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TV-Serien im Privatfernsehen : Für Zuschauer von neun bis 99 Jahren

Altkluge Nervensäge: Felix „Einstein“ Winterberg (Tom Beck) hat mit seiner unkonventionellen Herangehensweise bei der Lösung von Fällen oft den richtigen Riecher. Bild: Sat.1

Die Privatsender RTL und Sat.1 investieren wieder in eigene Serien. Was dabei herauskommt, zeigt das Beispiel der Serie „Einstein“ mit Tom Beck.

          Der Mann ist eine Nervensäge. Er redet ohne Unterlass. Kaum betritt er die Szene, steht er mit beiden Beinen im Fettnapf und strapaziert die Geduld seiner Mitmenschen. Jede Bemerkung kontert er, wie aus der Pistole geschossen, mit random knowledge des promovierten Physikers und demonstriert seine vermeintliche Überlegenheit. Mit emotionaler Intelligenz ist Professor Felix Winterberg hingegen nicht gesegnet. Im Gespräch mit der Mutter eines jungen Mädchens, das als Youtube-Werbesternchen viel Geld verdiente und gerade vor laufender Kamera ums Leben gekommen ist, setzt er zu einem Vortrag über die „eigentlichen Vorteile des Totseins“ an. Kommissarin Elena Lange kann ihn gerade noch stoppen.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Felix Winterberg ist ein unehelicher Ur-Ur-Enkel von Albert Einstein und nicht minder begabt. Auch er hat eine Theorie von grundstürzender Bedeutung in petto. Weil er als Amphetamin-Junkie aufgefallen ist, hat ihn Kommissar Tremmel von der Kripo Bochum zu ganz besonderen Sozialstunden verdonnert: Der Professor ist fortan bei besonders kniffligen Fällen als Berater der Polizei gefragt. Zum Leidwesen der Kollegin Lange, die in der Serie „Einstein“ die praktische Vernunft für sich gepachtet hat. So furchtbar aufgedreht ist der junge, gutaussehende Professor, von dem viele Frauen nur das eine wollen, übrigens auch, weil er an Chorea Huntington leidet. Bevor die unheilbare Krankheit ihre Symptome zeigt und sein Gehirn sich zersetzt, will der junge Einstein alles erledigt haben und sich dann – erschießen.

          Serientrailer : „Einstein“

          Das ist die Disposition für einen Comedy-Krimi, an der man einiges zum aktuellen Stand des im hiesigen Privatfernsehen gepflegten Serienwesens ablesen kann. Die Konstellation ist uralt – Außenseiter berät die Polizei. Sie zählt zum Kanon amerikanischer Serien und wurde in den letzten Jahren ausgiebig durchgespielt („Castle“, „Elementary“). In einem Fall, der Serie „Elementary“, gleicht die Story der von „Einstein“ bis aufs Haar. Hier haben wir den genialen Sherlock-Nachfolger, der von seiner Drogensucht loskommen will, dort den genialen Einstein-Enkel, der vor seiner Krankheit flüchtet. Der eine ist so exaltiert wie der andere, wobei Jonny Lee Miller seinen Sherlock Holmes noch um einiges zurückgenommener anlegt als Tom Beck seinen Professor Einstein. Beide Protagonisten sind nichts ohne eine kluge Frau, die sie in die Schranken weist, was Lucy Liu als Dr. Watson mit etwas mehr Eleganz und Coolness in Szene setzt als Annika Ernst in der Rolle der alleinerziehenden Kommissarin Lange.

          Vor mehr als zehn Jahren war Sat.1 schon mal weiter

          „Einstein“ war bei Sat.1 zunächst ein Fernsehfilm. Weil der gut ankam, wurde daraus eine Serie mit zunächst zehn Teilen, deren zweite Staffel heute beginnt. Es ist nichts Falsches an dieser Serie der Produktionsfirma Zeitsprung. Sie ist zwar alles andere als originell, aber einigermaßen unterhaltsam, nur zum Teil erschreckend schlecht gespielt. Das Dumme ist nur: Vor mehr als zehn Jahren war Sat.1 schon mal weiter. Damals hatte der Sender sich als Marke für ansehnliche Fernsehserien und Sitcoms entwickelt und einiges zu bieten: „Edel & Starck“, „Wolffs Revier“, „Kommissar Rex“, „Stockinger“, um nur einige wenige zu nennen, denen immer weniger folgte. Zwei Serien ragten in den letzten Jahren noch heraus – „Danni Lowinksi“ und „Der letzte Bulle“. Ein paar andere verschwanden im Handumdrehen in der Versenkung, so dass man jetzt schon froh sein kann, wenn der Sender überhaupt noch mit einer selbstgefertigten Serie um die Ecke biegt. Auch wenn die dann aussieht, als fange man gerade erst an, sich mit dem Metier zu beschäftigen.

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