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Abschiedsfest beim „Spiegel“ Ein Raumschiff aus Bonn

25.01.2007 ·  Krieg der Welten: Beim Abschiedsfest der „Spiegel“-Autoren Leinemann und Palmer begegnen sich Angela Merkel und Gerhard Schröder. Obwohl Frau Merkel das eigentlich vermeiden wollte.

Von Niklas Maak, Berlin
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Pünktlich um Viertel vor sieben betrat die Bundeskanzlerin in Berlin das neue Hauptstadtbüro des „Spiegel“ am Pariser Platz, das ganz im Stil der alten Hamburger Zentrale wie ein Raumschiff aus den siebziger Jahren eingerichtet ist, mit orange- und magentafarbenen Wandelementen, schwebenden Ufomöbeln und Sitzecken, in denen auch ein verirrter Marsmensch nicht unangenehm auffallen würde.

Man feierte die Verabschiedung der „Spiegel“-Autoren Jürgen Leinemann und Hartmut Palmer, und dafür hatte man das gesamte Personal der alten Bundesrepublik an Bord geholt: In den zum Bersten vollgestopften Räumen drängten sich Richard von Weizsäcker, Norbert Blüm und Herlinde Koelbl, dann flog die Tür auf, und Klaus Staeck kam herein, und kaum dass man sich umgedreht hatte, schaute man schon auf diesen gelben Pullunder, den man schon fast vergessen hatte und in dem natürlich Hans-Dietrich Genscher steckte.

Bonner und Berliner Republik vereint

Der klopfte gerade ein paar Leuten auf die Schulter, die Leinemann als Vorbild-Journalisten feiern; solche gebe es ja kaum noch, diese klaren Haltungen, die fundierten Recherchen. Seit 1972 arbeitete Leinemann für den „Spiegel“, er berichtete aus Washington und Bonn und seit 1990 aus Berlin als Leiter des Ressorts Deutsche Politik. 2004 erschien sein vielgelobtes Buch „Höhenrausch“, in dem Leinemann, ausgehend von der Beschreibung seines eigenen Lebens als trockener Alkoholiker, Politiker als Süchtige beschreibt, die zwischen Erfolgsdruck, Machtstreben und Sehnsucht nach Anerkennung schnell in Parallelwelten abdriften.

Ob nun pathologisch süchtig oder nur amüsierwillig, drängte am Abschiedsabend neben der alten Bonner auch die Berliner Republik durchs „Spiegel“-Büro. Heidemarie Wieczorek-Zeul trat mit einer rotmetallicfarbenen Frisur auf und schimpfte noch einmal laut über die Einseitigkeit der Wahlkampfberichterstattung des „Spiegel“, Peer Steinbrück schlenderte an der Prominentenköchin Sarah Wiener vorbei, die sich Rücken an Rücken mit „Spiegel“-Kulturchef Matthias Matussek maß, eine reizende Dame hantierte mit einem Zollstock.

Merkel wollte eigentlich gehen, bevor Gerhard Schröder auftrat

Angela Merkel steckte bald in der dichtgedrängten Menge fest, erzählte ein paar Geschichten, die unter anderem von einem Stoffhund und China handelten, dann zog sie sich in ein Büro zurück. Die Türen wurden geschlossen, als wolle die Kanzlerin ein Lied einüben, es wurde dann aber nichts gesungen, sondern nur hinter verschlossenen Türen persönlich geplaudert.

Angela Merkel hatte eigentlich gehen wollen, bevor Gerhard Schröder auftrat, der die Festrede auf seinen Freund Leinemann halten sollte (nur einmal, so ist Leinemanns Buch zu entnehmen, hat Schröder ihm die Freundschaft gekündigt, weil Leinemann sich für Scharping erwärmte); aber so leicht ließ es sich im Gedränge nicht verschwinden, und deshalb kam es nach längerer Zeit einmal wieder zu einer persönlichen Begegnung der einstigen Rivalen.

Entertainer mit großer Geste

Schröder trat auf wie immer: Als Entertainer mit großer Geste, jeder zweite Satz eine Pointe, es gab viel Gelächter, Schröder duzte Leinemann, der duzte zurück, es war, wie wenn sich alte Kumpel wiedersehen, die zwar Krisen miteinander durchgemacht haben, aber am Ende eben doch alte Kumpel sind. Angela Merkel ließ die Schröder-Flamboyance wie eine letzte Heimsuchung über sich ergehen und verschwand, während Blüm in unnachahmlicher Mundart und Metaphorik seine Laudatio auf Hartmut Palmer begann, nämlich mit der Bemerkung, Leinemann sei „ain chinesischer Tuschezaichner, Hattmut eher ain Stainmetz“- was vielleicht auch als freundliche Kritik gemeint war an den Zeichenkünsten von Leinemann, unter dessen eloquenter Feder manche Politiker geheimnisvoller und faszinierender wirkten, als sie am Ende waren.

Danach kam es zu einigen Sticheleien, Palmer bedankte sich bei Schröder, dass er „trotz internationaler Verpflichtungen im Bereich der Energieversorgung die Zeit gefunden“ habe, zu kommen, Schröder rief, in der ihm eigenen moralischen Unerschütterlichkeit auf sein Gazprom-Gehalt anspielend: „Und das umsonst!“ Später am Abend spielte eine Band Rock'n'Roll, ein begabter älterer Tänzer rockte haarmähnenschüttelnd an Freimut Duve vorbei (das ist ja Johano Strasser, jubelte jemand); Klaus Staeck diskutierte über irgendetwas, und es war auffallend wenig politischer Nachwuchs zu sehen; offenbar wandert die jüngere Generation lieber in andere Branchen als in die als machtsüchtig verschrieene politische Kaste.

Wie bei einer Zeitreise

Es war eine ferne Zeit, die zum Abschied ihrer großen Begleiter im „Spiegel“-Raumschiff noch mal wie bei einer Zeitreise auftrat: die rotgoldenen, überhitzten, sozialliberalen Jahre der Bundesrepublik. Der Geist von Bonn. Die roten Plastikformen des „Spiegel“-Büros, Genschers gelber Pullunder - was hier leuchtete, waren die Farben der alten Bundesrepublik, mit denen wir in den siebziger Jahren aufwuchsen und zu denen der rotgerahmte „Spiegel“ gehörte. Draußen wurde es währenddessen immer kälter, vor dem leergefegten neuen Hauptbahnhof froren die Pfützen zu, und am dunklen Kanzleramt wehte ein eisiger russischer Wind.

Quelle: F.A.Z., 25.01.2007, Nr. 21 / Seite 36
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