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Aldags und Zabels Fernsehbeichte Epocalypse

25.05.2007 ·  Reumütig traten Rolf Aldag und Erik Zabel in den Beichtstuhl des Fernsehens, das eigentlich auch selbst darin sitzen sollte. Weil die Kameras die Intimität der Beichtsituation zerstörte, hatte ihr Geständnis den Beigeschmack einer öffentlichen Selbsthinrichtung.

Von Hannes Hintermeier
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Nach dem Geständnis von Bert Dietz bei „Beckmann“ erleben die dem Radsport trotz alledem noch immer irgendwie zugeneigten Zuschauer eine dominosteinartige Kippbewegung ehemaliger Radprofis. Eine Selbstanklage jagt die andere, sogar Udo Bölts hat zugegeben, seinen unkaputtbaren Motor mit verbotenen Substanzen frisiert zu haben. Die Team-Sportärzte der steuermittelfinanzierten Freiburger Uni-Klinik sind entlassen, ein Pfuhl voll großer und kleiner Sünder drängt an den Beichtstuhl der Fernsehanstalten, die eigentlich selbst in demselben sitzen sollten.

Aufklärung von A bis Z, von Aldag bis Zabel, wurde unlängst gefordert und gestern dann auch geliefert. Aber was ist mit den Buchstaben dazwischen? Jan Ullrich ist weiterhin verstockt, Andreas Klöden weiß sicher auch von nichts. Noch in die Anmoderation von ARD-Mann Michael Antwerpes hinein wurde geklagt, zehn Jahre seien seit dem Festina-Skandal vergangen, nichts habe sich ergeben, così fan tutti, so machen es alle immer noch. Weil man nichts beweisen kann oder jedenfalls viel zu wenig. Deshalb muss jetzt „gebeichtet“ werden, wie die allenthalben verwandte Vokabel dieser Tage lautet. Die Pönitenten kamen im weißen Polo-Büßerhemd, und sie sahen schon beim Betreten des Podiums recht betreten reumütig aus.

Kein Grund, die Wahrheit zu sagen

Die Gewissenserforschung verpackten sie - gar nicht ungeschickt: Ich will euch mal eine Geschichte erzählen - in die Erzählung ihres Lebens. Wie alles anfing. Mit der Karriere als Radprofi, bei einem kleinen Schweizer Team, dann der Sprung zum Team Telekom, und dann, hey, erzählte Rolf Aldag, der Moment wo man zerschunden und kaputt am Straßenrand sitzt und wieder nicht gewonnen hat. Weil die Konkurrenz gedopt hat. Also sagt man sich, da muss ich auch mal nachfragen, es gibt ja ohnehin keine Möglichkeit, erwischt zu werden.

Erst 1998 beim Festina-Skandal, da habe „es klick gemacht“. Aber das Gift wirkt auch anders weiter: nach drei Jahren ohne Tour-Teilnahme der Rückfall: Epo selbst besorgt, auf dunklen Kanälen, und es dann plötzlich mit der Angst zu tun bekommen. Und ja, ich hab' euch angelogen, aber hey, es gab keinen Grund, die Wahrheit zu sagen. „Ich entschuldige mich für die Lügerei“, so sprach der Sportliche Leiter des Teams T-Mobile, am Handgelenk das gelbe Livestrong-Armband der Lance-Armstrong-Stiftung.

Mit der Lüge leben

Freund und Zimmergenosse Erik Zabel hat als erster (noch) aktiver Profi die noch größere Fallhöhe: Zabel ist ein deutscher Sportheld, ein Mann mit eigenem Fan-Club und Star-Attitüden. Aber wie er da sitzt und schluckt und mit den Tränen kämpft, ist er vor allem ein großer Elendshaufen. Wie solle er aus seinem Sohn einen guten Menschen machen, wie einen sauberen Sport und ein bereinigtes Vaterbild hinterlassen? Elf Jahre habe er mit der Lüge leben müssen, nach der „Spiegel“-Titelgeschichte vom 30. April sei ihm klar gewesen, dass die Position nicht mehr haltbar sei. Er habe seine Karriere an der Garderobe abgeben und sein Schicksal in die Hände - er deutet dabei aufs Publikum - der Öffentlichkeit gelegt.

Doping ist ein intimer Vorgang, kein Fahrer will, dass sein Teamkollege darüber Bescheid weiß. Wir aber haben das seltsame Schauspiel einer Fernsehbeichte erlebt, also etwas, was es eigentlich gar nicht geben kann. Weil eine Beichte unter vier und nicht unter Millionen von Augen abgelegt wird. Bei der Fernsehbeichte pervertiert die Kamera die Rolle des Beichtvaters, indem sie das Beichtgeheimnis live überträgt - und nicht, wie eigentlich vorgesehen, den Beichtenden und sein Geheimnis schützt, ihn danach auffordert, sich bei den zuständigen Stellen zu offenbaren.

So hatte diese Pressekonferenz den Beigeschmack einer öffentlichen Selbsthinrichtung. Er habe gelogen, um etwas im System zum Besseren zu wenden, erklärte Aldag auf Nachfrage eines Journalisten. Diese Logik schürt die Zweifel, ob man mit ihr den Weg zu einem sauberen Sport wird ebnen können. „Wir waren Gefangene unseres Denkens“, philosophierte der reuige Dopingsünder Erik Zabel. Nun weiß man, wie gespenstisch recht er damit hat.

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Jahrgang 1961, Redakteur im Feuilleton.

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