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Sachbücher des Jahres

Am Set von „Breaking Bad“ Wir haben alle Regeln gebrochen

In New Mexico werden die letzten Folgen von „Breaking Bad“ gedreht. Die Serie hat das Fernsehen verändert. Ihr Held Walter White ist vom Lehrer zum Drogenlord avanciert. Wie wird er enden? Ein Besuch am Set.

© Sony/Ursula Coyote Vergrößern Bryan Cranston in einer Drehpause

Die Sonne scheint auf die Civic Plaza im menschenleeren Zentrum von Albuquerque, New Mexico. Ein eisiger Wind sorgt dafür, dass es einer der ungemütlichsten Drehtage von „Breaking Bad“ wird. Zwei Dutzend Statisten stehen mit tränenden Augen und roten Nasen im Bildhintergrund und warten frierend auf das Kommando „We’re rolling!“.

Sam Catlin, einer der sechs Autoren der von Vince Gilligan erdachten Serie, inszeniert Episode zwölf der fünften Staffel. Danach kommen noch vier Folgen. Dann ist Schluss mit einer der besten Fernsehserien aller Zeiten. Zu sehen gibt es die letzten acht Episoden im Spätsommer. Die Spekulationen über das Ende wuchern wild im Internet. Stirbt Walter White an Krebs, oder fasst ihn die Drogenbehörde DEA? Findet er in der undurchsichtigen Lydia oder in seinem Partner Jesse den ultimativen Gegner? Trickst er alle aus? Nicht einmal die Schauspieler wissen, wie es ausgeht, die Autoren arbeiten noch am Feinschliff der letzten Stücke. So viel darf man prognostizieren: Das wird kein gutes Ende nehmen.

breaking bad Klappe halten, es wird gedreht © Sony/Ursula Coyote Bilderstrecke 

Auf der Civic Plaza steht, dicht an der Kamera, Bryan Cranston alias Walter White, der verhuschte Chemielehrer, der nach einer Krebsdiagnose - zwei Jahre habe er noch - begann, Metamphetamin zu kochen, um seiner Frau und seinem behinderten Sohn mehr als eine mickrige Lehrerpension zu hinterlassen. Walt hat in den fünf Staffeln der Serie einen atemberaubenden Abstieg in die Abgründe der Hybris hinter sich gebracht. Längst ist es nicht mehr die Versorgung seiner Lieben, die Walt treibt, sondern sein Ego, die Lust an der Macht.

“Fertig, wir drehen!“, ruft der Produktionsleiter. Bryan Cranston legt Winterjacke und Schiebermütze mit Ohrenschutz ab. Trotz der bitterkalten Windböen, die ihm um den kahlen Kopf fahren, scherzt er gutgelaunt mit den Umstehenden, konzentriert sich und presst sich dann mit grimmigem Blick ein Handy ans Ohr. Die Kamera schaut ihm ins Gesicht. Es trägt die Züge eines selbstzufriedenen Tyrannen. „Breaking Bad“ ist auch dank der Kameraarbeit von Mike Slovis so herausragend, die mit schonungslosen Nahaufnahmen und weitläufigen Totalen die moralische Vereinsamung des Walter White beklemmend übersetzt.

Immer her damit!

Zwei Stunden später sitzt Bryan Cranston im karierten Holzfällerhemd im Hyatt Regency Hotel, ein freundlicher Mann, der unumwunden stolz ist, einen jener komplizierten Protagonisten zu spielen, die das amerikanische Fernsehen mit Figuren wie Tony Soprano oder Dexter Morgan hervorgebracht hat. „Wir haben hier alle Regeln des Fernsehens gebrochen“, sagt er. „Helden wie Thomas Magnum, die immer recht haben, in Maßen trinken und umwerfend aussehen, gibt’s nicht mehr. Heute erzählen wir ehrlichere, fesselndere Geschichten, das Publikum weiß nicht, was es erwarten, für wen es Partei ergreifen soll. Das ist spannend.“ Cranston spricht in dem ruhigen, eindringlichen Tonfall, der auch Walter White eigen ist, bisweilen doziert er fast. „Breaking Bad“ sei eine umgekehrte Moralgeschichte, Walt erfahre eine Art Erweckung, sagt Cranston. „Aber er ist ein ganz normaler Kerl, ein Mensch, der der Macht, dem Geld, der Einschüchterung anderer verfällt - Dingen, die für Männer sehr verführerisch sind. Jeder, der solchen Umständen ausgesetzt wäre, könnte zu einem sehr gefährlichen Kerl werden.“

Cranston ist für seine Darstellung dieses Wandels dreimal in Folge mit einem Emmy und mit zahlreichen weiteren Preisen, darunter zuletzt ein Screen Actors Guild Award als bester Schauspieler einer Dramaserie, ausgezeichnet worden. Er räumt ein, dass es nicht leicht war. „Hin und wieder habe ich Drehbuchseiten gelesen, von denen ich dachte: Moment mal - warum denn das?“ Aber letztendlich habe sich jede Wendung als schlüssig erwiesen. „Also machte ich mir all diese Emotionen zu eigen, denen wir zu widerstehen versuchen: Gier, Eifersucht, Egozentrik. Immer her damit!“ Er grinst fröhlich, und Walter White verschwindet aus seinem Gesicht.

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