Über einem goldenen Sonnenaufgang hängen düstere Wolken, als ein zotteliger Muskelprotz auf dem Weg in die Schlacht das Kinn einer schönen jungen Frau anhebt und sagt: „Blut und Ehre, Sura. Nichts wird mich daran hindern, in deine Arme zurückzukehren - nicht die Getae, nicht die Römer, nicht einmal die Götter selbst.“ Sie: „Töte sie alle.“ Er: „Für dich.“
Dann spritzt Blut in Comic-Ästhetik, in Superzeitlupe wirbeln abgetrennte Köpfe und Gliedmaßen durch die Luft, Schwerterklirren und Kampfgeschrei. Und das ist nur der Anfang. Neben die Gewalt tritt jede Menge Sex - leidenschaftlich, brutal oder anonym, vor Publikum, in der Gruppe. Der Unterschied zu herkömmlichen Erotikfilmen liegt in der Ausstattung, Ansätzen einer Dramaturgie und Charakterzeichnung. Doch das mildert die vorherrschenden Szenen nur.
Erotik im Mittelpunkt
Mit „Spartacus“, das dem gleichnamigen Thraker (Andy Whitfield) vom Schlachtfeld in die römische Arena und die Gladiatorenschule des Unternehmers Batiatus (John Hannah) folgt, hat der kleine amerikanische Bezahlsender Starz eine echte Skandalserie auf den Bildschirm gebracht. Die Produzenten Sam Raimi und Robert Tapert und der Autor Steven DeKnight nehmen Anleihen bei den Kinofilmen „300“, „Gladiator“ und der Serie „Rome“ und bieten ein Potpourri auf, das im amerikanischen Fernsehen seinesgleichen sucht. Anfang 2010 mit bescheidenen Quoten und einer Altersfreigabe von siebzehn Jahren an gestartet, wurde das Stück für den Sender, der sich seit 1994 vor allem auf Fernseh-Erstausstrahlungen von Hollywoodfilmen spezialisiert, zum Hit. Den Erfolg verdankte die Serie nicht zuletzt ihrer erotischen Aufladung, die der vielzitierten Prüderie des amerikanischen Networkfernsehens gegenübersteht - unvergessen, wie Fox einst den nackten Po eines Comic-Babys unkenntlich machte. Aber die eng gefassten Anstandsregeln der Medienbehörde FCC gelten nur für die frei zu empfangenden Programme, und so haben die Bezahlsender freimütig zur Schau gestellten Sex als Mittel der Attraktion entdeckt.
Schon 2005 hatte HBO, der Qualitätsführer unter den Bezahlsendern, mit dem in jeder Hinsicht sinnlichen Historienspektakel „Rome“ Neuland beschritten. Seit 2008 fasst Alan Balls Vampirsaga „True Blood“ den Rahmen noch weiter, indem sie die unterschwellige Erotik des Genres zum Mittelpunkt der Story macht. Die Macher von „Spartacus“ mussten sich also etwas einfallen lassen, um aufzufallen: eine Gruppe splitternackter, gutgebauter Männer im Gladiatorenbad, die heiße Liebschaft zweier Kämpfer, Sexszenen in Reinkultur - das hatte es im amerikanischen Fernsehen noch nicht gegeben.
Von echter Tragödie überschattet
Steven DeKnight, ein bekennender Fan von Shakespeares Tragödie „Titus Andronicus“, gibt zu, dass man sich Mühe gab, Grenzen zu überschreiten. „Die Frage war: Wie können wir uns abheben?“ Rote Ohren, findet der Autor, müsse aber nun wirklich niemand bekommen, schließlich habe HBOs „Tell Me You Love Me“ ganz anderes gezeigt. Das unerträglich anschauliche Stück über das Intimleben dreier Paare, eine Art „Dr. Sommer“-Beratungssitzung auf Film, war 2007 nach nur einer Staffel eingestellt worden.
Man kann „Spartacus“ nicht vorwerfen, dass es nicht unterhaltsam wäre. John Hannah verkörpert mit unheimlicher Nonchalance den politisch ambitionierten Schacherer Batiatus, und Spartacus’ Erzfeind und Sklavenhalter, der römische Legat Gaius Claudius Glaber (Craig Parker als ungeliebter Schwiegersohn eines römischen Senators), hasst den begnadeten Kämpfer natürlich dafür, das Mannsbild zu sein, das er gerne wäre. Spartacus muss nicht nur die Hackordnung in der Gladiatorenschule navigieren, sondern auch die politischen Intrigen, in deren Gefüge er gerät. Die schönen Frauen, die ihm über den Weg laufen, verzehren sich nach ihm, er aber kann keine so lieben wie die von Batiatus ermordete Sura (Erin Cummings). Dabei inszeniert „Spartacus“ schrankenlos und geradezu rauschhaft die Erotik der Gewalt. Wer „Die Passion Christi“ zu blutig fand, der sollte hierauf lieber verzichten.
Während der Ausstrahlung der ersten Staffel wurde die Serie, die, in Deutschland, von sechzehn Jahren an freigegeben, am späteren Abend bei Pro Sieben zu sehen ist und Anfang Juli auf DVD und Bluray erscheint, von einer echten Tragödie überschattet: Der Hauptdarsteller Andy Whitfield erkrankte an Krebs. Die Dreharbeiten zur zweiten Staffel wurden verschoben, der Sender Starz drehte mit „Gods of the Arena“ ein eigenes Stück über die Gladiatorenschule des Batiatus - das nun auch von Pro Sieben gezeigt wird. Schließlich besetzte Starz die Hauptrolle der zweiten „Spartacus“-Staffel „Vengeance“ mit dem Schauspieler Liam McIntyre (er spielt auch in der vierten und letzten Staffel „War of the damned“ den Spartacus). Andy Whitfield verstarb im September 2011 im Alter von nur neununddreißig Jahren.