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Abschluss der re:publica : Der Feind in meinem Computer

Wo, bitte, geht’s zum richtigen Motto: Bei der „Republica“ hieß es „Love out loud“. Doch was ist damit gesagt? Bild: Andreas Pein

Die Themen der Netzkonferenz re:publica in Berlin sind „Hass“ und „Liebe“. Die Initiative für eine „Digital-Charta“ wird jedoch hart kritisiert. Und die bedrückendsten Einblicke geben die Extremismusforscher.

          Der Feind, das sind wir. Es war einer der ruhigeren Momente auf der Republica, in dem dieser Satz fiel, und es war der Internetaktivist Jérémie Zimmermann, der ihn aussprach: Wir lebten in einer Zeit, in der Computer geschaffen würden, als wären ihre Nutzer ihre Feinde. Unsere Smartphones hätten neben dem Bereich, auf den wir Zugriff haben, einen weiteren, der sich unserem Einfluss verschließt.

          Es ist weit gedacht, den Unmut, den wohl jeder in einem Moment der Verzweiflung über seine digitalen Geräte empfindet, mit diesem Umstand zu erklären. Und es ist noch weiter gedacht, die Kombination von technischer Zugänglichkeit und Unzugänglichkeit als Bild zu sehen, das uns in dieser Zeit auch anderswo begegnet, in der Politik zum Beispiel. Aber wer sich die von uns Nutzern unkontrollierbaren Datenflüsse, die Prozesse im Hintergrund, die Gängelungen durch Updates vor Augen führt, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Kunde im großen digitalen Geschäft eines bestimmt nicht ist: König. Und eines ist er ganz gewiss: ein Produkt, das die Anbieter von Kommunikationsplattformen und Suchmaschinen mit Erfolg vermarkten. Es ist konsequent, Free Software, also offene, allgemein zugängliche Programme, für die Antwort auf eine solche Feindseligkeit zu halten. Es ist weit gedacht, in ihr eine Form von „Liebe“ zu sehen. Aber es passt zur diesjährigen Konferenz, deren elfte Ausgabe gestern in Berlin zu Ende ging.

          Was tun? „Eine Anzeige, hieße, sich damit zu beschäftigen“

          Unter dem Motto „Love Out Loud“, einer spielerischen Abwandlung des in der Whatsapp-Welt gerne als LOL abgekürzten Lachanfalls „Laugh Out Loud“, ging es vor allem um Fake News und Hate Speech im Internet. Oder, aus der anderen Blickrichtung, um den individuellen und gesellschaftlichen Umgang mit diesen Phänomenen, ihre Erforschung, ihre technologische Eingrenzung und deren Konsequenzen.

          Auf einer Nebenbühne gaben drei Blogger und Video-Kolumnisten abwechselnd zum Besten, wie sie im Netz beschimpft werden. Lydia Meyer kümmert sich um „Auf Klo“, einen unverblümten Video-Talk für Mädchen, gefilmt in der Frauentoilette. Juna Grossmann schreibt das Blog „Irgendwie jüdisch“. Und Tarik Tesfu nimmt als schwarzer Homosexueller in seinem Video-Format „Tariks Gender-Krise“ Verhältnis und Verspanntheiten der Geschlechter aufs Korn. Der Hass, der über den drei jungen Menschen im Internet ausgegossen wird, ist erschütternd. Tarik Tesfu schaut sich die Reaktionen erst gar nicht an: „Anzeigen hieße sich damit beschäftigen“, sagt er, „und ich will mich nicht damit beschäftigen.“ Juna Grossmann sieht sogar Kenntnis und Augenmaß bei ihren antisemitischen Kommentatoren: Sie wüssten genau, womit sie gerade noch durchkämen. Nicht eine einzige Anzeige, auch keine von anderen ihr bekannten jüdischen Bloggern, sei bislang erfolgreich gewesen.

          Der Krieg im Netz als Krieg von Oben gegen Unten?

          Aus wissenschaftlicher Perspektive kümmert sich Peter Neumann vom International Centre for the Study of Radicalisation and Political Violence (ICSR) in London um die Online-Aktivitäten der Terrororganisation IS. Was er herausgefunden hat, ist auch über den Kampf gegen den gewalttätigen Islamismus hinaus von Bedeutung: Die Löschung der Konten bei Twitter und Facebook habe die Reichweite des IS nur eine Zeitlang reduziert. Die Terroristen und ihre Anhänger seien auf andere Plattformen ausgewichen. Auf die Messenger-App Telegram zum Beispiel, die von außen nicht beobachtet werden kann. Alle Formen von Extremismus, sagt Neumann, hätten eines gemeinsam: Sie ziehen Menschen an, indem sie ihre Identität auf ein einziges Merkmal reduzieren – die vermeintliche „Rasse“, den vermeintlichen Glauben, die Nationalität.

          An den Counterspeech-Programmen, die Hate Speech im Netz entgegengesetzt werden, stört ihn eines: Dass sie „von oben“ kommen und damit der stärksten Strömung des Netzes – „von unten“ – entgegenstehen. Wie wäre es, schlägt der Politikwissenschaftler vor, bei Youtube zu einem Wettbewerb aufzurufen. Wenn die besten Videos zu Fragen wie „Was ist falsch am IS?“ gesucht werden, wird bestimmt viel unbrauchbares Material veröffentlicht, aber auch einiges Interessantes. Und womöglich Beiträge, die sich stark im Netz verbreiten und so eine größere Aufmerksamkeit erfahren als all die sorgfältig abgewogenen Produktionen im Auftrag „von oben“.

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