25.09.2006 · Bald erscheint Alfred Bioleks Biographie „Mein Leben“. Zudem startet im Oktober seine Bühnenshow. Im Interview spricht der 72 Jahre alte Moderator über Vergewaltigte bei Kerner, zwanzig Kochshows und den Zustand des Fernsehens im allgemeinen.
Am 28. September erscheint Alfred Bioleks Biograpghie „Mein Leben“. Zudem startet der 72jährige am 14. Oktober in Köln seine Bühnenshow „Mein Theater mit dem Fernsehen“. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung spricht Biolek über Vergewaltigte bei Kerner, zwanzig Kochshows und überall dieselben Nasen.
Am Donnerstag erscheint Ihre Biographie, „Mein Leben“. Machen Sie dafür die übliche Runde durch die Talkshows?
Ich gehe zu Harald Schmidt, zu Giovanni di Lorenzo und zu Frank Elstner.
Alfred Biolek im Interview: Meine Zeit ist jetzt zu Ende
Nicht zu Kerner und Beckmann?
Nein.
Extra nicht?
Nein.
Weil das zu persönlich ist, was da abgefragt wird?
Nein. Will ich nicht. Ohne Grund.
Hätten Sie jemals ein dreizehnjähriges Vergewaltigungsopfer in Ihre Sendung eingeladen?
Nein. Niemals. Niemals.
Glauben Sie, daß man Menschen manchmal schützen muß vor ihrem eigenen Wunsch, an die Öffentlichkeit zu gehen?
Bei mir war es sogar so, daß ich Gäste unterbrochen habe, wenn ich gemerkt habe, die vertrauen mir so, die fühlen sich so wohl, daß sie sich weiter geöffnet haben, als sie es im nachhinein hätten haben wollen. Wenn die an Grenzen gingen, wo ich dachte, oh oh, da werden die nachher sagen, mein Gott, das hätte ich mal besser nicht erzählt, habe ich zu einem anderen Thema übergelenkt.
Weil die in dem Moment vergessen, daß ein Millionenpublikum zuhört?
Ja, die mögen mich und sagen dann irgendwas, wo sie nachher sagen werden, oh Gott, was habe ich nur gemacht. Das wollte ich nicht. Ich wollte immer scharfe Grenzen ziehen. Das ist etwas, was mich heute an den Medien sehr irritiert: Es muß immer ein Hype sein. Ob das der Papst ist oder jemand, der acht Jahre gefangen war, ist eigentlich egal.
Wenn man zu Kerner oder Beckmann geht, muß man wahrscheinlich etwas sehr Persönliches preisgeben, um sein Produkt zu verkaufen. Den Deal wollten Sie nicht eingehen?
Weiß ich nicht, also darüber habe ich gar nicht nachgedacht. Nein, ich gehe nur in Talkshows von Leuten, die ich sehr gut kenne.
Sie haben immer davon profitiert, daß es Prominente gibt. Sind Sie da auf dem neuesten Stand, kennen Sie alle, die in den Talkshows sitzen?
Nein. Ich gucke ja kein Fernsehen.
Seit wann nicht mehr?
Och, schon seit mehreren Jahren.
Erinnern Sie sich an die letzte Sendung, die Sie gesehen haben, bei der Sie dann dachten, so, jetzt reicht's?
Nein, nein, so war das nicht. Es liegt nicht nur an der Qualität des Fernsehens, daß ich nicht mehr gucke. Denn ich könnte ja Arte gucken, ich könnte 3Sat gucken, und manchmal, ganz selten, gucke ich morgens, wenn ich aufstehe, „Kulturzeit“ vom Abend vorher, das ist wirklich eine gute Sendung. Aber ich habe auch früher nicht viel geguckt, weil ich mich vor dem Fernseher schnell langweile, auch bei einer guten Sendung, weil ich nicht kommunizieren kann. Ich bin jemand, der nicht gerne allein ist und auch nicht gut alleine sein kann, und abends, genau in der Zeit, wo man eigentlich fernsieht, bin ich gerne unter Menschen. Ich brauche diese Kommunikation. Und wenn ich mal einen Abend alleine bin, lese ich lieber ein Buch. Aber ich bin natürlich kein Fernsehfeind, das wäre ja absurd, ich habe schließlich gelebt davon. Ich habe mich eben anders entwickelt.
Sind Sie auf dem laufenden, was im Fernsehen passiert?
Jaja, natürlich. Ich lese täglich die Medienseiten von F.A.Z., „SZ“ und „Tagesspiegel“. Und wenn etwas interessant klingt, fordere ich auch schon mal eine Videokassette an.
Zum Beispiel das Natascha-Kampusch-Interview, haben Sie das gesehen?
Nein. So etwas möchte ich nicht sehen.
Warum nicht?
Ich finde das nicht richtig, daß man das zeigt. Das ist aber nur eines der Dinge, die ich nicht mehr so gut finde bei der heutigen Form der Unterhaltung.
Was sind die anderen?
Ich werde mich hüten, hier als großer Fernsehkritiker aufzutreten, nein, nein.
Ach schade.
Eine Sache kann ich sagen. Ich finde schade, daß heute alles so austauschbar ist. Zuerst wird der beste Tänzer gesucht, dann der wichtigste Deutsche, dann sucht das ZDF die schönste Stelle in Deutschland, es ist alles immer dasselbe. Mir fehlt das Persönliche, das Individuelle. Mir fehlt der Gastgeber, der Showmaster, der Moderator, der unique ist, und das fängt beim Aussehen an. Ich muß aber dazu sagen, daß ich nicht meine, das Fernsehen ist schlechter geworden.
Sie sind höflich.
Es ist einfach anders geworden, es ist nicht mehr so sehr meins. Aber an der großen Zahl der Zuschauer und an der Länge der Zeit, die jeden Tag durchschnittlich ferngesehen wird, erkennen wir, daß offensichtlich eine Menge Leute das gut finden. Okay, sollen sie.
Legendär ist Ihre Kochsendung mit Helmut Berger: Wo er, offensichtlich nicht ganz nüchtern, jedes Mal, wenn Sie ihm den Rücken zuwandten, Ihr Essen mit sehr viel Chili nachwürzte. So etwas gibt es heute nicht mehr.
Das war eben unverwechselbar. Und er hat es ja aus Witz gemacht. Wenn er mir böswillig mein Gericht kaputtgemacht hätte, dann wäre das etwas anderes gewesen, aber so . . . Ein gewisses Chaos finde ich wunderbar.
Vor ein paar Tagen haben Sie die letzte Folge von „alfredissimo“ abgedreht. Genug Thai-Curry von „Tatort“-Kommissaren?
Ich habe das zwölf Jahre gemacht, ich fand, es reicht. Man muß loslassen können. Und ich habe damit auch etwas losgetreten, einen Trend, es gibt ja jetzt über zwanzig Kochshows, auch die leider sehr auswechselbar. Das ist jetzt ein ganz anderer Typus Kochshow, und ich will nicht mehr damit konkurrieren. Meine Zeit ist jetzt zu Ende. Jetzt kommen die Neuen, die machen das anders.
Stimmt es, daß Sie erst durchs Kochen wohlhabend geworden sind?
Ja. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen hat ja bis vor ein paar Jahren sehr schlecht gezahlt. Es ist neu, daß eine Frau Christiansen oder ein Kerner, ein Beckmann, daß die so doll verdienen. Ich habe bei „Bios Bahnhof“ mit 6000 DM pro Sendung angefangen, das waren sechs Sendungen im Jahr. Bei „Mensch Meier“ waren es dann schon 30.000 DM, aber es waren auch nur sieben Sendungen im Jahr. Da kann man gut von leben, aber man wird nicht reich. Und dann kam „Boulevard Bio“, das war auch nicht doll honoriert, aber es lief eben vierzig Mal im Jahr, das läppert sich dann schon. Und dann kamen noch mal vierzig Kochshows dazu. Und dann die Kochbücher. Vor allem die Kochbücher.
Dreieinhalb Millionen Stück haben Sie bis heute verkauft.
Davon sind eine Million das zweite Buch, die Rezepte meiner Gäste, und da sind die Einnahmen alle an Stiftungen gegangen. Aber immerhin, doch noch eine Menge.
Und jetzt? Was machen Sie jetzt?
Jetzt mache ich etwas, was es bislang noch nicht gab: Ich bringe das Fernsehen auf die Bühne. Die Leute kaufen sich eine Eintrittskarte, ziehen sich schick an, gehen ins Theater und gucken fern.
Sie stehen auf der Bühne und erzählen von Ihren vierzig Jahren beim Fernsehen.
Ja, und auf Stichwort wird dann die jeweilige Szene eingespielt. Das geht los mit mir in „Tips für Autofahrer“, 1963.
Sie haben vor vier Jahren in einem Interview erzählt, Sie wollten für den WDR ein Journal über Berlin machen.
Ich wollte zeigen, wie interessant diese Stadt ist. Aber es bestand kein Interesse.
Von Seiten des Senders nicht? Kam so etwas öfter vor?
Nein, alle anderen Sachen wurden gemacht.
Sie haben spät Karriere gemacht: Mit 44 haben Sie „Bios Bahnhof“ angefangen, mit 60 die Kochsendung.
Wenn ich jetzt mit 72 aufhöre, gibt es, glaube ich, niemanden mehr, der so alt ist und eine regelmäßige Sendung hat.
War Quote in Ihrer Fernsehlaufbahn sehr wichtig?
Nein. Sie war immer auch ein Thema. Und wenn eine Sendung extrem schlechte Quoten gehabt hätte, hätte ich auch aufgehört. Ich war mir immer darüber im klaren, daß ich in einem Massenmedium arbeite, und das bedeutet, daß ich einen ziemlich großen Kreis ansprechen muß. Das einzige, was ich nicht gut finde und weswegen ich auch froh bin, daß ich meine Fernsehkarriere beende, ist, wenn die Quote zum allerwichtigsten Maßstab wird. Wissen Sie, es gibt diese schöne Geschichte: Früher, vor zwanzig Jahren, treffen sich beim WDR zwei Redakteure um elf Uhr: „Oh, Herr Kollege, hallo, wie hat Ihnen denn gestern diese neue Sendung gefallen?“ „Ja, also der Anfang war ein bißchen schleppend, aber es waren gute Ideen drin, doch, hat mir gut gefallen.“ Und heute? Treffen sich zwei Redakteure im Flur des WDR: „Hallo, Herr Kollege, wie hat Ihnen die neue Sendung gestern gefallen?“ „Ich hab' keine Ahnung, die Quoten kommen erst um zwölf.“
Sie sehen nicht aus, als meinten Sie das als Witz.
Nein.
Wenn Sie dem heutigen Fernsehen etwas raten sollten, was wäre das?
Wissen Sie, jetzt dem Fernsehen etwas zu raten ist schwer. Man hätte dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen vor zehn oder vor fünfzehn Jahren raten sollen, sich nicht in diesen Konkurrenzkampf mit den Privaten zu begeben. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Sie haben sich so in diesen Quotenkampf hineinbegeben, daß - besonders in der Unterhaltung - die Quote das allerwichtigste ist. Ich mache nicht den Leuten, die heute Fernsehen machen, Vorwürfe. Ich finde nur so schade, daß die ganze Gesellschaft sich so entwickelt hat, daß sie nur noch das Seichte gut findet. Das Fernsehen kann gar nicht anders heute, als sich auf die flachste, unterste Ebene zu begeben, weil das Publikum dort ist. Daß das Fernsehen selbst dazu beigetragen hat, ja, gut, soll man da rückblickend noch mal jammern oder was?
In einer perfekten Welt: Was sollte Fernsehen leisten?
Das klingt jetzt auch wieder nicht sehr positiv: Ich finde, es kann nichts leisten. Das konnte es mal. Heute kann es die Menschen höchstens informieren, mehr nicht. Es erzieht nicht mehr. Man ist ja froh, wenn es nicht das Gegenteil macht, zum Verflachen animiert, nicht?
Alfred Biolek mit Veit Schmidinger: „Mein Leben“. Ab 28. September. Kiepenheuer & Witsch. 336 Seiten, 19,90 Euro.
Die Bühnenshow „Mein Theater mit dem Fernsehen“ hat am 14. Oktober in Köln Premiere, weitere Termine unter anderem 23. Oktober Berlin; 13. November Hamburg; 3. Dezember München.