16.07.2009 · In den Vereinigten Staaten geht ein Gespenst namens „newspaper angst“ um. Doch die Zeitungen sorgen sich nicht nur um ihre blanke Existenz. Die Krise wird auch als Gefährdung der Demokratie wahrgenommen.
Von Jasper von Altenbockum, ChicagoWie ein Radikaler sieht Edward T. Chambers nicht gerade aus. Er könnte als alternder Reporter oder emeritierter Professor durchgehen, und wenn er Soziologie gelehrt hätte, käme das der Wahrheit schon sehr nahe. „Es geht um Macht. Alles geht immer und überall um Macht. Du kriegst im Leben nichts, wenn Du keine Macht hast“, sagt er, und schon hat man eine Ahnung, warum sich Chambers als Radikaler versteht.
Seit 1972 nennt er sich sogar den Radikalen der Radikalen. Damals folgte er Saul Alinsky, dem Direktor der „Industrial Areas Foundation“, der Ende der dreißiger Jahre den „Back of the Yards Neighborhood Council“ gegründet hatte, eine Nachbarschaftshilfe im berüchtigten Schlachthofviertel Chicagos, besser bekannt als „The Jungle“. Hier wurde Alinsky zum Radikalen, nicht weil er den Umsturz predigte, sondern weil er an die Wurzeln ging. „Du sollst die Mächtigen nicht um Hilfe bitten, Du sollst eine Entscheidung treffen und damit zu den Mächtigen gehen“, ist eine der Regeln, die Chambers von Alinsky gelernt hat, eine der Regeln, die aus dem „Dschungel“ eine Gemeinschaft formen sollte.
Amerikanischer könnte die Radikalität nicht sein
Alinsky erfand in Chicago die amerikanische Demokratie neu, inspiriert von der Stadtsoziologie Georg Simmels, Louis Wirths und Robert Ezra Parks, von den Soziologen, die an der Universität von Chicago lehrten, von Gewerkschaftern und, obgleich selber jüdisch-orthodox erzogen, von der katholischen Kirche – angetrieben aber vor allem durch die Trostlosigkeit der Slums, die Machtlosigkeit ihrer Bewohner und die Gleichgültigkeit der Politik und Industrie. Aus der Chicagoer Nachbarschaftshilfe wurde so ein Netzwerk namens „Community Organizing“, zusammengehalten durch ebenjene Stiftung, deren Geschäfte Chambers seit 1972 führt.
Amerikanischer könnte Chambers‘ Radikalität allerdings nicht sein: „Tue niemals etwas für andere, was sie nicht selber tun können“, heißt die eiserne Regel der „Industrial Areas Foundation“. Das ist natürlich geflunkert, denn sie tut für andere gerade das, was die längst schon selber hätten tun können. Es gibt in ihrer Ordnung „leaders“ und „followers“, Leute, die eine Gemeinschaft organisieren, antreiben und führen können, und Leute, die das vielleicht könnten, aber nicht wollen. Chambers ist an den „leaders“ interessiert, sie macht er ausfindig, indem er sich zu intensiven „Eins-zu-eins-Interviews“ verabredet, „aktivierende“ Gespräche führt, die jeweils nicht länger als eine halbe Stunde dauern, aber Beichten gleichen: Was willst Du? Was treibt Dich an? Was interessiert Dich? Warum tust Du es dann nicht? (Tu was!)
Der Ruch einer sozialistischen Sekte umweht sie
Mit solchen Gesprächen sind in Chicago schon Berge versetzt worden. Es fängt im Kleinen an, Chambers trifft seine Führungsleute, die wieder andere, bis aus einem kleinen Zirkel per Schneeballeffekt eine Lawine losgetreten wird, die Tausende von Bürgern eines Stadtteils erfasst und zu einer Gemeinschaft gleicher Interessen formt. Nach dem 11. September 2001 brachte Chambers auf diese Weise 4000 Menschen zusammen – 2000 Muslime und 2000 Nicht-Muslime, die sich über Terror, Vorurteile und Nachbarschaft unterhielten, in massenhaften Eins-zu-Eins-Gesprächen.
Eine gewisse Hillary D. Rodham pries Saul Alinsky in ihrer College-Abschlussarbeit 1969 als jemanden, der von vielen als Protagonist einer gefährlichen sozialpolitischen Philosophie gesehen werde. Er sei gefürchtet gewesen – genauso wie zum Beispiel Martin Luther King oder der Dichter Walt Whitman –, „weil sie alle die radikalste aller politischen Überzeugungen hatten – Demokratie“. Daran hat sich nicht viel geändert, auch Chambers und seine Truppe umweht der Ruch der sozialistischen Sekte, der Schnüffler, ja der bürgerrechtlichen Hassprediger. Bezeichnend ist allerdings, dass Frau Rodham heute amerikanische Außenministerin ist, und einer der eifrigsten Chicagoer Schüler in Chambers weitverzweigtem Netzwerk, Barack Obama, der Präsident. Obama bereitete es allerdings im Wahlkampf einige Schwierigkeiten, als er sagte, er habe als „Community Organizer“ in Chicago in den achtziger Jahren weit mehr gelernt als auf der Universität.
Ohne Schnüffler keine Meinung
Aber vielleicht stimmt es ja. Schließlich geht es um Macht. Obamas Aufstieg ist die Krönung einer Bewegung, die eigentlich nicht direkt etwas mit Martin Luther King oder Walt Whitman zu tun hat. Die waren keine Journalisten, keine rasenden Reporter, keine Schnüffler. Und Schnüffler musste man vor Jahr und Tag einmal gewesen sein, um zu verstehen, was Alinsky und Chambers eigentlich antreibt, welche Sehnsüchte sie befriedigen und wo überhaupt die Stadtviertel liegen, in denen Staat und Demokratie gefährdet sind oder versagen.
Der „Tribune Tower“ müsste eigentlich Tempel heißen. Der „Turm“ ist ein Tempel der Presse, die Kathedrale der Chicago Tribune. Unten in der Eingangshalle des neogotischen Towers erklären die eingemeißelten Glaubenssätze amerikanischer Verfassungsväter von Madison bis Jefferson, warum das einmal das wichtigste Haus neben der City Hall und das ehrwürdigste Haus neben der Kirche war: Da steht, dass es ohne Presse keine Freiheit gebe, ohne Zeitungen keine Demokratie, ohne Schnüffler keine Meinung, ohne Nachricht keine Gesellschaft. Vor mehr als siebzig Jahren zog die Zeitung hierher in die North Michigan Avenue, ins Herz der Stadt, in das „schönste Gebäude der Welt“, wie es damals hieß.
Eine Zeit, in der Zeitungen noch unsterblich waren
Es war die Zeit, als Alinsky hinter den Schlachthöfen die neue Demokratie ausrief. Es war die Zeit, als Zeitungen noch hoch hinaus wollten, als Zeitungen noch unsterblich waren. Das eine hatte durchaus mit dem anderen zu tun. Auch Alinsky war ein „Schnüffler“, und all die Soziologen, die aus ihrer Zeit als Reporter und Redakteure wussten, was es heißt, seine Nase in Dinge zu stecken, von denen viele bis dahin glaubten, sie gingen niemanden etwas an oder seien uninteressant. Im Soziologendeutsch wurde daraus die „teilnehmende Beobachtung“. Der Philosoph John Dewey, einer der Lehrmeister der Chicagoer Soziologen, brachte es in einer seiner Vorlesungen auf den Punkt: „Eine gut gemachte Zeitung ist die einzig mögliche Sozialwissenschaft.“ Alinsky reichte das nicht. Er wollte die Konsequenz, die Sozialarbeit – was nun wiederum der eine oder andere Soziologe in Chicago, zum Beispiel Park, zutiefst verachtete.
Heute ist Chicago eine der amerikanischen Städte, die zwar immer noch genug Arbeit für die Chambers bieten, aber froh sein können, überhaupt noch eine lokale Tageszeitung zu haben. Im Dezember vergangenen Jahres stellte die Tribune Company, Eigentümerin der Chicago Tribune und der Los Angeles Times mit Sitz im „Tower“, einen Insolvenzantrag. Ein paar Monate später folgte die Sun-Times Media Group, Herausgeberin der zweitgrößten Zeitung, der „Chicago Sun-Times“. Seattle könnte die erste amerikanische Großstadt ohne Lokalzeitung sein. Der „Seattle Post-Intelligencer“ wurde kürzlich geschlossen und existiert nur noch im Internet; der zweiten Lokalzeitung droht die Pleite.
Das Bindeglied zwischen Volk und Politik
San Francisco, Denver, Detroit, Philadelphia, Boston, Minneapolis – überall das gleiche Gespenst namens „newspaper angst“, alles Städte übrigens, in denen die Soziologen in jungen Jahren als Reporter unterwegs waren, die später die Chicagoer Soziologenschule gründeten. Die unsterblichen Tageszeitungen, obgleich sie ganze Redaktionen schon entlassen haben, sind sterblich geworden. Die Anzeigenkunden wandern ab und kommen nicht wieder, die Leser wandern ab und kommen nicht wieder.
Die meisten gehen bekanntlich ins Internet. Dort wächst eine Generation heran, die in missionarischem Ton von „Gemeinschaft“ redet wie Chambers, Alinsky oder Park. Einer ihrer Vordenker, Jay Rosen, gab der Internet-Bewegung mit seiner Doktorarbeit ein Programm: „Die unmögliche Presse“ ist ihr Titel und wurde schon Mitte der achtziger Jahre geschrieben, nachdem Rosen über den Streit zwischen Walter Lippmann und John Dewey in den zwanziger Jahren gestolpert war. Der Journalist Lippmann hatte 1922 sein Buch „Öffentliche Meinung“ geschrieben, anschließend stritt er sich mit Dewey über den Begriff der „Öffentlichkeit“ und die Funktion der Journalisten. Lippmann behauptete, Journalisten könnten nur eine politische Elite wirklich beeinflussen, und das müsse in einer Demokratie eine intellektuelle Aristokratie sein. Dewey sah das anders. Er hielt die Presse für die entscheidende Verbindung zwischen Politik und Bürger, ohne deren tägliche Begleitung, man könnte es auch „aktivierendes Gespräch“ nennen, eine Demokratie nicht funktionieren könne.
„Es wird auch in Zukunft Zeitungen geben“
Vieles wurde damals schon formuliert, was heute im Zweikampf zwischen Internet und „Print“ als Revolution verkauft wird. Rosen kam in seiner Arbeit zu dem Schluss, dass die Presse in ihren Kathedralen den demokratischen Auftrag aus den Augen verloren habe, nämlich im direkten Kontakt mit den Bürgern Öffentlichkeit herzustellen, Meinung zu bilden und Entscheidungen vorzubereiten. Deshalb müsse nun ein neuer Journalismus her, sagte sich Rosen und sagten sich mit ihm Tausende andere internetbegeisterter Rosens, die den Ethos der Chicagoer Soziologen wiederbelebten, ohne sich freilich auf sie zu berufen. Sie nannten ihn „öffentlichen Journalismus“ oder „Bürgerjournalismus“, manche auch den „wahren Journalismus“.
Rosen, damals Journalist, heute Twitterer, Blogger und Dozent, musste im Laufe seines Engagements allerdings feststellen, dass sich die Zeitungen und Verleger herzlich wenig aus dem „neuen“ Journalismus machten – ein Grund, warum Rosen heute zwar noch immer ein neues Zeitalter heraufziehen sieht. Dort aber hat sich die Zeitung wieder ihren festen Platz erobert. Auch wenn er sie gleich in einer vierfachen Krise sieht – Autoritätsverlust, Auflagenrückgang, Anzeigenverluste, Ratlosigkeit –, sagt Rosen: „Es wird auch in Zukunft Zeitungen geben.“
Warum drucken, was im Netz funktioniert?
Den Grund findet man in New Orleans. Die Stadt in Louisiana war die erste Großstadt in Amerika ohne Zeitung. Die „Times Picayune“, weit und breit die größte Tageszeitung, war nach dem Wirbelsturm Katrina im August 2005 buchstäblich abgesoffen, so wie große Teile der Stadt. Die Druckerei stand unter Wasser, die Redaktionsräume waren nur im Schlauchboot erreichbar, die Reporter in alle Winde zerstreut. Aber sie hatten ihren Laptop dabei, und im Internet entstand in wenigen Tagen die beste (und größte) Hurrikan-Zeitung, die die Welt je gesehen hatte.
Warum sollte man das alles je wieder auf Papier drucken? Welcher Verleger träumt nicht davon, die Kosten für Druck, Papier und Vertrieb zu sparen? War das nicht die Gelegenheit? Doch für die Zeitung und Donald Newhouse, den Verleger der Times Picayune, stand das nie zur Debatte. Nur drei Tage lang war die Stadt ohne Zeitung, dann wurde sie schon wieder an Adressen geliefert, von denen die National Guard noch behauptete, es sei unmöglich, dorthin vorzudringen. „Die Zeitung“, sagt Jim Amoss, Chefredakteur der Zeitung, „war für die Leser so lebenswichtig wie das tägliche Brot“.
Ohne Presse keine Gemeinschaft, ohne Zeitung keine Stadt
David Meeks, damals Sportreporter, heute Lokalchef, schrieb zwei Jahre nach der Katastrophe, Katrina habe allen gezeigt, dass „unsere Kunden die Nachrichten vielleicht nicht alle auf die gleiche Weise konsumieren wollen, aber sie alle wollen sie haben.“ Und dafür sorge noch immer am besten die Zeitung, egal ob auf Papier oder als Nachrichtenportal im Internet. „Katrina war kein Fanfarenstoß, die Printausgabe abzuschaffen“, sagt Amoss. „Ich wünsche niemandem einen Wirbelsturm, aber unser Schicksal ist eine Lehre für andere Zeitungen: Findet die Geschichten, die eure Leser wirklich interessieren.“
Vielleicht wäre New Orleans nicht wieder zur Stadt geworden, wenn es die Zeitung nicht gegeben hätte. Sie wurde plötzlich zum „Community Organizer“. Wollte man die Lehren der amerikanischen Verfassungsväter im Tempel der Chicago Tribune auf den Fall von New Orleans übertragen, müsste es heißen: Ohne Presse keine Gemeinschaft, ohne Zeitung keine Stadt. „Helft uns, bitte“ lautete die erste, in riesigen Lettern hingeworfene Schlagzeile der „Times Picayune“ an jenem Freitag nach dem Wirbelsturm. Es war die Schlagzeile des Wiederaufbaus und – in Richtung Washington – der Machtfrage. Obwohl die Stadt heute noch immer wesentlich weniger Einwohner hat als vor Katrina, ist die Auflage der Zeitung wieder ganz die alte – die Online-Ausgabe hat doppelt so viele Leser wie vor dem Wirbelsturm.