03.02.2012 · Der Satiriker Stephen Colbert hat eine Millionen Dollar gesammelt, für ein sogenanntes „Super PAC“. Will er Präsident werden oder reicht es ihm, die Wahl ad absurdum zu führen?
Von Jordan Mejias, New YorkEin Super PAC ist eine tolle Sache. Jeder darf eins haben. Und so viel Geld hineinbuttern, wie er oder sie oder die Firma oder die Gewerkschaft es mag. Dafür hat der Oberste Gerichtshof gesorgt, der vor zwei Jahren im Fall Citizens United gegen Federal Election Commission entschied, dass die Gewerkschaften und Unternehmen des Landes ihr Geld nach Belieben einsetzen können, um einen Kandidaten ihrer Wahl ins Abgeordnetenhaus, in den Senat oder auch ins Weiße Haus zu befördern. Ein Bundesgericht beseitigte kurz darauf die letzten Schranken, als es jegliche Begrenzung der Spendenhöhe untersagte. Damit gibt es ein Hindernis weniger auf dem Weg in die Plutokratie. Die Gerichte wollen das allerdings anders sehen. Für sie geht es um Meinungsfreiheit, offenbar jenseits aller finanziellen Machtmittel, Verführungen und Zwänge.
Im Vergleich mit einem althergebrachten Political Action Committee, das komplizierten Regeln unterliegt, ist ein Super PAC also ein geradezu märchenhafter Goldesel. Der darf sich nur nicht mit dem von ihm bevorzugten Kandidaten direkt abstimmen, will heißen, er muss zumindest so tun, als handele er immer aus völlig eigenem Antrieb zugunsten seines Favoriten, und muss jedem, der es zu wissen begehrt, mitteilen, von wem oder welcher Firma das Geld stammt. Wer das nicht unbedingt verraten will, wird jedoch keinerlei Schwierigkeit haben, die Auskunft bis lange nach dem Wahltag hinauszuzögern.
Unumstritten ist es folglich nicht, das Super PAC. Die meisten Amerikaner bekamen aber wohl gar nicht so recht mit, was da mit ihrem Wahlsystem geschah. Diese Ahnungslosigkeit hat den Nachrichtensatiriker Stephen Colbert nicht ruhen lassen. Der Mann, der in seinem „Colbert Report“ so tut, als wolle er einen rechten Scharfmacher wie Bill O’Reilly rechts überholen, schlüpfte darum einmal mehr in die Rolle des Aufklärers, indem er in seiner Fernsehsendung die Gründung eines eigenen Super PAC bekanntgab. „Dies ist hundertprozentig legal“, versicherte er seinen Zuschauern, die er sogleich um Spenden bat, „und mindestens zu zehn Prozent ethisch.“ Das war im Juni letzten Jahres. Jetzt konnte Colbert verkünden, dass die Millionengrenze überschritten war.
Der Wahlkontrollbehörde, der Federal Election Commission, meldete er zum 31. Januar auf 146 Formblättern den Betrag von 1 023 121,24 Dollar und stellte im Begleitschreiben die Frage: „Yeah! How you like me now, F.E.C?“ Im Gegensatz zu vielen seiner Konkurrenten aus der politischen Branche führte er auch die Namen der einzelnen Spender auf, unter ihnen Prominenz wie der kalifornische Vizegouverneur Gavin Newsom und Bradley Whitford, bekannt aus der Fernsehserie „The West Wing“. Während Colberts Zuschauer immer deutlicher zu sehen und zu verstehen bekommen, wie ein Super PAC funktioniert, zeigen sich einige Fernsehstationen verunsichert. Als er einen satirischen Werbespot im Bundesstaat Iowa schalten wollte, nahmen ihn zwei Sender in Des Moines an, doch ein dritter lehnte ihn ab. Der Grund: Er verwirre die Wähler.
In South Carolina hatte Colbert gar vor, als Kandidat aufzutreten. Dazu musste er sich von seinem Super PAC trennen, wenigstens zum Schein. Er übergab es in die Obhut von Jon Stewart, seinem gleichgestimmten Kollegen von der „Daily Show“, der aber jetzt, da Colberts Kandidatur vorerst gescheitert ist, seinen Unwillen zur Schau stellt, die Leitung der Geldsammelbewegung zurückzugeben. Seitdem schlagen die beiden Fake-News-Stars sehr viel humoristisches Kapital aus dem vermeintlichen Tauziehen um ein Super PAC, dem bis zum Wahltag im November sicher noch manches Abenteuer und manche Transformation bevorsteht. Gegenwärtig nennt es sich „Americans for a Better Tomorrow, Tomorrow“ (ABTT), war aber auch schon als „Colbert Super PAC“ und „The Definitely Not Coordinating With Stephen Colbert Super PAC“ im Umlauf.
Es ist nicht leicht für die Satire, sich im amerikanischen Wahlkampf zu behaupten. Mitt Romney, ein Serienmörder? Zufällig entstammt die Behauptung dem Umkreis von Colberts Super PAC. Newt Gingrichs Attacken sind freilich kaum sanfter oder weniger absurd. Dann war da eines schönen Fernsehabends der Anwalt, einstmals Vorsitzender der Federal Election Commission, den Colbert sich gern ins Studio einlädt. Er erklärte ihm, wie die Trennung zwischen einem Kandidaten und einem ihn unterstützenden Super PAC auszusehen habe. Gegen das Koordinierungsverbot, so der Anwalt, werde zum Beispiel keineswegs verstoßen, wenn sich auf beiden Seiten Geschäftspartner befänden. Ehrlich, kein Witz.
Bei allen Lachern versteht es sich im derzeitigen politischen Klima von selbst, dass über den pädagogischen Wert des Unternehmens durchaus keine Einigung herrscht. Es gibt Kritiker, die tatsächlich fürchten, Colbert könne mit seiner komischen Intervention das amerikanische Wahlsystem beschädigen, die aber über die wahren Gefahren von Geldlawinen, die in den kommenden Monaten unaufhaltsam über den amerikanischen Wahlkampf donnern werden, selten ein Wort verlieren. Wo soll der Witz von professionellen Witzemachern schaden, wenn die ganze ernste Sache sich schon in einen bösen Witz zu verwandeln droht? Viel verstörender war im September 2010 die Anhörung, in der Colbert sich rollenkonform als erzkonservativer Fernsehmoderator vor einem Kongressausschuss in Positur warf, wohlgemerkt auf Einladung der Abgeordneten. Es war, als wollte Washington sich selbst ad absurdum führen.
Colberts Super PAC wirft aber auch ein unvorteilhaftes Licht auf die amerikanischen Nachrichtenmedien. Die meiste Zeit und die wichtigsten Ressourcen verschwenden sie für Berichte, die nur darauf aus sind, den Verlauf des Rennens zu protokollieren. Wer liegt in Führung? Wer ist im Kommen? Wer fällt gerade zurück? Wer hinkt abgeschlagen dem Spitzenreiter hinterher? Colbert, der Komiker, dringt immerhin an einer heiklen, an der zentralen Stelle des Wahlkampfs in die Tiefe. Er führt vor, wie Geld den eigentlichen Wettbewerb um Ideen verzerrt, wie heutzutage Milliardensummen nötig werden, um den Gegner zu übertönen, wie damit Richtlinien locker zu umgehen und Gesetze auszuhöhlen sind, kurz, wie die Demokratie zu untergraben ist. Solche Überlegungen werden massentauglich erst beim Nachrichtenclown. Es ist zum Lachen, aber auch zum Weinen.