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Aktualisiert: 05.06.2017, 16:46 Uhr

Fake News zu London-Terror „Statisten mit traditionell islamischer Kleidung“

Nach dem London-Anschlag säen rechte Blogger und die AfD Zwietracht. Sie unterstellen dem Sender CNN, er habe den Protest von Muslimen gegen den Terror erfunden. Der Vorwurf ist Fake News pur.

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© AP/Raphael Satter #TurnToLove, #ForLondon: Muslimische Demonstranten protestieren am vergangenen Sonntag im Süden der britischen Hauptstadt gegen den islamistischen Terror.

Nach einem Terroranschlag wie dem der vergangenen Samstagnacht in London, bei dem drei Attentäter sieben Menschen töteten und fünfzig verletzten, hat eine Vokabel Konjunktur: „offenbar“. Offenbar hätten die britischen Sicherheitsbehörden die Gefahr unterschätzt, sagen Experten im Fernsehen, die allerdings auch nicht wissen, wie man Mordangriffe verhindern soll, die von Tätern begangen werden, die mit einem Fahrzeug in Menschen rasen und mit Macheten auf Passanten und Restaurantbesucher losgehen.

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Offenbar, anscheinend – Fragezeichen. Mit einem Fragezeichen ist auch die Geschichte versehen, die seit Sonntag im Internet die Runde macht: „Did CNN stage this Muslim protest against terror in London?“, lautete die Frage, die unter anderem der konservative amerikanische Blogger Mike Cernovich weit verbreitete und in eine Feststellung verwandelte: „CNN caught staging Fake News Scene“. Aufgekommen war die Sache, worauf die „Tagesschau“ verweist, über den Blogger Mark Antro. Der Blogger Milo Yiannopoulos, der für das amerikanische Portal „Breitbart“ arbeitete und sich mit einem eigenen Kanal selbständig gemacht hat, wusste es bei Facebook ganz genau: „London: CNN busted faking Muslim demonstrations. CNN = Fake News.“

© Youtube/Mark Dice Youtuber bezichtigt CNN falscher Berichterstattung

Soll heißen: Der amerikanische Nachrichtensender CNN wurde dabei erwischt, wie er den Protest einer Gruppe von Muslimen gegen den Terror in London inszeniert habe. Der dazu verbreitete, rund zwei Minuten lange Videofilm scheint dies auf den ersten Blick zu bestätigen: Zu sehen sind Kameraleute und Fotografen, mitten unter ihnen die CNN-Reporterin Becky Anderson, welche an einer Straßenecke in London die Handvoll Demonstranten auch noch zu dirigieren scheint, damit sie richtig im Bild erscheinen.

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Für die AfD ist die Sache sonnenklar: „Diese Demonstration fand nie statt“, behauptet die Populisten-Partei auf ihrem Facebook-Account. Es handele sich „um gestellte Szenen, die CNN gedreht haben soll, und die derzeit für viele Fragezeichen sorgen“. Ein ganzes Set sei aufgebaut worden, „die Statisten mit traditionell islamischer Kleidung ausgestattet. Schilder und Blumen lagen bereit, die augenscheinlichen Schauspieler wurden professionell platziert.“ Die ARD habe das Bild inzwischen ausgetauscht, von anderen Sendern werde es weiter verwendet. „So schafft man kein Vertrauen in die Berichterstattung, liebe Leitmedien.“

Woher wissen die Blogger, woher wissen all die anderen, die den Verdacht weitertrugen, woher weiß die AfD, dass hier „gefälscht“ worden ist? Ihnen reicht der oberflächliche Augenschein, um zu behaupten, es habe den Protest von Muslimen gegen den islamistischen Terror nicht gegeben.

Aufgenommen wurden die Demonstranten von CNN und der britischen BBC, sie sind an einer anderen Stelle auch auf einem Bild der Agentur Associated Press zu sehen. Den Vorwurf, dass sie nicht echt seien, wies die Presseabteilung von CNN als „Unsinn“ zurück: Die Polizei habe den Demonstranten vielmehr erlaubt, sich an besagter Stelle einen Weg an der Journalistengruppe vorbeizubahnen, damit sie ihre Plakate zeigen konnten. CNN und andere Medien hätten die Gruppe dabei „schlicht“ gefilmt.

Darauf verwies auf seinem Twitter-Account auch der CNN-Medienredakteur und Gastgeber der Sendung „Reliable Sources“ (Verlässliche Quelle), Brian Stelter, der meinte, „Rechtsaußen-Twitterer“ führten die Öffentlichkeit mit ihrer Darstellung in die Irre. Auch die Nachfrage von FAZ.NET bei einem Journalisten, der vor Ort war und mit den muslimischen Demonstranten sprach, ergibt denselben Befund: Die kleine Gruppe war mit ihren Plakaten unterwegs und suchte selbstverständlich die Aufmerksamkeit von Journalisten. Anzunehmen, es handele sich um bezahlte Statisten oder jemand habe sich die Mühe gemacht, Schauspieler zu engagieren, sei „Spinnerei“.

Die Unterstellung allerdings zieht im Netz ihre Kreise und nährt die Lesart dieses Attentats und der zahlreichen Terrorangriffe von Islamisten in ganz Europa, welche die Terrorgruppe IS, die auch diesen Massenmord für sich reklamierte, verfolgt: Es gehe um einen globalen Kampf zwischen Muslimen und allen anderen Menschen, welche die Islamisten als „Ungläubige“ bezeichnen. So errichten sie, wie der ARD-Terrorismus-Experte Michael Götschenberg in einem Kommentar sagte, ein „virtuelles Kalifat“. Zu dem tragen die Rechtsaußen-Blogger und die AfD das Ihre bei.

Der Kommentar, den die CNN-Reporterin Becky Anderson an besagter Straßenecke in London sprach – die Demonstranten waren nicht zu sehen –, ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Sie bezeichnete die islamistischen Attentäter als einen „Haufen dummer, lächerlicher Verlierer“: „Ihr seid eine Handvoll verdorbener Wirrköpfe, versessen darauf, zu töten“ („You are a handful of twisted fools hell-bent on taking lives“).

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