11.05.2007 · Liest man die vielen Meldungen über Mord und Totschlag, hat man den Eindruck, man sollte „Aktenzeichen XY“ nicht bloß zehn bis zwölf Mal pro Jahr, sondern täglich produzieren. 3750 Fälle wurden im Laufe von vierzig Jahren durchgenommen. Die 400. Sendung wurde zum Sonderfall.
Von Michael HanfeldIm Radio haben sie kürzlich noch über die altbackene Aufmachung gewitzelt: Suppe, immer nur Suppe habe es zu essen gegeben, wenn eine Familie ins Bild kam, der sogleich Schlimmeres als eine fade Menüfolge widerfahren sollte. Und dann erst die Musik, erinnerten sich die Moderatoren, die habe immer als makabrer Kommentar des Geschehens gewirkt. Das Prägnanteste aber dürfte in der Frühzeit dieser Sendung die so genannte „Riffelglas-Wischblende“ gewesen sein: Jeder Ortswechsel wurde in Szene gesetzt, indem man tatsächlich eine Riffelglasscheibe vor die Kamera schob.
Doch all das Statuarische, das seine Entsprechung in der hölzernen Moderation Eduard Zimmermanns fand, konnte den Erfolg von „Aktenzeichen XY ... ungelöst“ nicht schmälern. Denn hier ging und geht es zwar um inszenierte Verbrechen, doch sind sie nicht bloß gespielt. Der Horror ist echt, Mord und Totschlag hat es tatsächlich gegeben, jeder von uns könnte das nächste Opfer sein - dieses Bewusstsein aufrecht zu erhalten, dafür bedarf es keiner besonderen Stilmittel.
Die Riffelglas-Optik ist Geschichte
Dabei hat sich „Aktenzeichen XY“ über die Jahre deutlich verändert. Die Riffelglas-Optik ist Geschichte, die Filme, die heute zu den vorgestellten Verbrechen gezeigt werden, könnten jeder x-beliebigen Krimiserie entstammen, und zwar nicht einer Wiederholung von Folgen von „Der Kommissar“ von 1968. Damals aber und rund zwanzig Jahre lang war „Aktenzeichen XY“ umstritten, bis 1989 tobte ein ideologischer Kampf um die Sendung, die in den Augen der Kritiker ein ganzes Volk zu Hilfspolizisten mache.
Bei der ARD war man sich stets zu fein für diese Art von Verbrechensbekämpfung durchs Fernsehen. Wenn man sich das Programm von heute anschaut, in dem Menschen auf fast allen Kanälen in jeder erdenklichen Weise ausgestellt werden und moralische Kategorien die Wahl der Perspektive kaum mehr bestimmen, versteht man solche Ressentiments nicht mehr.
Nie Denunziantensendung gewesen
Zudem ist „Aktenzeichen XY“ nie die Denunziantensendung gewesen, die ihre Gegner in ihr sahen. Hier werden schlicht und einfach Verbrechen aufgeklärt, durch Hinweise, welche die Polizei sonst nie bekommen hätte. Wie etwa in dem Fall des Mordes an einem jungen Mann aus Wismar, bei dem die Täter einem kleineren Bekanntenkreis zwar bekannt waren, sich aber niemand traute, sie anzuzeigen - bis die Sendung lief.
3750 Fälle hat „Aktenzeichen XY“ im Laufe von vierzig Jahren durchgenommen, 42 Prozent der Fälle wurden aufgeklärt, darunter 445 Tötungsdelikte. Als Zuschauer mag man sich kaum vorstellen, dass es funktioniert, etwa - wie in der Jubiläumssendung - einen siebzehn Jahre zurückliegenden Mord aufklären zu wollen, zu dem es jetzt neue DNA-Spuren gibt. Bei dem geschilderten Fall eines Raubüberfalls auf zwei Geldboten der Deutschen Bahn wundert man sich als Laie derweil, dass diese offenbar ohne besonderen Schutz mit ziemlich großen Geldbeträgen durchs Land fahren.
„Ein Sonderfall“
Diese Sendung sei „ein Sonderfall“, erklärte der Moderator Rudi Cerne zu Beginn, womit er allerdings nicht die vorgestellten Fälle meinte, sondern den Blick hinter die Kulissen, den die Redaktion in dieser Ausgabe gewährte und dem Stehempfang am Rande, zu dem sich der Erfinder der Sendung, Eduard Zimmermann und die früheren Moderatoren eingefunden hatten: Butz Peters, Werner Vetterli und Konrad Toenz aus der Schweiz.
Fragt man die Macher, welche Verbrechen ihnen besonders nahe gingen, kommen sie - sei es nun Zimmermann oder Cerne - auf Taten zu sprechen, denen Kinder zum Opfer fallen, die besonders Hilflosen der Gesellschaft. Liest man die Geschichten auf den Seiten für Vermischtes in den Zeitungen, hat man den Eindruck, man könnte von „Aktenzeichen XY“ nicht bloß zehn bis zwölf Ausgaben pro Jahr, sondern sieben pro Woche produzieren, als realistisches Kontrastprogramm mit Sinn und Zweck zu den gestellten Polizei-Dokusoaps, die inzwischen jeden Tag laufen.
Wobei das Besondere von „Aktenzeichen XY“ gar nicht mal auf dem Bildschirm zu sehen ist: Das ist das Engagement für die Opfer, aus dem heraus Eduard Zimmermann die Organisation „Weißer Ring“ gegründet hat, die mit ihrer Arbeit einsetzt, wo die Ermittler der Polizei aufhören. „Bleiben Sie sicher“, sagt Rudi Cerne, der als unprätentiöser aber nicht unscheinbarere Moderator ein echter Glückfall ist, zum Abschluss der Sendung. Er hat gut reden.