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Albert Camus als Journalist : Faulheit ist eine Todsünde

Kritischer Zeitungsleser und Journalist: Albert Camus 1959 in Paris Bild: AFP

Von 1944 bis zum Beginn des Kalten Kriegs schrieb Albert Camus für „Combat“, die Zeitung der Résistance. Jetzt liegen seine Artikel in deutscher Übersetzung vor. Es sind Meisterwerke.

          Die Vichy-Regierung hat sich in Luft aufgelöst“: Mit diesem Befund begann Albert Camus am 22. August 1944 seinen Leitartikel in der Zeitung „Combat“, deren Chefredakteur er war. Nach 55 „illegalen“ Ausgaben im Untergrund des antifaschistischen französischen Widerstands hatte das Blatt am Vortag, nach der Befreiung von Paris, erstmals öffentlich erscheinen können. Die Texte, die Camus für „Combat“ schrieb, aber nicht immer namentlich zeichnete, hat Jacqueline Lévi-Valensi schon vor zehn Jahren in einer vorbildlichen Edition versammelt. Jetzt ist diese Artikelsammlung in zwei Bänden mitsamt umfangreichem Anmerkungsapparat in der genauen deutschen Übersetzung von Lou Marin erschienen.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          Camus’ Reportagen und Kommentare erschließen die Jahre zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Ausbruch des Kalten Kriegs. Sie illustrieren das Denken eines Philosophen, der den Totalitarismus Hitlers wie den Stalins gleichermaßen bekämpfte und zum Kolonialismus einen eigenen Standpunkt vertrat. Seine für den Tag geschriebenen Texte sind auch siebzig Jahre nach ihrem ersten Erscheinen immer noch spannend. In ihrer Gesamtheit sind sie ein Schlüsselwerk zum Verständnis der unmittelbaren Nachkriegsgesellschaft: ihrer Lebenslügen und auch ihrer Illusion, dass man sich in einer Übergangsphase befinde. „Von der Résistance zur Revolution“: Unter diesem Titel erschien Camus’ erster Leitartikel. Er wurde als politisches und publizistisches Programm gleich zweimal gedruckt, am 21. und 22. August. Die Ausgaben waren nicht immer leicht zu bekommen, die Auflagen waren klein, Papier war knapp.

          Ein ehrbarer Beruf

          Ein zentrales Thema dieser Aufsätze ist der Journalismus und seine Ethik. Der Journalismus stand auch am Anfang von Camus’ Schreiben. Der französische Schriftsteller und Publizist Pascal Pia hatte Camus noch in dessen Geburtsland Algerien (also Französisch-Nordafrika) dazu gebracht, Mitarbeiter seiner linksgerichteten Zeitschrift „Alger Républicain“ zu werden. Camus schrieb Gerichtsreportagen, in denen er die Einheimischen verteidigte und das Kolonialsystem angriff. Er engagierte sich für die Berber der Kabylei. Literarische Rezensionen veröffentlichte er unter dem Pseudonym „Objecteur de Conscience“: Kriegs- und Armeedienstverweigerer aus Gewissensgründen. Herbert Lottmann schreibt in seiner Biographie des Dichters, dass Camus und Pascal Pia aus der Zeitung ein „anarchistisches Organ“ gemacht hätten. 1938 kritisierten die Kriegsgegner Camus und Pia das Abkommen von München. Aus dem „Alger Républicain“ wurde „Le soir républicain“, der sich nach Hitlers Einmarsch in Polen fortwährend in Konflikt mit der Zensur befand. Im Januar 1940 wurde die Zeitung verboten. Nur wenige Monate später, im Juni, musste Frankreich ein Waffenstillstandsabkommen mit Deutschland unterzeichnen. Pascal Pia ging nach Paris und schloss sich der Résistance an. Die von Henri Frenay begründete Widerstandsbewegung antwortet auf Hitlers „Mein Kampf“ mit „Combat“. Zwischen 1941 und 1944 erschienen achtundfünfzig Ausgaben, für die Mitarbeiter ihr Leben riskierten. Camus, der Pias Ruf gefolgt war, schrieb seinen ersten Artikel für „Combat“ im März 1944. Seine Beiträge befassen sich mit den mörderischen Verbrechen der Nazis und ihrer Kollaborateure und werfen die Frage auf, wie mit ihnen nach der sich abzeichnenden „Libération“ umzugehen sei.

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