10.12.2009 · Die zehn faszinierendsten Menschen, die das fast 80 Jahre alte Fernsehurgestein Barbara Walters Jahr für Jahr im amerikanischen Fernsehen interviewt, üben eine eigene Faszination auf den Zuschauer aus. Eine echte Überraschung war die Nummer Eins.
Von Jordan MejiasLetztes Jahr fiel ihre Wahl auf Barack Obama und Michael Phelps. Da bekam Barbara Walters, die 80 Jahre alte Doyenne der amerikanischen Fernsehberühmtheiten, die andere Berühmtheiten, in der Regel andere Fernsehberühmten, befragen, aber was zu hören! Auf Obama und Phelps wäre schließlich jeder unberühmte Joe Sixpack aus Canton, Ohio auch gekommen. Aber von Barbara Walters, der Frau mit der immer aristokratischeren Haltung und dem immer durchdringenderen Blick, wäre doch etwas mehr ausgeflippter Personalglamour zu erwarten gewesen.
Stimmt schon, sie gibt vor, jedes Jahr die „zehn faszinierendsten Leute“ zum Interview zusammenzutrommeln. Fragt sich nur: Wer ist von ihnen fasziniert? Ein Problem, das in einer immer weiter und winziger zersplitternden, in Gruppen, Grüppchen und Untergrüppchen sich organisierende Fernseh- und Internetgesellschaft von Jahr zu Jahr an Brisanz gewinnt.
Ein trashiges Vergnügen
Wir wissen längst, dass Barbara Walters' Top 10 nicht auch unsere Top 10 sein müssen oder können. Trotzdem wollen wir immer wieder wissen, wen sie diesmal vor die Kameras lockt. Sarah Palin wird es ja nicht wieder sein. Doch die unvermeidliche Nervensäge aus Alaska war schon wieder dabei, und schnurrte auf die inzwischen nichts als peinliche Frage, ob sie denn Präsidentin werden wolle, routiniert herunter: „Das ist gerade nicht auf meinem Radarschirm.“
Die Verlockung, den Kanal zu wechseln, war groß. Aber um die Expolitikerin und Bestsellerautorin herum hatte die Walters eine buntere Promischar als sonst versammelt. So konnte das trashige Vergnügen seinen unerbittlich unwiderstehlichen Lauf nehmen.
Da war zum Beispiel Jenny Sanford - faszinierend, weil ihre Gatte, der Gouverneur von South Carolina, sie mit einer feurigen Argentinierin betrogen hatte. Wir erfahren, dass sie ihm vergeben hat. Da war Adam Lambert, faszinierend, weil er skandalträchtig nur den zweiten Platz in „American Idol“, der amerikanischen Variante von „Deutschland sucht den Superstar“, belegte. Und noch skandalträchtiger einen Mann küsste und überhaupt sein Schwulsein im vollen Scheinwerferlicht auslebt. Von seinem atemberaubenden Augenmakeup gar nicht zu reden.
My goodness!
Da waren der unverwüstliche Footballstar Brett Favre, der märchenhaft erfolgreiche Filmschauspieler, -regisseur und -produzent Tyler Perry, die neuerdings ehemannlose Reality-TV-Mutter von Sechs- und Zwillingen Kate Gosselin, der gern Rotz und Wasser heulende Fernsehdemagoge Glenn Beck. Und da war Lady Gaga, die Popdiva, die irgendwie noch Überreste aus dem Performanceunderground mit sich herumschleppt und sie gleichsam avantgardistisch in ihrer Show verwertet.
Die durchgedrehte Lady, die sich so überhaupt nicht durchgedreht gab, zeigte sich geradezu viktorianisch geschockt: „My goodness!“ Das war ihre Antwort auf die Frage, ob sie je Sex mit Frauen hatte. Hernach kam doch noch raus, dass sie es schon mal mit Frauen treibt, aber bisher nur Männer wirklich geliebt hat. Muss ja nicht auf ewig so langweilig bleiben.
Mit der Einladung von Lady Gaga wollte die Walters offensichtlich beweisen, wie hip sie noch ist und garantiert auch bleiben wird.
Mit Michael Jacksons Kindern namens Paris, Prince Michael und Prince Michael II waren wir inzwischen bei Nummer 11 der Top 10 angekommen. Und die oder der Faszinierendste der Faszinierendsten war noch nicht einmal gekürt! Wir gestehen: Die Liste war im voraus bekannt. Nur die Nummer 1 wollte uns Barbara Walters wirklich erst zwischen zehn und elf offenbaren.
Heimliche Laster der Nummer Eins
Also, wer war's? Tiger Woods? Oprah? Abermals Obama? Ja, die Spannung war unerträglich. Und dann schimmert sie auf, die Frau mit den traumhaften Oberarmen. Natürlich ärmellos erklärt sie diese beiden körperlichen Prachtexemplare als Resultat einer Art Rache an ihrem Mann, der sie mit seiner fast lebenslangen Gewohnheit, seinen Körper zu stählen, zu übertrumpfen drohte.
Michelle Obama wehrte sich. Jetzt sitzt sie da in vollem Muskelglanz, ausgesprochen statuesk, schon fast zu glamourglatt fürs Weiße Haus. Aber auf die Frage, ob noch Zeit für heimliche Laster, für dieses oder jenes guilty pleasure, bleibe, braucht sie gar nicht lange zu überlegen und antwortet: „Schlechtes Fernsehen!“ Wohlweislich bohrt Barbara Walters an dieser Stelle nicht weiter.