06.06.2007 · Es darf wieder geflucht werden im amerikanischen Fernsehen: Ein New Yorker Berufungsgericht hat die Regulierungswut der amerikanischen Medienbehörde FCC eingedämmt und Ausdrücke wie „fuck“ oder „shit“ als „nicht anstößig“ bewertet. Das erleichtert das Fernsehmachen in Amerika.
Von Nina RehfeldEs darf wieder geflucht werden im amerikanischen Fernsehen: Nach dem Urteil eines New Yorker Berufungsgerichts ist es für amerikanische TV-Stationen durchaus zulässig, „flüchtige“ Kraftausdrücke über die Rundfunkwellen zu schicken. Die Zwei-zu-eins-Entscheidung des dreiköpfigen Gremiums markiert einen Sieg der amerikanischen Fernsehanstalten über die Regulierungswut der amerikanischen Medienbehörde FCC, die im letzen Jahr auch umgangssprachliche Flüche wie „shit“ und „fuck“ für strafbar erklärt hatte. Begründet hatte die FCC dies mit Hinweis auf die amerikanische Mediengesetzgebung, der zufolge „die Darstellung von sexuellen oder Ausscheidungsvorgängen oder -Organen“ verboten ist.
Das New Yorker Gericht fand harte Worte für die Medienbehörde: Die FCC sei „realitätsfremd“, schrieb die Richterin Rosemary Poller in dem Richterspruch, und die plötzliche Verbannung umgangssprachlicher Kraftausdrücke sei „unbegründet und kapriziös“. Poller wies unter anderem auf die vielpublizierten Kraftausdrücke von Präsident Bush („stop this shit“) und Vizepräsident Cheney („fuck yourself“) vor laufenden Kameras hin, die „für keinen vernünftigen Menschen die Beschreibung von sexuellen oder Ausscheidungsvorgängen oder -Organen´ zum Ausdruck bringen.“
Echtzeit plus zehn Zensur-Sekunden
Freilich ist in den Anstandsregeln auch von Ausdrücken die Rede, „die nach den Normen des zeitgenössischen Gesellschaft als anstößig empfunden werden“. Welche Normen dies sind, ist seit langem Kernpunkt der Diskussion um den Anstand im amerikanischen Rundfunk. Und in den vergangenen Jahren haben fundamentalchristliche Organisationen wie die „American Family Association“ oder der „Parents Television Council“ mit massiven Email-Kampagnen gegenüber der FCC die Stimme der Öffentlichkeit für sich reklamiert. Zuletzt erzielten sie, dass der FCC-Chef Kevin Martin das Wörtchen „shit“ auf die Liste der anstößigen Wörter setzte, deren unzensierte Ausstrahlung eine Strafe von 325.000 Dollar pro Fall nach sich ziehen kann.
Dies trieb merkwürdige Blüten in den hiesigen Rundfunkwellen. Als CBS zum fünften Jahrestag des 11. September 2001 eine Dokumentation zum Thema ins Programm nahm, boykottierten zahlreiche Sendestationen das Stück, weil darin vielfach Kraftausdrücke von entsetzten New Yorkern und verzweifelten Rettern zu hören waren. „Live“ meint im amerikanischen Fernsehen mittlerweile Echtzeit plus zehn Zensur-Sekunden. Und populäre Sendungen wie Jon Stewarts Nachrichtensatire „Daily Show“ sind dank der zahllosen akustischen Überblendungen von Umgangssprache bisweilen fast unverständlich.
Muss der Obersten Gerichtshof entscheiden
Bei dem New Yorker Gericht fand das Argument der Sender Zuspruch, die Politik der FCC begrenze unzulässig die Redefreiheit und die Freiheit des künstlerischen Ausdrucks. Auch bei der Anrufung einer weiteren Instanz, so die Richter, werde die FCC wohl Schwierigkeiten haben, verfassungsrechtliche Bedenken gegen die Verbannung von Umgangssprache aus dem Fernsehen zu zerstreuen.
FCC-Chef Kevin Martin zeigte sich befremdet von dem Urteil: „Ich kann kaum glauben, dass ein New Yorker Gericht amerikanischen Familien sagt, es sei in Ordnung, im amerikanischen Rundfunk ,fuck´ und ,shit´ zu sagen, während Kinder anwesend sein könnten.“ Noch hat die FCC weitere juristischen Schritte nicht bekannt gemacht. Doch das letzte Wort in der Sache wird nun aller Wahrscheinlichkeit dem Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten zufallen.