Home
http://www.faz.net/-gsc-121cu
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

ZDF sucht Chefredakteur Mit dem Zweiten schwarz sehen

 ·  Macht-Poker beim ZDF: Der Sender sucht einen Chefredakteur, obwohl viele den bisherigen Amtsinhaber Nikolaus Brender weiter auf diesem Posten sehen wollen. Doch der ist ein „Roter“ - und das passt der schwarzen Mehrheit im Verwaltungsrat nicht.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (6)

Man kann nicht oft genug an dieses Datum und an diesen Auftritt erinnern. Jetzt ist es wieder einmal an der Zeit. Es war der Abend des 18. September 2005. Die SPD hatte gerade - denkbar knapp - die Bundestagwahl verloren. Das sah jeder, nur einer sah es nicht, der in diesem Augenblick abgewählte Bundeskanzler Gerhard Schröder.

Er formulierte einen Machtanspruch, der durch das demokratische Ergebnis nicht mehr gedeckt war, vor aller Augen, in einem seltsam bizarren Moment der Machtversessenheit. Da konnte einem angst und bange werden, doch das wurde es zumindest einem nicht - dem Chefredakteur des ZDF, Nikolaus Brender, der „Herrn Schröder“, wie er ihn in diesem Moment ansprach, in die Parade fuhr, als der ansetzte, sämtliche Journalisten des Landes einer Verschwörung zuzurechnen, die ihn aus dem Amt drängen wolle.

Der konservative Verwaltungsrat ist gegen den „roten“ Brender

Ein „Schlagabtausch zwischen einem Machthaber und einem Vertreter der freien Presse“ sei das gewesen, sagte Brender hernach im Interview mit der F.A.Z. („Er bleibt der Medienkanzler“: Nikolaus Brender im F.A.Z.-Gespräch), in dem er als Journalist habe klarstellen müssen, dass er und seine Arbeit „nicht zum Machtbereich des Politikers zählen“. So soll es sein, doch das sah - und sieht vielleicht immer noch - wohl nicht nur Gerhard Schröder anders. Politiker jeder Couler rechnen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk sehr wohl zu ihrem Machtbereich, das kann man nun sehen, da es darum geht, ob besagter Nikolaus Brender Chefredakteur des ZDF bleiben kann oder nicht.

Am 1. April 2010 endet der Vertrag des Chefredakteurs, ihm ist das Recht verbrieft, ein Jahr vor dem Ablauf seiner Amtszeit zu erfahren, wie es weitergeht. Ginge es nach dem Intendanten seines Senders, Markus Schächter, bekäme Brender fünf weitere Jahre, doch dagegen erhebt sich eine schwarze Mehrheit im Verwaltungsrat des ZDF, in dem, angeführt von dem Rheinland-Pfälzer Kurt Beck als Vorsitzendem, fünf Ministerpräsidenten sitzen, der Staatsminister für Kultur als Vertreter der Bundesregierung und acht vom Fernsehrat entsandte Mitglieder. Sie bestimmen auf Vorschlag des Intendanten, wer im Sender eine führende Position wie die des Chefredakteurs bekleidet. Und da hat der Amtsinhaber bei den Konservativen aus unerfindlichen Gründen schlechte Karten.

Als lupenreiner Journalist macht man sich nicht nur Freunde

Unerfindlich sind die Gründe, weil die Spitzenpositionen bei ARD und ZDF von den beiden Volksparteien nach dem überkommenen Machtproporz verrechnet werden. Da der Programmdirektor des ZDF, Thomas Bellut, als Konservativer gilt, muss der Chefredakteur diesem einfältigen Kalkül zufolge ein Roter sein. Als solcher wird Brender gehandelt, wobei man ihn beim besten Willen auf dem Basar der parteipolitischen Eitelkeiten gar nicht verramschen kann.

Als junger Mann war er bei der Jungen Union, ein Parteibuch hat er nicht, dafür eine ansehnliche Vita als Journalist, in den achtziger Jahren fing er an als Reporter und Redakteur des Südwestfunks, er war Südamerikakorrespondent der ARD, Chefredakteur und Programmchef beim Westdeutschen Rundfunk, von dort wechselte er zum 1. April 2000 als Chefredakteur zum ZDF. Er weigert sich standhaft, mit den politischen Freundeskreisen des Fernsehrats Tuchfühlung aufzunehmen, stattdessen bezieht er bei jeder Gelegenheit Position, wenn es um Grundsätzliches geht, um die Trennung von Werbung und Journalismus, um den Kampf gegen Doping im Sport und um die Unabhängigkeit von politischer Einflussnahme. Damit macht man sich natürlich nicht nur Freunde.

Kurt Beck wird jedem misstrauen

Von „politischen Freunden“ aber soll nun abhängen, wer Chefredakteur des ZDF bleibt oder wird. Wobei das Schicksal Brenders wohl weniger - wie der „Focus“ schreibt - von Edmund Stoiber bestimmt wird, der als gewesener Ministerpräsident Bayerns im Verwaltungsrat des Zweiten sitzt und Bedenken gegen den Chefredakteur vorgetragen haben soll, sondern - ausgerechnet - vom hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch. Der und dessen Getreue müssten nun, wenn sie Brender abstrafen wollen, nach einem „echten“ Roten suchen, da sie - auch mit ihrer fetten Mehrheit im Verwaltungsrat - sich dem Parteienproporz verbunden fühlen.

Nach ihrer Denkungsart haben sie ein „Anrecht“ auf den Programmdirektor und den stellvertretenden Chefredakteur, auf Nikolaus Brenders Posten wiederum müsste jemand, mit dem Kurt Beck klarkommt. Der Leiter des ZDF-Hauptstadtstudios, Peter Frey, wird in diesem Zusammenhang genannt und gleich wieder mit einem Fragezeichen versehen, weil Beck sich angeblich nicht mit ihm anfreunden könnte. Freilich dürfte es generell schwerfallen, in Journalistenkreisen jemanden zu finden, dem Kurt Beck nicht misstraut; seit seinem Sturz als SPD-Chef pflegt der Mainzer Ministerpräsident das Schröder-Syndrom. Dass man den Journalisten mit einer derartigen Rechnerei einen Tort antut, interessiert im Lenkungsausschuss Chefredakteurswahl übrigens niemanden.

Intendant Schächter in Bedrängnis

In eine ausweglose Lage bringen die Ministerpräsidenten auch den ZDF-Intendanten Schächter. Denn der hat keinen Grund, Brender nicht vorzuschlagen. Was Brenders Gegner an vermeintlichen Sachargumenten ins Feld führen, ist nicht belastbar. Er hat sich mit ein paar Korrespondenten angelegt und lag mit der Verpflichtung der inzwischen schon wieder zu RTL zurückgekehrten Reporterin Antonia Rados daneben, sonst nichts.

Dass es bei Brenders in der Öffentlichkeit hochgespieltem Streit mit dem über Rados' Verpflichtung verzweifelten Nahostfachmann Ulrich Tilgner nicht allein um journalistische Fachfragen, sondern auch darum ging, wer wie lange Tilgners Studio in Teheran bezahlt, sollte man in dem Zusammenhang ruhig erwähnen. Und der Fabelvertrag, den der „heute journal“-Moderator Claus Kleber ausgehandelt hat - sechstelliges Bombensalär, aber keine Redaktionspflichten -, ist nicht auf Brenders Mist gewachsen, dafür stehen der Intendant Schächter und die Herren Verwaltungsräte respektive Ministerpräsidenten. Ihnen Brender in der Gewissheit vorzuschlagen, dass ihm nicht zugestimmt wird, das kann Schächter auch nicht unternehmen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1965, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Medien“.

Jüngste Beiträge

Welteneroberung

Von Andreas Platthaus

Von „Harry Potter“ bis „Star Wars“ schreiben Fans im Internet an Fortsetzungen ihrer Lieblingswerke. Amazon nimmt sie unter Vertrag - mit absehbaren Folgen für den Buchmarkt. Mehr 1