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Angriff auf die Kreativen : Die EU zerstört Europas Filmwirtschaft

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Europa-Reise: Auch Maren Ades preisgekrönter Film „Toni Erdmann“ mit Peter Simonischek und Sandra Hüller beruht auf einer Finanzierung, die Brüssel torpediert. Bild: dpa

Die EU-Kommission will bei der Online-Verwertung von Filmen das „Territorialprinzip“ abschaffen: Produzenten können Lizenzen nur einmal abgeben. Das stärkt Sender und Streaming-Portale und trifft die Kreativen ins Mark. Der Countdown läuft.

          So einig war sich Europa selten: In einer beispiellosen Aktion haben sich über 411 Mitglieder verschiedenster Verbände und Unternehmen aus dem audiovisuellen Sektor aus ganz Europa zusammengetan, um mit einem offenen Brief gegen eine neue EU-Verordnung Sturm zu laufen. Es geht um einen Vorschlag der EU-Kommission zum digitalen Binnenmarkt, der gerade im Europäischen Parlament in den Ausschüssen für Kultur und Medien (Cult) und im Rechtsausschuss (Juris) beraten wird und über den am 22. Juni abgestimmt werden soll. Das Vorhaben der EU ist für Film- und Fernsehschaffende von höchster Brisanz. Es geht, wie der Produzent Michael Polle von der Berliner Produktionsfirma „X Filme“ sagt, „um die DNA unseres Tuns“.

          Der Vorschlag der EU-Kommission lautet, bei der Online-Auswertung von Filmen, die von Rundfunkveranstaltern ausgestrahlt werden, das sogenannte „Territorialprinzip“ außer Kraft zu setzen. Das bedeutet, dass Lizenzen nicht mehr exklusiv und länderbezogen eingeräumt werden können. Bislang schließt ein Sender mit einem Produzenten einen Vertrag, der die Online-Auswertung nur für das Heimatland des Senders erlaubt. Die weitere Auswertung in anderen Ländern verkauft der Produzent eigenständig und mit weiteren Partnern, was die Finanzierung eines Filmprojekts erst sichert. Geht es jedoch nach der neuen EU-Verordnung, fallen in Zukunft alle Grenzen und ist ein in Deutschland ausgestrahlter Film zeitgleich über die Mediathek in allen anderen EU-Ländern zu sehen. Hat also ein Produzent beispielsweise mit ARD oder ZDF eine Lizenz zur Online-Auswertung für Deutschland vereinbart, so soll diese nach dem sogenannten „Herkunftslandprinzip“ künftig auch für alle anderen EU-Länder gelten.

          Keine „preisgekrönten Streifen“ ohne das Territorialprinzip

          Dazu hat sich die Spitzenorganisation der Deutschen Filmwirtschaft (Spio) in einer dringlich formulierten Stellungnahme geäußert: „Der im Wachstum begriffenen Onlineauswertung von Filmen durch kommerzielle Portale, die zunehmend zur Grundlage für die Filmfinanzierung wird, würde mit der Einführung des Herkunftslandprinzips für Onlinedienste von Rundfunkanstalten der wirtschaftliche Boden entzogen.“ Der Produzent Michael Polle von X Filme formuliert noch drastischer: „Viele Filme, die heute noch für Furore sorgen, wird es morgen schlichtweg nicht mehr geben. Preisgekrönte Streifen wie Michael Hanekes ,Das weiße Band‘ hätte es ohne das Territorialprinzip nie gegeben.“

          Nach Angaben der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft spielen die Vorabverkäufe der Lizenzen ins Ausland und ganz besonders ins EU-Ausland eine unersetzliche Rolle bei der Finanzierung eines Films wie zum Beispiel „Toni Erdmann“ von Maren Ade, der sich europaweit verkaufte. Etwa 35 Prozent des Etats kommen über den Lizenzverkauf zustande. Branchenexperten schätzen, dass etwa zwanzig Prozent des Gesamtetats eines Films wegbrechen, wenn das Territorialprinzip fällt. „Ohne dieses Geld werden deutlich weniger Filme und Serien gedreht“, sagt der Produzent Michael Polle. „Eine im Wachstum befindliche Branche, auch im Bereich der international finanzierten TV-Serien, kommt ohne Not ins Straucheln, und hiervon wären unzählige Arbeitsplätze betroffen.“

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          Deshalb hat sich nun eine Europa-Allianz der Filmschaffenden über Ländergrenzen hinweg gebildet. „Man muss klar benennen, dass sektorübergreifend unter anderem Autoren, Regisseure, Produzenten, Kinoverleiher und private Rundfunkanbieter gemeinsam gegen das sind, was in Brüssel gerade verhandelt wird, da die Grundlage für Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum einer ganzen Branche in Europa auf dem Spiel steht“, sagt Michael Polle.

          Das 411er-Schreiben richtet sich an den Präsidenten des Europäischen Parlaments, Antonio Tajani, und den Präsidenten des Europäischen Rates, Donald Tusk. Aus Deutschland sind etliche Unterzeichner dabei, es sind Verbände wie die Allianz Deutscher Produzenten zum Beispiel oder einzelne Produzenten wie der Vorstandsvorsitzende der Constantin Film. Ebenso verhält es sich bei den Unterzeichnern aus den anderen EU-Ländern, die 411er-Liste ist ein Who’s who des europäischen Film- und Fernsehschaffens.

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