Home
http://www.faz.net/-gqz-77xzo
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Adenauers „Freies Fernsehen“ Der Bundeskanzler hatte es satt

Das ZDF feiert fünfzigjähriges Bestehen. Dabei ist der Sender nicht das „Zweite“: Die abenteuerliche Geschichte von Adenauers Fernsehen in „Tele-Sibirsk“.

© dpa Vergrößern Auch Heinz Erhardt, der beliebteste Komiker jener Zeit, hätte im neuen Sender ein eigenes Comedy-Format bekommen

„Schreiben Se, dass der Kanzler es satthabe!“, empfahl Konrad Adenauer im Sommer 1960 einem Journalisten. Ursache des Ärgernisses war das deutsche Fernsehen.

In der Bundesrepublik gab es damals nur die zehn Jahre zuvor gegründete ARD. Sie sendete ihr festes Programm seit 1954. Seitdem ärgerte sich der Kanzler darüber, dass Fernsehen Ländersache war. Er machte sich an die Umgestaltung der deutschen Fernsehlandschaft. Die Wirtschaft wurde ermuntert, den Aufbau eines zweiten Programms anzugehen. Im Dezember 1958 gründete eine Gruppe privater Interessenten die „Freies Fernsehen GmbH“. Am 8. Dezember 1959 bot Staatssekretär Felix von Eckardt dem Konsortium eine Bürgschaft von zwanzig Millionen Mark an. Aus den zwanzig Millionen wurden schnell 124 Millionen. 124 Millionen Mark, die in keinem Bundeshaushalt auftauchten.

Aufgrund der Bürgschaft erklärten sich fünfzehn Geldhäuser unter Führung der Deutschen Bank bereit, dem in Frankfurt beheimateten „Freien Fernsehen“ die benötigten Finanzen zu beschaffen. Fehlten noch die Macher: Leistungsträger aus dem Bonner Regierungsapparat ließen sich für die Programmarbeit beurlauben. Der Rundfunkreferent im Bundespresseamt, Bruno Six, wurde kaufmännischer Produzent. Der Staatssekretär im Postministerium, Friedrich Gladenbeck, trat in die Geschäftsführung des „Freien Fernsehens“ ein, ebenso der Pressesprecher des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, Heinz Schmidt.

Hohe Gehälter für die Überläufer

Programmdirektor wurde Ernest Bornemann, der sich Ende der sechziger Jahre als Sexualberater einen Namen machen sollte. Der Chefredakteur Konrad Kraemer war ein „Zeitungsmann ohne Fernseherfahrung“, wie der Leipziger Medienforscher Rüdiger Steinmetz (“Auf dem Weg zum dualen System“) schreibt. Unterhaltungschef wurde Helmut Schreiber, der von der Münchner Bavaria kam, wo er bis 1945 Produktionschef war. Schreiber - dem großen Publikum besser als „Zauberer Kalanag“ bekannt - hatte wegen seiner engen Verbindung zu Hitler und Goebbels nach dem Krieg Probleme gehabt, beruflich wieder Fuß zu fassen. Kalanag war unter den Exoten beim „Freien Fernsehen“ die schillerndste Figur. So hatte er eine Weile als Mittelsmann zwischen alliierten Stellen und ehemaligen SS-Leuten fungiert, die sich gegen Informationen zum Verbleib des gesuchten NS-Goldschatzes freies Geleit erhofften. Als er mit seinem Zaubertheater eine Welttournee unternahm, deren Finanzierung unklar war, geriet er selbst in Verdacht, etwas mit dem Verschwinden von NS-Hinterlassenschaften zu tun zu haben.

Leiter des Vormittagsprogramms wurde Peter von Eckardt, der Sohn von Adenauers Pressesprecher Felix von Eckardt, der das „Freie Fernsehen“ erst ins Rollen gebracht hatte. Sohn Peter war schon einmal im Schatten des Vaters aufgestiegen, als er deutscher Statthalter einer New Yorker Werbefirma wurde, die für 650.000 Mark im Jahr im Auftrag der Bundesregierung das Deutschlandbild in den Vereinigten Staaten pflegte.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
SPD Entweder Gabriel oder Gabriel

Warum ist es für die SPD so schwierig, sich einen SPD-Kanzler auszumalen? Gabriel droht jetzt in dieselbe Situation zu geraten wie zwei Jahre vor der vergangenen Bundestagswahl. Mehr Von Jasper von Altenbockum

08.04.2015, 21:46 Uhr | Politik
Russland-Debatte Zum Tanzen braucht man immer zwei

Der für Außenpolitik verantwortliche F.A.Z.-Redakteur Klaus-Dieter Frankenberger zieht in einer Veranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung ein ernüchterndes Zwischenfazit der um Russland kreisenden Debatten. Vielleicht müsse man die Hoffnungen für eine konstruktive Lösung auf die Zeit nach Putin verlegen, so Frankenberger, denn: Zum Tanzen braucht man immer zwei! Mehr

05.12.2014, 11:21 Uhr | Politik
Frankreichs Front National Marine Le Pen rasselt mit dem Säbel

Die Front-National-Vorsitzende Marine Le Pen kündigt ein Disziplinarverfahren gegen ihren Vater an. Das Säbelrasseln erlaubt ihr, die eigene Unschlüssigkeit zu verbergen. Mehr Von Michaela Wiegel, Paris

10.04.2015, 08:25 Uhr | Politik
Berlin Merkel unbesorgt über russische Flüge

Die vermehrten Militärflüge Russlands sind für Kanzlerin Merkel kein Grund zur Unruhe. Der Luftraum werde beobachtet. Sie rechne nicht damit, dass unerlaubte Grenzverletzungen erfolgen. Mehr

30.10.2014, 20:36 Uhr | Politik
Zum Tod von Klaus Bednarz Der Dissident

Klaus Bednarz war den Mächtigen kein bequemer Gesprächspartner. Mit seiner unerbittlichen Machtkritik gab er dem Politikmagazin Monitor über mehr als ein Jahrzehnt ein starkes Profil. Jetzt ist er im Alter von 72 Jahren gestorben. Mehr Von Michael Hanfeld

15.04.2015, 12:56 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 26.03.2013, 20:04 Uhr

Selfie, nein danke

Von Verena Lueken

Trendwende: Während die Filmdiven vergangener Tage alles daran setzten, um nicht mehr fotografiert zu werden, lichten sich heutige Stars gerne selbst ab. Das Filmfestival in Cannes will dem jetzt Einhalt gebieten. Mehr 1 2