Home
http://www.faz.net/-gsc-y8ru
Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

ZDF-Show „Wetten, dass ..?“ Gottschalk hört auf: „Schatten auf der Sendung“

 ·  Ganz allein mit sich und seinem Publikum hat Thomas Gottschalk seine Entscheidung verkündet: Im Sommer nach der Show auf Mallorca hört er mit „Wetten, dass ..?“ auf. Steht die letzte Familienunterhaltungsshow des deutschen Fernsehens damit vor ihrem Ende?

Artikel Bilder (6) Lesermeinungen (19)

Samstag, 12. Februar 2011, 20.15 Uhr im deutschen Fernsehen: Wer schaut jetzt die Donna-Leon-Wiederholung im Ersten? Kaum jemand. Sat.1 bietet „Die letzte Legion“ auf, bei Arte geht es um die „Heilenden Felsen“ von Stonehenge. Wen interessiert das? RTL veranstaltet den dritten Recall von „Deutschland sucht den Superstar“. Diese Show hat der ZDF-Unterhaltung am Samstag zuletzt schwer zu schaffen gemacht. Aber jetzt dürfte das anders sein - aus einem traurigen Grund. In der letzten Ausgabe von „Wetten, dass ..?“ ist der junge Wettkandidat Samuel Koch schwer gestürzt, er ist seither gelähmt. Und nun warten alle darauf, was Thomas Gottschalk sagt. Beendet er nach vierundzwanzig Jahren die einmalige Karriere, die er mit dieser Show gemacht hat? Er tut es.

„Es ist beim letzten Mal alles anders gewesen als sonst. Der Unfallschock war kein kurzer. Es ist schon gut zu wissen, dass Samuel heute bei uns zuschaut“, sagte Thomas Gottschalk zu Beginn der Sendung. „Ich kann nicht weitermachen, als wäre nichts passiert. Für mich liegt auf dieser Show ein Schatten, der es mir schwer machen würde, jemals wieder zu der guten Laune zurückzufinden, die Sie zu Recht von mir erwarten. Ich habe mich entschlossen, mich mit der Sommersendung auf Mallorca von 'Wetten, dass...' zu verabschieden.“ Im Herbst soll es noch drei Sonderausgaben der Show aus drei Jahrzehnten geben.

„Das ist eine Angelegenheit zwischen mir und dem Publikum“, hatte Thomas Gottschalk der „Bild“-Zeitung zuvor gesagt. Weder er noch das ZDF hatten vor der Sendung verlauten lassen, wie die Botschaft des Abends lauten würde. Die übliche Pressekonferenz vor der Show war ausgefallen. Und das durfte man in Gottschalks Fall nicht als Koketterie und Spekulation auf eine möglichst hohe Einschaltquote verstehen. Der Unfall des Kandidaten Samuel Koch, der nach seinem Sturz immer noch weitgehend gelähmt ist und dessen Heilungschancen unabsehbar sind, lastet als Hypothek auf „Wetten, dass ..?“ und - auf Thomas Gottschalk, der ganz und gar kein abgezockter Medienzyniker ist, sondern jemand, der sein Tun hinterfragt.

Mit den Boulevardmedien, mit den Kritikern und deren Kritiken hat er zu leben gelernt. Er ist es gewohnt, dass man ihm die stetig gesunkenen Quoten vorhält oder ihn als alternden Showmaster belächelt. Die Tage, in denen „Wetten, dass ..?“ zwanzig Millionen Zuschauer hatte, sind nun einmal unweigerlich vorbei, die jüngeren Zuschauer gehen zu Pro Sieben und RTL. Vor zwei Jahren kam das ZDF deshalb auf die Idee, Gottschalk als jugendliche Beigabe die freundliche Blondine Michelle Hunziker an die Seite zu stellen. Sie ist nicht fehl am Platz, doch nicht wirklich eine Stütze, die Show steht und fällt mit ihren Wetten und mit der Tagesform von Thomas Gottschalk.

Er hat alles erreicht

Der Mann hat alles erreicht, beweisen muss er niemandem mehr etwas. Er hat, was ihm Showgeschäft die schwerste Übung ist, seine Würde bewahrt. Er hat den Moden getrotzt (und mit seinem eigenen Aufzug modische Fragezeichen aufgeworfen). Sein Lebensalter von sechzig Jahren muss man mehrmals nachlesen, um es zu glauben. Thomas Gottschalk musste vielleicht nur noch den richtigen Zeitpunkt für seinen Abschied finden.

Sein Vertrag mit dem ZDF läuft jeweils für ein Jahr, er endet regelmäßig am 20. Dezember und wird danach ebenso regelmäßig per Handschlag verlängert. Dreißig Jahre „Wetten, dass ..?“, 25 Jahre Gottschalk - das hätte prima gepasst, doch seit dem Unfall von Samuel Koch in der Dezemberausgabe der Show hatten sich die Vorzeichen und hatte sich auch alles für Gottschalk verändert. Den unbeschwerten Abschied von einer unbeschwerten Show konnte es nicht mehr geben, seit aus dem Witz der Zuschauerwetten ein Aberwitz geworden ist - ein junger Mann, der auf Sprungstelzen über vier fahrende Autos hintereinander springen wollte, ist gelähmt, ob er sich je wieder fortbewegen kann, ist ungewiss.

Eine neue Risikokultur

Von Gutachtern hat sich das ZDF bescheinigen lassen, keine Fehler bei der fatalen Wette gemacht zu haben. Eine ganz neue Risikokultur hat der Sender für „Wetten, dass ..? nun angekündigt. „Klassik-Wetten“ sollen es nun sein, die Zeit der waghalsigen Akrobaten ist vorbei. Für die Show aber beginnen die Risiken mit dem Abgang Thomas Gottschalks erst. Denn er hat eine besondere Eigenschaft, die ihm so schnell niemand absprechen dürfte: So wie es einst „Volksschauspieler“ gab, so gibt es mit ihm einen „Volksmoderator“ - einen, der eine Show für die ganze Familie präsentiert, der wenigstens den Versuch wagen kann, mehrere Generationen ansprechen zu wollen. Es gelingt ihm ob seiner Schlagfertigkeit und seiner Menschenfreundlichkeit.

Wer zum Beispiel hätte den Eklat mit Marcel Reich-Ranicki bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises besser gemeistert als er? Und anschließend eine durchaus ansehnliche Versöhnungssendung hinbekommen? (Siehe auch: Kultur beim ZDF: Reich-Ranicki solo mit Gottschalk) Oder bei Reinhold Beckmann mit Hans Küng über den Glauben diskutiert? (Siehe auch: Fernsehkritik: Gottschalks Bekenntnis) So, dass alle verstehen, worum es geht und es doch nicht flach oder peinlich ist? Und wer besucht die Passionsspiele in Oberammergau und berichtet anschließend davon ganz unprätentiös, aber ohne Scheu vor einem persönlichen Bekenntnis, wie Thomas Gottschalk es in der F.A.Z. tat? (Siehe auch:Thomas Gottschalk in und aus Oberammergau: Nicht sehen und doch glauben)

„Nur Mubarak hat mich geschlagen“

In der Sendung aus Halle zeigte Gottschalk ebenfalls, was das ZDF und was das deutsche Fernsehpublikum an ihm hat. Er war witzig - „nur Mubarak hat mich geschlagen“ (der ging bekanntlich erst nach dreißig Jahren im Amt) - ,er war schlagfertig („ihr macht Musik mit Flaschen - das macht der Bohlen auch“) und spielte auf leicht onkelhafte Art den pater familias, etwa als er sich um das vierzehnjährige Geschwisterpaar kümmerte, das jeden Satz aus einem dreihundert Seiten langen Buch exakt wieder zu erkennen wettete: zwei Jugendliche, Bruder, und Schwester, die ein Buch lesen und sich darüber auch noch unterhalten - die Erziehungsleistung der Eltern wusste der Bildungsbürger Gottschalk nicht hoch genug zu preisen.

Dass Udo Lindenberg, aus dessen Musical es zuvor einen Ausschnitt zu sehen und zu hören gab, kaum zu verstehen war - lag vielleicht am Eierlikör - war da schon vergessen, derweil sich das Schauspielerehepaar Anna Loss und Jan Josef Liefers auf eine Ode vorbereiteten, die sie als Einsatz für eine eben verlorene Wette zu Gehör brachten. Sie endete auf den Satz: „Wetten, dass - Du da bist, macht mich ewig froh.“

Das durfte man selbstverständlich auch auf den Gastgeber des Abends beziehen, der mit donnerndem Applaus empfangen wurde und sich davon überzeugen durfte, wie sehr ihn das Publikum noch immer mag. Er könne nicht gehen, sagte das Modell Naomi Campbell, dass im zweiten Drittel der Show auf dem Wettsofa Platz nahm, schließlich sei er eine Institution. Doch Gottschalk bügelte diese wie noch einige weitere Versuche, ihn am besten noch während der Sendung wider umzustimmen, ebenso freundlich wie bestimmt ab.

Thomas Gottschalk ist ein Mann mit vielen Eigenschaften. Bei „Wetten, dass ..?“ konnte er nicht alle zeigen. Doch vielleicht ergibt sich ja noch die eine oder andere Gelegenheit. Für seinen designierten Nachfolger Jörg Pilawa jedenfalls wird es bei und mit „Wetten, dass ..?“ überhaupt nicht leicht. Und für das ZDF auch nicht. Gottschalks Abgang könnte der Anfang vom Ende der einstmals bedeutendsten und langlebigsten Show des deutschen Fernsehens sein.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1965, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Medien“.

Freitod-Fashion

Von Fridtjof Küchemann

Ein Model kniet vor dem Gasherd, eines steht mit einem Stein im Arm im Fluss: Für eine Modestrecke ließ das amerikanische Magazin „Vice“ den Freitod bekannter Autorinnen nachstellen. Was als Kunst gemeint sein soll, verrät die Kunst. Mehr 2