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Alice Schwarzer Die Plattmacherin

 ·  Wie keine andere deutsche Frau verkörpert Alice Schwarzer den Feminismus. Wellness-Frauenrechtlerinnen und jetzt auch der von ihr auserkorenen Nachfolgerin bei Emma, Lisa Ortgies, zeigt sie die kalte Schulter. Mit Selbstherrlichkeit, Ignoranz und übler Nachrede ruiniert Schwarzer zunehmend ihren Ruf.

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„Jede Wahrheit braucht eine Mutige, die sie ausspricht.“ Dieser Satz stammt von keinem Philosophen, ausgedacht hat ihn sich vielmehr die Hamburger Werbeagentur Jung von Matt. Dass der Spruch im vergangenen Jahr ausgerechnet für eine Kampagne der „Bild“-Zeitung herhalten musste, hätte noch als selbstironisches Statement eines Presseorgans gelten können, das bis dahin nicht gerade im Ruf grenzenloser Wahrheitsliebe stand.

Der eigentliche Clou aber war etwas ganz anderes: Auf den Plakaten abgebildet war Alice Schwarzer. Nein, kein Double – es war tatsächlich die Frauenrechtlerin höchstpersönlich, die brav ihr Testimonial für das Boulevardblatt ablieferte. Wer da immer noch nicht glauben mochte, dass sich die „Ikone des Feminismus“ (Harald Schmidt) freiwillig als Werbeträgerin für ein Medium angedient hatte, zu dessen täglichen Rubriken das barbusige Seite-eins-Girl genauso gehört wie die Kontaktanzeigen aus dem horizontalen Gewerbe, wurde von Alice Schwarzer auf deren Homepage eines Besseren belehrt: Sie habe zugestimmt, und zwar ganz einfach deshalb, weil es „nicht schaden kann“, wenn in der Werbekampagne „auch mal eine Frau auftaucht. Und eine sehr lebendige noch dazu.“

Es stört sie nicht, recht zu haben

Es soll ja Priester geben, die predigen am liebsten im Puff, weil da am meisten Seelen zu retten sind. Alice Schwarzer hat natürlich ebenfalls stets nur die gute Sache im Sinn. Und diese Sache hat auch einen Namen, er lautet Alice Schwarzer. „Ihr geht es seit zwanzig Jahren nur noch um sie selbst“, konstatiert die Chefredakteurin der Berliner „tageszeitung“, Bascha Mika, Autorin einer von der Porträtierten heftigst bekämpften Alice-Schwarzer-Biographie. Aber auch wohlmeinendere Zeitgenossen reagieren inzwischen irritiert auf die rasende Selbstverliebtheit der „bekanntesten deutschen Feministin“ (Schwarzer über Schwarzer). Und übersehen dabei womöglich, dass diese Egomanie durchaus einer konsequenten Haltung entspringt. Denn wer ihre Bücher liest, ihre Interviews oder ihre Beiträge in „Emma“ und anderswo, gelangt geradezu zwangsläufig zu der Erkenntnis: Alice Schwarzer ist keine Feministin, sie ist der Feminismus. Besser gesagt: „Du, liebe Alice, bist größer als der Feminismus in Deutschland.“ So rief es ihr Harald Schmidt vor gut einem Monat während seiner Schwarzer-Laudatio bei der Verleihung des Ludwig-Börne-Preises entgegen. Dass der Mann von Beruf Kabarettist ist, dürfte die derart Belobigte kaum irritiert haben, denn irritieren lässt sie sich schon lange nicht mehr. Von nichts und niemandem. In einem liebedienerischen Interview mit der „Weltwoche“ aus dem Jahr 2006 wurde Alice Schwarzer folgender Satz entgegengehalten: „Heute stimmen Ihnen doch alle zu. Es traut sich fast niemand mehr, Sie zu kritisieren.“ Ihre Antwort: „Tatsächlich? Und wenn, es stört mich nicht, recht zu haben.“

Alice Schwarzer stört es nicht nur nicht, recht zu haben; es ist vielmehr sogar völlig undenkbar, dass sie einmal nicht recht haben sollte. Die Frau ist mindestens so unfehlbar wie der verhasste Papst, den feministischen Dispens beispielsweise für den Auftritt als „Bild“-Werbefee kann ihr deswegen auch nur eine einzige Person erteilen: sie selbst. Es geht nicht darum, dass in der Kampagne „auch mal eine Frau auftaucht“ – was zählt, ist allein Alice Schwarzers Abbild, das jede noch so verlogene Plakatwerbung der „Bild“-Zeitung in ein heiliges Manifest für die Rechte der Frauen verwandelt. So funktioniert das eben als „Ikone“.

Schwarzers Kernschmelze

Päpste treten zwar nicht ab, aber sie werden ersetzt, wenn sie einmal sterben. Bei Alice Schwarzer ist das ein bisschen anders: Sie würde ja gern loslassen (behauptet sie), aber es geht nicht, weil sie unersetzlich ist (Naturgesetz). Insofern war die Verwunderung groß, als Alice Schwarzer der Nation am 6. Dezember vorigen Jahres in der Sendung „Kerner“ bekanntgab, ihren Posten als Chefredakteurin bei „Emma“ zu räumen und eine jüngere Kollegin ans Ruder zu lassen. Als Nachfolgerin auserkoren: die Rundfunkmoderatorin Lisa Ortgies, Jahrgang 1966, verheiratet, zwei Kinder. „Mit Lisa Ortgies hat ,Emma‘ nicht nur eine erfahrene und engagierte Kollegin gewonnen, sondern auch eine Frau, die an der Front der aktuellen Herausforderung moderner Frauen steht, will sagen: die beides vereint, Kinder und Karriere“, hieß es am nächsten Tag auf der „Emma“-Homepage im Internet. Immerhin dauerte es fast ein halbes Jahr, bis das Experiment ein Ergebnis zutage gefördert hatte, das ohnehin von Anfang an feststand: Für Alice Schwarzer kann es keinen Ersatz geben, und weil das laut Selbstauskunft „politische Magazin von Frauen“ nun einmal von Alice Schwarzer gegründet und mehr als dreißig Jahre lang auch geleitet wurde, gilt das selbstverständlich ebenso in ihrer Funktion als Chefredakteurin.

Schon die Versuchsanordnung ließ nichts anderes erwarten: Lisa Ortgies sollte von der Chefin mehrere Monate lang „nicht nur in die spezifischen ,Emma‘-Abläufe“, sondern „überhaupt in die Tätigkeit einer Chefredakteurin“ eingearbeitet werden, um dann, „wenn alles klappt“, im September die Verantwortung zu übernehmen (wie das interessierte Publikum mittlerweile bei „Emma“ online erfahren darf). Geklappt hat natürlich gar nichts, das Schnupperpraktikum der Neuen musste vielmehr vor einer Woche abrupt abgebrochen werden. Die Gründe für dieses Scheitern sind seit einigen Tagen unter der Überschrift „Chronik der Ereignisse“ ebenfalls für alle Welt auf der „Emma“-Homepage nachzulesen, es handelt sich – gelinde gesagt – um ein wahnhaftes Dokument von äußerster Peinlichkeit. Da wird Lisa Ortgies unter anderem vorgeworfen, „leider und ganz und gar überraschend für alle“ mit der Aufgabe, „welche viel mit Organisation, Koordination und Konzeption zu tun hat“, überfordert gewesen zu sein. Doch so schnell lassen die wackeren Rest-Emmas sich nicht unterkriegen und verkünden trotzig: „Und wir? Wir machen jetzt die Juli/August-Ausgabe.“

Aber wer sind „wir“? Außer Schwarzers Sekretärin sowie einer weiteren Redakteurin kommt laut Impressum eigentlich niemand in Frage – die „Emma“ ist eben nicht der „Spiegel“ oder der „Stern“. Alice Schwarzer selbst kann jedenfalls nicht gemeint sein, denn die arbeitet nicht an der neuen Ausgabe, sondern ist „zur Zeit in Urlaub“ und steht deshalb für ein Gespräch nicht zur Verfügung, wie ihr Sekretariat auf Anfrage mitteilt. Was schade ist, weil man sie schon ganz gern mal gefragt hätte, warum eine intelligente, fleißige und bestens organisierte Journalistin namens Lisa Ortgies plötzlich agiert haben soll wie ein Dreijähriger, dem die Schaltzentrale eines Atomkraftwerks anvertraut wurde. Oder ob nicht Alice Schwarzer selbst es war, die die Kernschmelze herbeigeführt hat, indem sie jeden Versuch einer Auffrischung des vor sich hindümpelnden Frauenmagazins im Keim erstickte.

Überdehnter Begriff von sexueller Gewalt

Gegen das System „Alice Schwarzer“ wirkt selbst die katholische Kirche wie ein Haufen umstürzlerischer Jungtürken. „Die vehementeste Bekämpferin aller wie auch immer gearteten Versuche, einen jüngeren Feminismus zu machen, ist Alice Schwarzer“, sagt die siebenunddreißigjährige Publizistin Thea Dorn, Autorin des Buchs „Die neue F-Klasse – Wie die Zukunft von Frauen gemacht wird“. Was damit gemeint ist, war eben erst in der Frankfurter Paulskirche zu erleben, wo Alice Schwarzer ihre Dankesrede für den Börne-Preis hielt: Frauen, die Prostitution nicht kategorisch ablehnen und nicht bereit sind, wie Alice Schwarzer Pornographie in aber auch jedem einzelnen Fall mit Gewalt gleichzusetzen, werden als „Wellness-Feministinnen“ diffamiert. Solche „Post-Girlies“ interessierten sich „ausschließlich für ihre ganz persönlichen Belange, sprich: für Karriere und Männer“, urteilte die alleinige Sachwalterin des einzig wahren Feminismus barsch. Zwischentöne existieren nicht in ihrer Welt.

„Ich habe den Eindruck, dass Alice Schwarzer einen geradezu grotesk überdehnten Begriff davon hat, was sexuelle Gewalt ist. Das finde ich auch beleidigend denen gegenüber, die tatsächlich Opfer sexueller Gewalt geworden sind“, argumentiert Thea Dorn, die damit wohl auch zu den „Wellness-Feministinnen“ gezählt werden muss. Aber da verhält es sich bei Alice Schwarzer wie bei Erich Honecker kurz vor dem Mauerfall: Mit Argumenten, Zahlen oder Fakten ist sie schon lange nicht mehr zu beeindrucken. Als zur Fußball-WM vor zwei Jahren 40.000 zugereiste Prostituierte erwartet wurden, war bei „Emma“ von 40.000 Zwangsprostituierten die Rede. Einen Artikel im „Stern“ frisierte Alice Schwarzer vergangenes Jahr in ihrem eigenen Magazin in ein hanebüchenes Dossier über die angeblich komplett durchpornographisierte Jugend von heute um. Dem Fotografen Helmut Newton, zu Lebzeiten einer ihrer Lieblingsfeinde, spuckt sie in ihrem jüngsten Buch („Die Antwort“) aufs Grab und behauptet, er sei „ein paar Jahre nach seinem Tod schon fast vergessen“. Den Pillenknick deutet sie im gleichen Werk zu einem Ergebnis der Frauenbewegung um. Und in den Text einer freien Mitarbeiterin über Skandal-Rapper wie Sido und Bushido, in Auftrag gegeben für die „Emma“-Ausgabe vom Herbst 2005, flickt Alice Schwarzer eigenhändig den Satz ein: „Hinter dieser Mischung aus Rap-Musik, Ghetto-Slang und Gangsta-Attitüde, die zur Zeit auf Tausenden Studentenpartys im Land gespielt wird, steckt ein massives Problem: Sex ist nicht Lust – sondern ausschließlich Machtinstrument.“ Drunter tut sie’s nicht, es gilt die Devise: je schriller, desto besser. Auch die Halbwahrheit braucht wohl immer eine Mutige, die sie ausspricht.

Als Alice Schwarzer vor kurzem in einem haarsträubenden Artikel Verständnis für die Machthaber in Burma zeigte und für deren Weigerung, nach dem Zyklon Nargis Katastrophenhelfer ins Land zu lassen (siehe Alice Schwarzer über die Erneuerung Burmas nach dem Wirbelsturm), forderte der „Spiegel“-Autor Matthias Matussek in einem offenen Brief ihren Rücktritt als Jurorin des Henri-Nannen-Preises. Die Frage ist weniger, ob sie darauf eingeht – das scheint bei ihrer Fähigkeit zu Selbstkritik ausgeschlossen. Sondern vielmehr, warum Alice Schwarzer überhaupt in ein Gremium aufgenommen wurde, das sich auf die Fahnen geschrieben hat, journalistische Bestleistungen zu prämieren.

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