19.06.2009 · Gedrungen, stämmig, kahlschädlich wurde er zu einer urbayerischen Figur: saugrob und sensibel, weich vital und sentimental gescheit, mit nach allen Seiten witternder Intelligenz. In der Nacht zum Freitag ist Jörg Hube im Alter von 65 Jahren gestorben.
Von Gerhard StadelmaierEinmal, in Peter Zadeks und Tankred Dorsts „Alice“, hat er eine Suppenschildkröte gespielt, mit einem etwas dümmlichen Lied („Schalippe, Schaluppe, ich muss in die Suppe“) auf den Lippen und einem unförmigen, gescheckten Panzer im Kreuz, mit dem er sich elegant paddelnd vorwärtsbewegte. Ein andermal trug er, in Ringsgwandls „Tankstelle der Verdammten“, eine Strumpfhose mit Spinnenmuster, einen C&A-Wollrock zur Aldi-Blümchenbluse samt Wickelturban und sang vom Tankstellenhimmel herab die schönsten Rezitative gegen sadomasochistische Männer („Mit der Rute, Ute?“).
Auch galoppierte er in Dieter Dorns Inszenierung der „Wände“ von Genet als Kolonialherren-Hottehü!-Pferdchen über die Bühne, war in „Maß für Maß“, ebenfalls in Dorns Regie, mit unendlich ausgestopftem Hintern der dalkerte Ordinärstzuhälter Pompejus Sterz, im „Bauerntheater“ des Franz Xaver Kroetz unter einer schwabbeligen gummiartigen Schweinsmaske der in Dreck und Zoten ersaufenden Dichter. In „Romeo und Julia“ (Regie: Tina Lanik) gab er den Signor Capulet als grellen Pausenclown, im „Floh im Ohr“ (Regie: Dorn) den Seitensprung-Bürger als Sexualclown.
Der böse Kritiker im sehr guten Spieler
Aber unter all diesen Laut- und Kostümmasken blieb Jörg Hube in den Münchner Kammerspielen und später im Bayerischen Staatsschauspiel das zartgrobe, sensitiv querschädlige, die Welt um sich herum immer wie ironisch-geschmerzt und aggressiv-verhockt bestaunende und wie aus allen Hinterhalten attackierende Schauspielerwesen. Mit satirischer, das heißt: wehmütiger Lust - weil sie im Weh der komischste Mut überkommt.
Der (aus Neuruppin) gebürtige Preuße, der in Dießen am Ammersee aufwuchs, an der Münchner Falckenberg-Schule - der er dann später als Direktor vorstand - sich zum Schauspieler ausbilden ließ, wurde, klein, gedrungen, stämmig, kahlschädlich zu einer urbayerischen Figur: saugrob und sensibel, weich vital und sentimental gescheit, mit nach allen Seiten witternder Intelligenz. Der Kabarettist („Die Hammersänger“), der Theater-, Film- und Fernsehschauspieler („Die Löwengrube“, „Der oide Depp“) erfand für sich von den siebziger Jahren an seine Lebensfigur: den Herzkasperl. Er trieb sie, von „Herzkasperls Altstadtfunk“ über „Herzkasperls Abermakaber“ bis hin zu „Herzkasperls Biograffl“, auf der Brettl- wie auf der Staatstheaterbühne. Ein multiples mephistophelisches Ich, das unter der glatten Freistaats- und Republikoberfläche nach den Ungeheuern, den Kannibalen, Weibsteufeln, Kinderquälern und Schrebergärtnern und anderen Abgründlern buddelte. Das war Hubes Kern: der böse bis boshafte Kritiker im sehr guten Spieler. Alles andere war Verkleidung. Jetzt ist er im Alter von fünfundsechzig Jahren in München gestorben.