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Ägyptische Protestbewegung : Der digitale Revoluzzer

  • -Aktualisiert am

Stimme des Protests: Der Internetaktivist und Google-Manager Wael Ghonim nach seiner Freilassung. Bild: AFP

Er war lange ein Mysterium, doch nun kennt jeder sein Gesicht: Der ägyptische Google-Manager Wael Ghonim organisiert auf Facebook den Protest. Nach zwölf Tagen Gefangenschaft wurde er am Montag freigelassen. Jetzt wird er als Held gefeiert.

          Was für ein bewegender Moment. Zu Beginn des Fernsehinterviews am Abend des 7. Februar wirkt Wael Ghonim erschöpft, aber gefasst. Nur zwei Stunden zuvor ist er in Freiheit entlassen worden. Ob er von den Toten wisse, fragt die Moderatorin Mona Shazli. Er sei darüber informiert worden, erwidert der junge Mann. Habe er schon die Fotos der getöteten Demonstranten gesehen? Nein, noch nicht. Wie Rosen in einem Garten seien die jungen Menschen gewesen, die bei den Protesten in Kairo ums Leben kamen, sagt sie.

          Ghonim vernetzte die Demonstranten

          Währenddessen blendet der ägyptische Privatsender die Bilder ein: glückliche, junge Männer in bunten T-Shirts. Nicht älter als er selbst. Das ist zu viel für Ghonim. Vor laufender Kamera bricht er zusammen, Tränen fließen. Die Moderatorin bittet ihn, nicht zu weinen, fährt ungerührt fort und zeigt ihm weitere Fotos. Feierlich verkündet sie, dass diese jungen Menschen vollbracht haben, was vorherige Generationen schon längst hätten tun sollen. Nachdem er sich etwas gefangen hat, richtet Ghonim seine Worte an die Hinterbliebenen: „Ich möchte allen Eltern, die ihre Kinder verloren haben, sagen ...“ - er bricht ab und spricht unter Tränen weiter - „dass es mir leid tut. Es war nicht unser Fehler. Schuld tragen diejenigen, die an der Macht sind und sich nicht von ihr lösen wollen.“ Danach steht er auf und verlässt das Studio.

          Wer ist dieser Wael Ghonim? Ein Informatiker aus Kairo, der seit einem Jahr von Dubai aus das Marketing von Google im Nahen Osten und Nordafrika leitet. Vor allem aber ist er eine der Schlüsselfiguren hinter den Massenprotesten. Zusammen mit drei anderen Administratoren steckt er hinter der Facebook-Seite „We are all Khaled Said“, die zum digitalen Epizentrum der ägyptischen Proteste wurde. Sie half, die Demonstranten zu vernetzen, polizeiliche Übergriffe zu enthüllen und die Besetzung des Tahrir-Platzes zu organisieren. Über seine Twitter-Seite, mit der er gleichzeitig 27 000 Menschen erreicht, warnte er vor drohender Gewalt und informierte über die Lage vor Ort.

          Eine neue Facebook-Seite ist schon online

          Am 27. Januar - einen Tag nachdem er im Fernsehen klare Worte gefunden hatte - wurde Wael Ghonim entführt. Kurz zuvor hatte er über Twitter noch folgende Nachricht verbreitet: „Ich bin sehr besorgt, denn es scheint, dass die Regierung ein Kriegsverbrechen plant. Wir sind alle bereit zu sterben.“ Zwölf Tage lang wurde er von der Sicherheitspolizei festgehalten, die ganze Zeit über mit verbundenen Augen. Amnesty International rief zu seiner Freilassung auf, auch sein Arbeitgeber bemühte sich, ihn zu finden.

          Am vergangenen Montag kam er frei. „Die Freiheit ist ein Segen, für den es sich zu kämpfen lohnt“, twitterte er. Es scheint, dass sein emotionaler Fernsehauftritt ihn erst recht zu einer Symbolfigur des Protests gemacht hat. Eine neue Facebook-Seite ist schon online, sie trägt den Titel „Wir bevollmächtigen Wael Ghonim, im Namen der ägyptischen Revolution zu sprechen“. 141 533 Personen gefällt das.

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