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Amerikanische Politsatire „Veep“ Ihr Boss hat noch immer nicht angerufen

 ·  Das Neueste von Amerikas Politsatirefront: In der Serie „Veep“ spielt Julia Louis-Dreyfus eine ziemlich überforderte Vizepräsidentin.

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© HBO/Sky Zweite Frau im Staate hadert mit Bedeutungslosigkeit: Julia-Louis Dreyfus spielt Selina Meyer

Im Büro der amerikanischen Vizepräsidentin Selina Meyer (Julia Louis-Dreyfus) spielen sich vergleichsweise nebensächliche Dramen ab - eine falsch unterschriebene Kondolenzkarte, die Entdeckung niederträchtiger Spitznamen, ein semantischer Schnitzer mit rassistischem Unterton. Aber die Konsequenzen sind potentiell vernichtend - für die Karrieren der Beteiligten. Politik ist in Armando Iannuccis neuer HBO-Serie „Veep“ vor allem eines: Schadensbegrenzung. „Politiker haben heute hinter ihren Schreibtischen immer weniger zu tun“, sagt Armando Iannucci, „also füllen sie ihre Arbeitstage mit Erklärungen, was sie getan haben.“

Iannucci, 48, ein Schotte italienischer Abstammung, hat ein Faible für die Absurditäten des politischen Geschäfts. Mit „The thick of it“ bestreitet er seit 2005 eine vielbeachtete BBC-Satire, die von einem inkompetenten britischen Minister und dessen ungehobeltem PR-Chef handelt. In dem Film „In the Loop“ persiflierte Iannucci 2009 die amerikanisch-britische Zusammenarbeit bei der Vorbereitung eines Militärschlags im Nahen Osten. In „Veep“ nun karikiert er das Fußvolk im Weißen Haus.

Politik im ehrfürchtigen Tonfall repräsentiert

„Mich fasziniert das Drama in der amerikanischen Politik“, sagt Iannucci bei einem Kaffee im Londoner Soho Hotel. „Aber die Amerikaner haben Politik bisher in eher ehrfürchtigem Tonfall repräsentiert - oder als Science-Fiction oder als umfassende Verschwörung.“ Das stimmt nicht ganz: Mit der NBC-Serie „Parks and Recreation“ über die Beamten einer Bundesbehörde und der Online-Serie „Battleground“ über das dilettantische Wahlkampfteam einer amerikanischen Senatorin ist die politische Komödie in den vergangenen drei Jahren in Amerika salonfähig geworden. Doch eine Sitcom über das Präsidentenamt oder das des Vizepräsidenten gab es bisher nicht, sagt Iannucci.

„Veep“ steht für die umgangssprachliche Abkürzung von VP, Vice President, und die Serie erinnert eher an „The Office“ als an „The West Wing“, im Grunde ist sie eine Arbeitsplatz-Comedy, keine Politsatire. Das nagendste Problem von Selina Meyer ist nämlich, dass sich der Chef, sprich: der Präsident, überhaupt nicht für sie interessiert. Nicht einmal mit ihrem Herzensprojekt, der Einführung von Plastikbesteck auf Pflanzenbasis in allen Bundesgebäuden, kann sie den Obersten Befehlshaber (Iannucci rückt ihn bewusst nicht ins Bild) beeindrucken. Vielmehr vergrätzt sie die Öl-Lobby und muss den heimlichen Spott wichtigtuerischer Kollegen über sich ergehen lassen, die geschmolzene Biolöffel aus ihrem Kaffee ziehen.

Julia Louis-Dreyfus verkörpert Selina Meyer mit knappsitzender Contenance, die ihre schmerzlich gefühlte Bedeutungslosigkeit nur mühevoll überspielt. Als ihr Assistent (Tony Hale als duckmäuserische Zofe) einer oft gehörten Frage mit den Worten zuvorkommt: „Der Präsident hat übrigens nicht angerufen“, zischt sie ihn an: „Was Sie nicht sagen, Gary!“

Drastische Ausdrucksweisen

Das Amt des amerikanischen Vizepräsidenten sei „eine einzige Existenzkrise“, sagt Armando Iannucci. „Es definiert sich durch das Verhältnis zum Präsidenten. Wenn der dich nicht dabeihaben will, hängst du im Leeren.“ Es war die Vorstellung einer erfahrenen und vormals würdevollen Politikerin, die plötzlich in einem absurden Abhängigkeitsverhältnis steht, die Iannucci zu dem Stück bewegte.

„Veep“ ist der zweite Versuch, eine amerikanische Version von „The thick of it“ auf die Beine zu stellen. 2007 produzierte ABC unter der Ägide von Mitch Hurwitz, dem Macher der Familienfarce „Arrested Development“, den Pilotfilm zu einer Serie über einen naiven Kongressabgeordneten, aber über die erste Episode kam man nicht hinaus. Iannucci, der damals als einer von fünf Produzenten fungierte, wundert das nicht. „ABC ist der falsche Sender. Die gehören zu Disney, die Weltsicht und das Image von Disney sind nicht das richtige Umfeld für ,The thick of it‘.“

Die BBC-Serie zeichnet sich durch die drastische Ausdrucksweise ihrer Figuren aus, und auch wenn „im West Wing des Weißen Hauses nicht so viel geflucht wird wie in den Hinterzimmern von Westminster“, wie Iannucci sagt, mangelt es an derben Dialogen nicht (der „New Yorker“ zählte fast zweihundertfünfzig „fucks“ in den ersten acht Episoden der Serie). Bei HBO, der als Bezahlsender nicht den Anstandsregeln der großen Networks unterliegt, geht das. Aber bei weiblichen Figuren wirkt das doch reichlich aufgesetzt. Allzu ladylike ist Selina Meyers Umgangston nicht.

Karriereziel: über Wasser halten

Iannucci hat mehrere Wochen unter der Führung von Obamas damaligem persönlichem Assistenten Reggie Love im echten West Wing des Weißen Hauses recherchiert, jenem Flügel, in dem die Büros des Präsidenten und des Vizepräsidenten liegen. Dort säßen in den Korridoren überall wichtig wirkende Mitarbeiter mit Laptops auf dem Schoß, sagt Iannucci. „Nicht weil sie keine Büros haben, sondern weil sie so in direkter Nachbarschaft des Oval Office sind. Und das ist, was zählt.“ Zwischen den Büros des Präsidenten und des Vizepräsidenten beobachtete er eine ausgeprägte Rivalität. „Sogar ein ganz junger Assistent im West Wing fühlt sich den Leuten im Büro des Vizepräsidenten überlegen.“ In „Veep“ hat Iannucci solche Geltungssucht in den Charakter des Jonah (Timothy Simons als Wichtigtuer im Studentenlook) gefasst, der keine Gelegenheit auslässt, Selina Meyers Mitarbeiter zu erniedrigen, und eine Verabredung mit ihrer Stabschefin Amy (Anna Chlumsky als Karrierefrau im falschen Boot) erpresst. Ja, gesteht Armando Iannucci, er sei von der Politik desillusioniert. „Aber nicht im Hinblick auf die Menschen, sondern darauf, dass das System knirschend zum Stillstand gekommen ist.“

Von anderen amerikanischen politischen Serien wie „The West Wing“ oder „Parks and Recreation“ unterscheidet sich „Veep“ am schärfsten in der vollständigen Abwesenheit von Idealismus. Iannuccis Figuren sind Opfer der Umstände, ihr Karriereziel ist, sich über Wasser zu halten. „Ich habe nichts gegen Idealismus“, sagt er. „Aber es ist doch dramaturgisch viel interessanter, wenn Menschen ihre Ideale kompromittieren müssen.“ Das rechtfertigt auch die schönsten Flüche.

Veep ist in Deutschland von November an im Programm des Abosenders Sky Atlantic HD zu sehen.

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