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„The Marvelous Mrs. Maisel“ : Ihr Witz kennt keine Schmerzgrenzen

  • -Aktualisiert am

Mit Chuzpe und Humor: Kurz nachdem ihr Mann sie sitzen gelassen hat, greift Miriam „Midge“ Maisel (Rachel Brosnahan) wieder an. Bild: Amazon Originals

In einer Zeit, in der man zum Lachen in den Keller geht, beginnt eine amerikanische Frau ihre Comedy-Karriere: Die Serie „The Marvelous Mrs. Maisel“ bei Amazon.

          Um im Amerika der fünfziger Jahre ins Gefängnis zu kommen, reichte es, in der Öffentlichkeit zu fluchen. Zeigte eine Frau dann noch, zumindest ohne Lizenz, ihre nackten Brüste, drohte mindestens eine Geldstrafe. Die ahnungslose Miriam „Midge“ Maisel erfährt das, als sie eines Nachts auf einer New Yorker Comedy-Bühne spontan ihren Ärger loswerden will. Verstehen kann man sie. „Du verlässt mich mit meinem eigenen Koffer?“, hat Midge vor ein paar Stunden ihren Mann gefragt, der aus heiterem Himmel beschließt zu gehen.

          Nach einem verpatzten Stand-up-Auftritt und nur drei Ehejahren verlässt er das Luxusapartment mit der verdutzten Midge und den zwei schlafenden Kindern. Dass er eine Affäre mit seiner Sekretärin zugibt, macht die Sache nicht besser, wohl aber die Salve tragischer Witze, die Midge betrunken auf der Bühne abfeuert. Das Publikum jubelt, auch noch als der Sittenwächter ihrem Auftritt ein jähes Ende bereitet. „Die Gesetze dieser Zeit waren absurd, aber privat ging es ja noch viel schlimmer zu“, sagt die Serienerfinderin Amy Sherman-Palladino im Gespräch. „Es gab so viele Dinge, über die man als Frau einfach nicht sprach. Als Joan Rivers Witze über Abtreibung machte, war das ein riesiger Skandal.“

          Schimpfwortkontrolle

          Amy Sherman-Palladino hat die „Gilmore Girls“ erdacht und mit ihrem Mann Daniel Palladino sechs Jahre lang auf den Bildschirm gebracht. Sie kennt sich aus mit Dingen, die man nicht sagen darf. Der Kabelsender CW hatte stets ein Auge darauf, welche Schimpfwörter die „Gilmore Girls“ benutzen, Nacktheit war undenkbar. Irgendwann überwarf sich die Produzentin mit dem Sender, die Staffel nach ihrem Abgang wurde die letzte und unbeliebteste der Serie. Fast zehn Jahre später legte Amy Sherman-Palladino vier „Gilmore“-Folgen in Spielfilmlänge nach. Allerdings nicht im Fernsehen, sondern bei Netflix. Die Begeisterung der Fans war groß, weitere Episoden sind im Gespräch.

          Geballte Frauenpower: Miriam (Rachel Brosnahan) und Susie (Alex Borstein).

          Auch ihre neue Serie, „The Marvelous Mrs. Maisel“, läuft auf einer Streaming-Plattform, diesmal bei Amazon Prime. Das Ehepaar Sherman-Palladino wurde von Amazon für zwei Jahre verpflichtet, ohne dass es ein klares Konzept für „The Marvelous Mrs. Maisel“ oder eine zweite, verabredete Serie gegeben hätte. „Ich denke nicht immer alles zu Ende, aber manchmal habe ich Glück, und die Dinge gehen gut aus“, sagt die Autorin und schielt zu ihrem grinsenden Mann. Äußerlich hat sie viel mit ihrer bekanntesten Heldin Lorelai Gilmore gemeinsam. Schwarze Haare, kleine dunkle Augen, sie lacht viel und laut. Allerdings trägt Amy Sherman-Palladino stets einen Zylinder, heute in Rosa. Und während auch „The Marvelous Mrs. Maisel“ mit schnellen Dialogen und liebenswerten Charakteren aufwartet, geht es hier doch ein wenig gröber zu.

          „Maisel wäre im Kabelfernsehen unmöglich gewesen. Man hätte dort keine realistische Comedyszene erzählen können. Das wäre genauso gewesen wie all diese Polizeifilme, in denen der angeblich brutalste Drogendealer nicht mal ,Fuck’ sagen darf“, meint Amy Sherman-Palladino. Sie ist in der Stand-up-Szene aufgewachsen. Ihr Vater war Komiker, nicht der familienfreundlichste Beruf. Sie wirft ihm das nicht vor, genauso wenig wie ihrer Protagonistin, die Karriere machen will. „In den Fünfzigern und Sechzigern waren die Kinder nicht, wie heute, das Zentrum des Universums. Sie mussten in die Welt der Erwachsenen passen und nicht umgekehrt. Wenn man jetzt Leute mit Kindern besucht, sitzen alle im Kreis um die Kleinen herum und am Ende war das dann der Abend.“

          Als Midge sich auf der Bühne in der Vorstellung verliert, nie Kinder bekommen zu haben, verstummt auch das Comedy-Publikum. Über solche Dinge sprach man nicht und auch heute kann man damit Menschen gegen sich aufbringen. Abgesehen von solchen kleinen Provokationen bleibt „The Marvelous Mrs. Maisel“ aber freundliche Unterhaltung, mit vielen Klischees über das jüdische Leben in New York, verrückten Nebenfiguren und einer Protagonistin, die sich durch ihre Lebenskrise lacht und flucht, um dann über die Flüche zu lachen.

          Ob sich die Serie bewährt, wird sich zeigen, wenn die Energie der alles verändernden Trennung verbraucht ist. Daniel Palladino meint, zwischen vier und zehn Staffeln sei „alles drin. Die Geschichten werden uns nie ausgehen, aber es könnte sein, dass die Charaktere zu einem natürlichen Ende finden.“ Schnell bergauf wird es für Midge nicht gehen. „Meine Nummern kommen aus dem absoluten Unglück. Mein Publikum ist meine Gruppentherapie“, sagte Midges Figurenvorbild, Joan Rivers. Im Stand-up sind Glück und Witz keine gute Kombination. Auch nicht bei den Sherman-Palladinos.

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