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60 Jahre Münchner Journalistenschule Übe Nachsicht in keiner Richtung!

01.07.2009 ·  Wenn Enten wirklich zum Gänsemarsch neigen, ist Qualitätsjournalismus gefragt: Die Deutsche Journalistenschule wird sechzig und spendiert sich eine Geburtstagsfeier mit Kanzlerin.

Von Hannes Hintermeier
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Sechzig Jahre Bundesrepublik bedeuten auch sechzig Jahre Berichterstattung über diese demokratische Neugründung. Als Pionierinstitut ist die Deutsche Journalistenschule (DJS) in München sogar noch einige Monate älter als der Staat. Ein vorzüglicher Anlass, die eigene Leistung in Form von ausgebildeten Journalisten ins Schaufenster zu stellen. 2017 Absolventen stehen heute auf der Habenseite des Hauses; sie alle plus Dozenten, Förderer und Stifter waren ins Prinzregententheater geladen - darunter naturgemäß viel Medienprominenz. Die knapp elfhundert Sitzplätze waren restlos gefüllt, und im Gartensaal standen ein paar hundert Gäste mehr.

Die Geschichte der DJS ist zweifellos eine Erfolgsgeschichte, auch wenn zwanzig Prozent der Absolventen heute als verschollen gelten, was nur heißt, dass sie in andere Berufszweige gewechselt sind. Wie etwa der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude, der selbst vom Journalismus in die Juristerei und dann in die Politik wechselte - eine Berufsgruppe, der die Bevölkerung noch stärker misstraue als den beiden erstgenannten. Ude nutzte seine bewährte Technik des ironischen Schenkelklatschers, der Branche die Leviten zu lesen. Es gebe in Deutschland keine Elite, die sich so sicher sei, Elite zu sein, wie die Absolventen der DJS. Auch für die Verflechtungen innerhalb des Berufsstandes fand Ude einen rhetorischen Spieß: „Bei Politikern hieße das Filz, bei Ihnen Networking.“ Da tobte der Saal.

Erste Lehrredaktion mit Flakhelfern

Rückblick: Als Werner Friedmann, der 1909 in München geborene, legendäre Chefredakteur der „Süddeutschen Zeitung“ und Herausgeber der „Abendzeitung“, sich in den Nachkriegsjahren anschickt, den deutschen Journalismus auf die Beine zu bringen und ihm ein neues, modernes Gesicht zu geben, lädt ihn die Rockefeller Foundation 1948 zu einer Tour durch die Vereinigten Staaten ein. Dort erlebt Friedmann an der Columbia University in New York die praxisnahe, wissenschaftlich unterfütterte Ausbildungmethode der Amerikaner. Schon am 31. Januar 1949 offeriert die „Abendzeitung“ in einer Anzeige „20 Freiplätze für junge Journalisten“. Eintausendsiebenhundert Bewerber melden sich. Die erste Lehrredaktion des Werner-Friedmann-Instituts nimmt die Arbeit auf: Es ist die Flakhelfergeneration, die hier noch einmal anfängt und publizistisch mithilft, den Boden für die demokratische Grundordnung zu beackern.

Zehn Jahre später wird daraus die Deutsche Journalistenschule, getragen hauptsächlich von Zeitungs- und Zeitschriftenverlagen, öffentlich-rechtlichen und privaten Sendeanstalten. Von 1961 an findet der Unterricht im Altheimer Eck im Herzen der Münchner Altstadt statt. In den siebziger Jahren wird ein Studiengang an der Universität eingerichtet, der alternative Ausbildungsweg bleibt die fünfzehnmonatige Kompaktklasse. 1990 kommen die ersten ostdeutschen Schüler dazu.

Der Schwarzkopf-Dekalog

Ein Festakt in bewegter Zeit: Im Prinzregententheater war am Montag zu erleben, wie Staatskanzlei-Chef Siegfried Schneider den Ministerpräsidenten Horst Seehofer vertrat. Dass es sich Seehofer wenige Stunden später nicht nehmen ließ, den Bayerischen Sportpreis an Bernhard Langer und Rosi Mittermeier zu verleihen, ist gewiss der Quelle-Rettung geschuldet. First things first, wie der Bayer sagt. Aber es wurde dann doch ein Abend zum Nachdenken. Gerade heute müssten Journalisten lernen, „dass Enten eine starke Neigung zum Gänsemarsch“ hätten, sagte Minister Schneider sibyllinisch.

Eine argumentative Latte, die der Kommunikationswissenschaftler Wolfgang Langenbucher in seiner Verneigung vor Dietrich Schwarzkopf, dem langjährigen Vorsitzenden des DJS-Trägervereins, lässig übersprang: „Du sollst dich der Asymmetrie der Indignation verweigern und in keiner Richtung Nachsicht üben - egal, wo tadelnswerte Sachverhalte ihrer Aufhellung harren.“ Diesen Satz des Politiktheoretikers James Burnham, der selbst in der Praxis den Richtungswechsel von links nach rechts vollzog, stellte Langenbucher ins Zentrum seiner zehn Gebote für guten Journalismus (Schwarzkopf-Dekalog). Langenbucher hätte allerdings wissen müssen, vor wem er spricht. Bei der Ankündigung, er müsse nun „ein wenig ausholen“, ging ein einvernehmliches Stöhnen durch den Saal. Journalisten sind ein ziemlich unversöhnliches Publikum, sie müssen es sein.

Das Niveau früherer Generationen

Die Messlatte für Bundeskanzlerin Angela Merkel lag nicht sehr hoch. Hatte sich doch ihr Amtsvorgänger Gerhard Schröder beim fünfzigjährigen Jubiläum der DJS lediglich in Form eines Kurzfilms gezeigt. Auf die Babyfrage, ob Journalismus wichtig sei, sagte Schröder damals: Ja, sehr sogar. Dieser Meinung schloss sich Frau Merkel umstandslos an, richtete dann aber den Blick auf die Herausforderungen der Branche - was die Veranstaltung davor bewahrte, allzu sehr in der Reminiszenz zu verharren. Ihre Prognose, die nächsten Jubiläen könnten unter ungünstigeren Vorzeichen stattfinden, hätten vermutlich die meisten Anwesenden unterschrieben.

Das globale Denken habe gerade erst angefangen, aber permanente Verfügbarkeit von Daten sei noch kein Ersatz für eigenes Denken. Merkel zitierte einen Professor, der ihr als Studentin eingetrichtert habe: „Womit wollen Sie denken, wenn Sie nichts im Kopf haben?“ In aktuellen Streitfragen der Medienbranche gab sich die Kanzlerin zurückhaltend. Regionalzeitungen bedürften nicht der Internetangebote der Öffentlich-Rechtlichen - so sei das nicht gemeint gewesen mit den Gebühren, sagte die Kanzlerin im Hinblick auf die Netzoffensive der Fernsehsender. Auch plädierte sie für verstärkte Anstrengungen in der Leseförderung. Stützen könne man wohl das Leseverhalten, aber auf das Niveau früherer Generationen werde man es wohl nicht mehr bringen. Das anschließende, gut münchnerisch „Get together“ genannte Sommerfest kam an sein natürliches Ende, als es nur noch Leitungswasser gab.

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