Home
http://www.faz.net/-gsc-yflo
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

ZDFneo Fernsehen für Menschen, die nicht mehr fernsehen

 ·  Mit einem digitalem Ableger möchte das ZDF neue Zielgruppen erschließen. Die Auslagerung eines Programms für 25- bis 50-Jährige wirkt verzweifelt, ist aber ein notwendiger und ehrenwerter Versuch.

Artikel Bilder (6) Lesermeinungen (11)

Das Merkwürdige ist: Menschen, die besonders gerne Fernsehen gucken, gucken kein Fernsehen mehr. Sie lassen sich von Online-Händlern paketeweise DVDs nach Hause schicken, suchen nach verschlungenen Wegen, sich amerikanische Serien online ansehen zu können, jonglieren mit Festplattenrekordern und Satellitenschüsseln, um Programme zu finden, die man nicht nur laufen lassen kann, sondern die begeistern, überraschen, aufwühlen, anregen, irritieren.

Das Problem ist: Für das Fernsehen sind das nicht genug. Damit sich Fernsehen rechnet, müssen viele Menschen davor sitzen, Hunderttausende, Millionen. Als Vox vor fünf Jahren damit begann, die herausragende amerikanische Serie „Six Feet Under“ zu zeigen, schaltete regelmäßig eine Dreiviertelmillion ein. Das sind zu wenige.

Woche für Woche kann man über Sendungen lesen, die eingestellt wurden, weil sie nur ein, zwei Millionen Zuschauer erreicht haben (die Meldungen stehen dann in Zeitungen, die gerade einmal ein Bruchteil davon an Lesern haben). Um in dem sich zersplitternden Fernsehmarkt überhaupt eine Chance zu haben, müssen selbst die kleineren Sender versuchen, so massentauglich wie möglich zu sein. Und das heißt: Sendungen produzieren, die von so vielen Menschen wie möglich gerade noch gut genug gefunden werden, um sie einzuschalten.

Genau die richtige Nische

Es gibt, mit anderen Worten, eine vielleicht kleine, aber sehr markante Leerstelle im deutschen Fernsehen, und durch dieses Loch rutschte zum Beispiel „30 Rock“. „30 Rock“ ist eine preisgekrönte amerikanische Komödie über den turbulenten Alltag hinter den Kulissen einer Comedyshow. Sie ist rasant, klug, albern und besetzt mit hervorragenden Schauspielern wie Alec Baldwin und Tina Fey, die mit ihrer Sarah-Palin-Parodie im vergangenen Jahr auch in Deutschland auffiel. Es gibt einen ziemlichen Hype um „30 Rock“, aber im deutschen Free-TV fand sich kein Privatsender, der das ausstrahlen wollte.

„Mit gutem Grund“, sagt Norbert Himmler, „30 Rock“ sei bei uns schon ein Nischenprogramm. Aber es ist genau die Art Nische, in der sich der neue Sender ZDFneo breitmachen will. ZDFneo ersetzt von heute an ZDF.doku, einen von drei Digitalkanälen des ZDF. Unter Himmlers Leitung (und mithilfe von Programmen wie „30 Rock“) soll sich dessen Marktanteil von aktuell rund 0,1 Prozent im nächsten Jahr verdoppeln.

Selbstversuche als Paparazzo oder Spion

An 25- bis 49-Jährige soll sich der Sender richten, aber die Zielgruppe von ZDFneo ist nicht nur durch ein Alter definiert, in dem sich die Menschen hartnäckig weigern, das ZDF einzuschalten. „ZDFneo zielt auf ein Publikum von Zuschauern, die mehr vom Fernsehen erwarten, als sie gerade bekommen“, sagt Himmler. „Die Resonanz im Vorfeld ist enorm. Wir sehen im Internet und an Zuschriften, dass die Vorfreude sehr hoch ist.“

ZDFneo hat zum Beispiel die Rechte an „Seinfeld“ gekauft, der Comedyserie von Jerry Seinfeld und Larry David, die vor zwanzig Jahren in den Vereinigten Staaten Premiere hatte, aber immer noch von vielen verehrt wird, und zeigt sie im Zweikanalton synchronisiert und im englischen Original. Die BBC-Satire „Taking the Flak“ macht sich über den Alltag von Fernsehauslandskorrespondenten lustig, „Hustle“ ist eine Comedy über Trickbetrüger, und die Doku-Reihe „Der Extremtester“ zeigt den Belgier Tom Waes beim Selbstversuch als Paparazzo oder Spion.

Gemeinsam Gänsehaut

Insgesamt hat ZDFneo einen Jahresetat von dreißig Millionen Euro - davon werden auch eigene Produktionen finanziert wie die Doku-Soap „Der Straßenchor“, die ein Projekt begleitet, bei dem der Berliner Konzertpianist Stefan Schmidt versucht, mit Obdachlosen einen Chor in Berlin zu gründen. Eine Doku-Soap? Ist das nicht exakt das, was die Privaten schon ununterbrochen senden? Ja, sagt Himmler, „aber wir gehen anders mit unseren Protagonisten um“.

Tatsächlich ist „Der Straßenchor“ sehenswert und unterscheidet sich trotz der sehr konventioneller Erzählweise von den meisten anderen Formaten des Genres. Sie stellt die Obdachlosen nicht bloß, nimmt sich Zeit für ihre Geschichten. „Jetzt singen mal die, die Deutschland sonst nicht sucht“, lautet der Werbespruch des Senders für die Reihe. Am Ende der ersten Folge hat nicht nur Chorleiter Schmidt eine Gänsehaut, sondern auch der Zuschauer.

Das ist alles nicht elitär, und für die Lobby der Privatsender ist ZDFneo nichts anderes als der Versuch der Öffentlich-Rechtlichen, ihnen nun noch unmittelbarer Konkurrenz zu machen. Himmler erwidert: „Wir können in allen Genres nachweisen, dass ZDFneo anders ist als Privatfernsehen.“ Lücken, die die lassen, gibt es genug: Zum Beispiel die, die MTV und Viva hinterließen, als sie aufhörten Musiksender zu sein. ZDFneo zeigt sonntags abends eine eigene Chartshow und Konzertmitschnitte.

Ein paar Flächen ohne Quotendruck

Andererseits versteht sich ZDFneo nicht nur als Lückenfüller, sondern soll ein Gesamtpaket sein, das für jüngere Zuschauer attraktiv ist. Deshalb läuft hier auch die Sendung „Hochzeitsfieber“, in der fünf Paare um die Wette heiraten. Sie bewerten gegenseitig Essen, Stimmung oder Brautkleid, und die Sieger bekommen Flitterwochen geschenkt - eine Variante des „Perfekten Dinners“, sogar von denselben Leuten produziert. Und deshalb werden auf ZDFneo auch die Telenovelas des ZDF wiederholt, was dem Sender natürlich den Vorwurf einbrachte, die zweifelhaften Seichtigkeiten noch mehr auszubreiten. Himmler nimmt die Kritik scheinbar achselzuckend: Wie man's mache, sei es verkehrt: Wenn ZDFneo kostensparend Programme des ZDF übernehme, werde das ebenso kritisiert wie wenn man Geld in eigene Formate investiere.

Große Produktionsetats kann ZDFneo nicht bieten, aber wenigstens ein paar Flächen, an denen sich Programmmacher ohne Quotendruck ausprobieren können. Montags bis donnerstags lädt Klaus-Jürgen „Knacki“ Deuser in ein „Comedylab“ und gibt zum Beispiel jungen Stand-up-Comedians eine Chance. Slogan: „Ich bin kitzelig, vor allem im Kopf.“

Das wäre der größte Fehler des ZDF

Die Lücke, die ZDFneo damit füllt, haben die Öffentlich-Rechtlichen selbst aufgerissen. Selbst die Dritten Programme funktionieren kaum noch als Orte für Minderheitenprogramme, Experimente und Nachwuchspflege, sondern unterwerfen sich absurden selbstgesteckten Quotenzielen. Und so sehr ein Programm wie das ZDF auch versuchen darf und muss, größere Zuschauerzahlen zu erreichen, weil es ja auch von allen Zuschauern bezahlt wird, so wenig rechtfertigt das, mit Programmen wie „Markus Lanz“ selbst den späten Abend noch durchzuboulevardisieren und zu infantilisieren. Das wäre der größte Fehler, den das ZDF mit seinem neuen Digitalsender machen könnte: Die Existenz eines eigenen Programms für ein jüngeres, mittelanspruchsvolles Publikum als Ausrede dafür zu nutzen, dass man das Hauptprogramm noch stromlinienförmiger macht und aus Bequemlichkeit mit den Zuschauern langsam vergreisen lässt.

Himmler sagt, dass das Gegenteil beabsichtigt sei: Die Existenz des neuen Kanals mit seinen 35 festen Mitarbeitern, die mit den etablierten Redaktionen zusammenarbeiten, solle auch ins Hauptprogramm ausstrahlen. Serien wie „Spooks“ und „Hustle“, die für ZDFneo gekauft wurden, sollen später auch im Hauptprogramm laufen. Und Versuche wie mit dem Coaching-Format „Plan B“, in dem Menschen aus der Arbeitslosigkeit in die Selbständigkeit geholfen wird, können auch dazu beitragen, die dokumentarische Formenvielfalt zu vergrößern, bei der das ZDF in einem starren Denken in Magazin-Schubladen steckengeblieben ist. fünfzig Prozent des ZDFneo-Programms sollen dokumentarisch sein - im weitesten Sinne. Dazu gehört auch eine Sendung, die für das nächste Jahr geplant ist und den Absurditäten unserer Nahrungsmittelindustrie nachgehen soll. „Da wird mir übel“, heißt die Sendung - passend zur geplanten Frage, warum in der Bratwurst nur sechzig Prozent Fleisch steckt.

Die Auslagerung eines Programms für 25- bis 50-Jährige in einen eigenen Kanal wirkt verzweifelt, ist aber ein notwendiger und ehrenwerter Versuch - paradoxerweise gerade, weil er in einem noch so winzigen Ableger startet. „Dadurch, dass die Quoten in einem Bereich liegen, der sich kaum vernünftig messen lässt, müssen wir uns erst mal ganz auf unser Bauchgefühl als Programmmacher verlassen“, sagt Norbert Himmler. Klingt wie ein Traum.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Regen in Paris

Von Nils Minkmar

Acht Monate lang durfte Regisseur Patrick Rotman den französischen Präsidenten Hollande begleiten. Entstanden ist ein Film über Regen und Depression. In Frankreichs Kinos scheint er zu floppen. Mehr 5