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Abschied und Ankündigung Ein bemerkenswerter Tag für den „Spiegel“

18.12.2006 ·  Der langjährige Geschäftsführer Seikel wurde verabschiedet - und der Leiter des „Spiegel“-Hauptstadtbüros, Gabor Steingart, gab seine Kandidatur für die Spitze der Mitarbeiter-KG, Hauptgesellschafter des Magazins, bekannt. Ein Coup.

Von Michael Hanfeld
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Daß mit dem Abschied des Geschäftsführers Karl Dietrich Seikel beim „Spiegel“ eine Ära zu Ende geht, daran ließ der Chefredakteur Stefan Aust keinen Zweifel. Ein „bemerkenswerter Tag“ sei dies, sagte Aust am Montag morgen vor der Versammlung, die sich in Hamburg zu Ehren des scheidenden Geschäftsführers eingefunden hatte. Seikel sei der letzte Geschäftsführer, der noch von Rudolf Augstein eingesetzt worden sei. „Deshalb fühlte er sich allein ihm und damit dem ,Spiegel' verpflichtet. Das gab ihm eine besondere Stärke und Unabhängigkeit - auch Augstein gegenüber, der eine solche Geradlinigkeit auch bei Meinungsverschiedenheiten zu würdigen wußte.“

Zu würdigen hatten die Mitarbeiter des „Spiegel“ an diesem Tag noch etwas anderes: Sie fanden in ihren Postfächern ein Schreiben des Leiters des „Spiegel“-Hauptstadtbüros, Gabor Steingart, vor, in dem dieser seine Kandidatur für die Spitze der Mitarbeiter-KG bekanntgab. Das ist insofern von Bedeutung, als Steingart in den Wirren um die letzte Vertragsverlängerung des Chefredakteurs Aust von manchen als derjenige dargestellt wurde, der Aust beerben könnte. Aust hat vor rund einem Jahr seinen Vertrag bis 2008 verlängert bekommen, mit einer Option auf zwei weitere Jahre. Die Verhandlungen darüber waren seitens der amtierenden Führung der Mitarbeiter-KG nicht ohne Reibungen verlaufen, hatte diese doch unter anderem vor, mit dem Chefredakteur über die Verfassung des Blattes zu reden. Von möglichen Qualitätsmängeln in der Berichterstattung war die Rede, aufgehängt an öffentlichen Äußerungen von Augsteins Tochter Franziska, die gemeint hatte, der „Spiegel“ sei „zu einem geschwätzigen Blatt unter anderen“ geworden.

Ein sehr geschickter taktischer Zug

Dagegen wiederum hatten sich die Ressortchefs des Magazins - also auch Steingart - gewendet. Nicht wenige beim „Spiegel“ fragen sich seither, wessen Interessen die Führung der Mitarbeiter-KG vertritt. Die Mitarbeiter-KG ist Hauptgesellschafter des Verlags, sie hält 50,5 Prozent der Anteile. Sie war es auch, die mit Mario Frank, der von Gruner + Jahr kommt, per Headhunter einen Nachfolger für Karl Dietrich Seikel fand (siehe auch: Interview: „Unter Augstein war es eine große Zeit“). Gruner + Jahr ist mit 25,5 Prozent der zweite Gesellschafter der Verlags, die Augstein-Erben halten 24,5 Prozent. Die Kandidatur Steingarts, den einige als möglichen Nachfolger Austs offenbar verhindern wollten, für die Mitarbeiter-KG, ist nun also ein sehr geschickter taktischer Zug. Die KG-Führung um den Madrid-Korrespondenten Thomas Darnstädt bekommt einen echten Herausforderer.

Austs Rede auf Seikel war insofern auch als Appell zu verstehen. Rudolf Augstein und Seikel, so Aust, hätten den „Spiegel“ „als unabhängiges publizistisches Projekt, sozusagen als journalistischen Selbstzweck, als Mittel der Aufklärung, nicht als politisches Machtinstrument und schon gar nicht als verlegerische Gelddruckmaschine“ verstanden. Dafür habe Seikel gestanden und dabei genau auf das Ergebnis und die Auflage geachtet, nicht aber Geld in immer neue „Line-Extensions“ gesteckt, die das Hauptobjekt kannibalisierten. „Mal eben 20.000 Exemplare zu verlieren, sind keine Peanuts“, sagte Aust.

Seikels Erfolgsbilanz weiterzuführen, sagte Aust, werde nicht einfach sein. Zu loben sei dessen Methode, die von dem Respekt „vor dem Produkt mit dem Namen ,Spiegel'“ geprägt sei. Seikel habe die Unabhängigkeit der Redaktion respektiert. „Turbulente Zeiten liegen vor uns“, schloß Aust, „ein neuer Geschäftsführer, der sich in die Seele des ,Spiegel' einarbeiten muß. Die Mitarbeiter wählen eine neue Geschäftsführung für die KG. Es werden die Weichen für die Zukunft des ,Spiegel' gestellt.“ Er hoffe, daß sich alle Beteiligten ihrer Verantwortung bewußt seien. Bei Karl Dietrich Seikel sei das immer der Fall gewesen.

Quelle: F.A.Z., 19.12.2006, Nr. 295 / Seite 40
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