlich wichtig, dass das Prinzip der Territorialität durch die aktuellen Bestrebungen zum EU-Urheberrechtspaket nicht ausgehöhlt werde.

Fast zeitgleich äußerten sich beim Filmfestival in Cannes achtzig Autoren und Regisseure mit einem Aufruf der Europäischen Filmemacher, der unter anderem von Fatih Akin, Michael Haneke, Wim Wenders, Volker Schlöndorff, Fred Breinersdorfer und Jochen Greve unterzeichnet wurde: „Die nachhaltige Entwicklung und Finanzierung des europäischen Filmschaffens zu gewährleisten muss oberste Priorität haben“, heißt es in dem Appell. Mehr denn je müsse das Territorialprinzip bewahrt werden, denn es sichere das künstlerische Schaffen in Europa ab. Nur der Territorialität sei es zu verdanken, dass das Europäische Publikum aus einer so großartigen Fülle an Filmen wählen könne.

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Noch stellten kommerzielle Portale wie Netflix europäische Filme auch im Ausland zur Verfügung. Sie zahlten für die Nutzung jedoch für jedes Territorium Lizenzgebühren. Diese refinanzierten die Kosten der Herstellung dieser Filme und garantierten die einmalige Vielfalt an Inhalten. Doch welchen Anreiz werde ein Anbieter noch haben, für die Ausstrahlung europäischer Serien und Filme Geld zu investieren, wenn sie schon in dem entsprechenden Land kostenlos in die Mediathek gestellt werden und europaweit abgerufen werden können? „Europa ist kein neuer Wilder Westen, ohne Glauben und Moral: Es muss auf die Anwendung derselben Regeln für alle Anbieter, Plattformen, Websites oder sozialen Netzwerke geachtet werden“, heißt es in dem Appell.

Auf Zustimmung stößt bei den Branchenvertretern derweil die Mitte Mai vom EU-Parlament verabschiedete sogenannte „Portabilitätsverordnung“, die besagt, dass man abonnierte Dienste in ganz Europa nutzen kann. Will heißen: Wer in Deutschland ein Sky-Abonnement bezahlt, eines von Netflix oder Amazon, soll darauf auch zugreifen können, wenn er in Europa unterwegs ist. Diese Verordnung, sagt der Produzent Michael Polle, sei „eine gute und für alle tragbare Lösung, die den digitalen Wandel ernst nimmt und gleichzeitig den Bedürfnissen der Zuschauer und der Branche in ganz Europa Rechnung trägt. Leider geht der jetzt vorliegende Vorschlag einen anderen Weg.“ Die Schauspielerin und Präsidentin der Deutschen Filmakademie Iris Berben bringt es im Gespräch mit dieser Zeitung aus ihrer Sicht auf den Punkt: „Ein funktionierender Markt braucht keine Reform, die ihn schwächt. Eine Verordnung, die das kulturelle Markenzeichen Europas, nämlich die Vielfalt der Ideen und Identitäten, ignoriert und beschädigt, ist ein politischer Offenbarungseid. Und der Dumme ist am Ende das Publikum.“

Die Aushöhlung einer vielfältigen Produzentenlandschaft

Es steht viel auf dem Spiel. Es scheint, dass die EU-Kommission mit Blick auf ganz Europa einen ähnlichen Fehler begeht wie der deutsche Justizminister Heiko Maas bei der Reform des Wissenschaftsurheberrechts, mit welcher er Lizenzvereinbarungen zwischen Verlagen, Universitäten und Bibliotheken aufkündigt und damit den Nerv der freien Presse trifft (F.A.Z. vom 27. Mai). Im Fall der EU-Verordnung geht es um das Wohl und Wehe europäischer Mittelständler, einer vielfältigen Produzentenlandschaft, die das kreative Moment des hiesigen Film- und Fernsehschaffens ausmacht. Hier wie dort – in Brüssel wie in Berlin – scheint es an dem Verständnis zu fehlen, dass Unabhängigkeit und Vielfalt ein wirtschaftliches Fundament brauchen, dass es rechtlich zu sichern gilt.

Oder will die deutsche Politik, will der Gesetzgeber, große Sender- und Plattformbetreiber mit einer Verordnung, wie die EU-Kommission sie vorschlägt, auf Kosten der Film- und Fernsehschaffenden stärken, die sich in Europa aus dem Markt heraus dann nicht mehr entwickeln, geschweige denn wachsen können? Was wäre das für ein europäischer Binnenmarkt? Der Countdown läuft.

Glosse

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Von Andreas Rossmann

Das Aussterben der gemütlichen, kleinen Buchläden geht weiter. Aber manche haben Kunden, die das nicht hinnehmen wollen. Und etwas dagegen tun. Mehr 1 7

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