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Als Zuschauerin beim „Supertalent“ : Und dann klatscht ihr, was das Zeug hält!

  • -Aktualisiert am

Als Juror der „Supertalent“-Show macht Thomas Gottschalk bei RTL bald seinem „Wetten, dass ..?“-Verweser Markus Lanz im ZDF direkte Konkurrenz Bild: Clemens Bilan/dapd

Wie hält sich Thomas Gottschalk an der Seite von Dieter Bohlen? Was macht Michelle Hunziker? Und wie geht es uns, dem Publikum, mit ihnen? Als bezahlte Claqueurin bei „Das Supertalent“.

          Gerade werden Sitzblöcke schwarz abgehängt, das Zuschauerkontingent scheint diesen Nachmittag mangels Nachfrage nicht erfüllt. Wir sind schon da, im Vorlauf für das Fernsehfinale im Herbst. Um die Sendung familienkompatibel und rentnerfreundlicher zu machen, sitzt Casting-König Dieter Bohlen Thomas Gottschalk und Michelle Hunziker zur Seite. Das schönt das Format und hebt womöglich die Quote. Und: „Das Supertalent“ konkurriert mit der Ex-Show von Gottschalk. Noch moppt jemand hinten die glänzende Bühne.

          Viele haben für die Fernsehaufzeichnung der Castings im Tempodrom Eintritt bezahlt. Ich diene der Aufpolsterung von Menge und Masse, mein Talent wäre kaum gefragt. Doch da Grundy Light Entertainment und RTL uns Zuschauer wirklich lieben, haben wir als Publikum einen Extra-Entertainer bekommen. Einst nannte man so jemanden Aufwärmer, Eintänzer. Und wirklich, der Mann tanzt Stepp und gibt uns den Stand-up-Comedian. Früher hätte er mit Pastewka und Engelke Karriere machen können. Aber es ist 2012, und von fast allen gibt es zu viel. Nach erstem Testapplaus sollen wir wie nach einem katholischen Trauergottesdienst unsere Nachbarn berühren oder wenigstens begrüßen. Ich ziehe mich aus der Affäre und mustere meine Zehen. Ist etwa schon etwas miteinander verwachsen? Es sieht Hammer aus, sagt unser hopsender Aufnahmeleiter.

          Von Claqueuren zum Superpublikum

          Vorerst bleiben wir sitzen und führen für die Kameras und den Personal-Entertainer artig die Hände zusammen. Seine Kollegen umkreisen uns wie fröhliche Bordercollies mit Headset. An vier Drahtseilen fliegt eine Kamera in alle Richtungen und über der ganzen Herde herum. Ferngesteuert ist so eine Spidercam, immer bereit, mit einer Großaufnahme bis in die Herzen der Zuschauer vorzustoßen. Unser Spezialagent bereitet uns anhand einiger Beispiele charmant auf diese Möglichkeit vor. Gefragt ist Emotion. Weniger, dass jemand in Ohnmacht fallen und danach behaupten kann, er habe von allem nichts gewusst. Im Gegenteil, viele warten darauf, sich auf der Großleinwand zu sehen. Niemand möchte Schmerzensgeld, jeder wünscht Beachtung. Ich mustere meine Zehen.

          Hammer, sagt ein sechster Sinn. Man soll enge Schuhe bei Wärme vermeiden, sagt eine Stimme zu mir. Ich hatte mir eher Sorgen um meine Handflächen gemacht. Ob andauerndes Klatschen an der Haut zu einer Reizung und nachhaltiger Verflachung führen kann? Dennoch führe auch ich auf Aufforderung beflissen die Hände zusammen, ohne dass sich was berührt.

          Einst, im letzten Jahrtausend, nannte man uns Claqueure. Ein anderes Zeitalter, beginnende Massenkultur, unter anderen Vorzeichen. Jetzt sind wir das Superpublikum. Es herrscht Demokratie, das Höhere ist die Quote. Wir als Publikum bleiben die Bestie, und wir sind auch Jubler. Die erweiterte Jury zeigt manchmal mehr Empathie für Dilettantismus als der mitgeführte Facebook-Daumen aus Pappe meiner dünnen Nachbarin. Die Spidercam kreist. Die Schlüsselbeine des mageren Mädchens heben sich nach oben. Willkommensbässe für ein Auto fahren in die Knochen. Ein echtes Auto, und wir wollen Gefühl, sonst bleibt so ein Zuschauerherz kalt. Es braucht mehr als eine Michelle Hunziker, die trotz professioneller Modelfigur aus dem altmodischen Rollenfach der Operettensoubrette schöpft. Obwohl erst mal keiner singt. Eingangs als schönste Frau Deutschlands annonciert und in körpernahem Weiß, geht sie neckisch und mit mütterlichem Charme auf Bohlen und Gottschalk ein und in Stilettos an die Kandidaten heran.

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