17.03.2009 · Dank aggressiver Ratgebersendungen hat sich der amerikanische Wirtschaftssender CNBC zum Publikumsliebling für Möchtegernmillionäre gemausert. Doch jetzt, da wirtschaftliche Erfolgsmeldungen Mangelware sind, muss er das Konzept überdenken. Und drischt plötzlich auf Obama ein.
Von Nina Rehfeld, PhoenixNicht nur die Broker an der New Yorker Wall Street kauen schwer an der derzeitigen Wirtschaftslage. Auch der amerikanische Wirtschaftssender CNBC rudert. Denn die ekstatische Börsenstimmung der vergangenen Jahre hatte den kleinen Sender zu einer Erfolgsidee inspiriert, mit der er über die vergangenen drei Jahre Rekordprofite erzielte: Im Wesentlichen bestand sie in aggressiven Ratgebersendungen für Möchtegernmillionäre, in denen Stars wie Suze Orman und Jim Cramer Anleitungen zum Reichwerden auf die heimische Couch diktierten. So wurde der kleine Ableger des Networks NBC vom Haussender der Wall Street zur verlockenden Eintrittskarte in die Welt der Banker und Anleger.
Doch jetzt, da wirtschaftliche Erfolgsmeldungen Mangelware sind, muss CNBC das Konzept überdenken. In der Not verlegt man sich auf Sündenbockjournalismus: Barack Obama sei an allem schuld. In einem auf Youtube verbreiteten Anfall erregte sich CNBC-Korrespondent Rick Santelli über die Pläne der amerikanischen Regierung, einen kleinen Teil des wirtschaftlichen Hilfspakets für die Unterstützung in Not geratener Hauseigentümer aufzuwenden: „Wollen wir wirklich für die Ratenzahlungen dieser Verlierer aufkommen? Dies ist Amerika! Wie viele Leute wollen ihrem Nachbarn unter die Arme greifen, der ein extra Badezimmer hat und es sich nicht leisten kann? Präsident Obama, hören Sie uns?“
Finanzfernsehen wird zur Rummelplatzshow
Jim Cramer behauptete vor wenigen Tagen, Obama „zerstört die Lebensersparnisse von Millionen Amerikanern“, und sein Kollege Lawrence Kudlow befand, Obama habe „Investoren, Unternehmern, dem Einzelhandel, großen Konzernen und Kapitalanlegern den Krieg erklärt“.
Bei CNBC, staunte das Nachrichtenmagazin „Time“, betrete man derzeit ein alternatives Universum, „in dem Banker als Unterdrückte gelten“. Dabei hat der Sender nichts weiter getan, als das Erfolgskonzept von Fox News, in dem selbsterklärte Experten mit großer Klappe und emotionaler Hemmungslosigkeit an die Stelle gemessener politischer Berichterstatter und Analytiker getreten sind, auf den Wirtschaftsjournalismus zu übertragen.
Bei CNBC wurde Jim Cramer zum Superstar, ein Harvard-Absolvent und ehemaliger Wall-Street-Broker, der mit überschnappender Stimme und einer clownesken Batterie aus Soundeffekten Finanzfernsehen zur unterhaltsamen Rummelplatzshow machte. Kaufen oder verkaufen, abwarten oder zuschlagen – Cramer wusste Bescheid, stand besorgten Anrufern mit sekundenschnellen Urteilen über ihre Anlageportfolios zur Seite und lehnte sich mit seinen Urteilen über die Entwicklung der Kurse aus dem Fenster.
„So macht man Geld!“
Seine zumeist geschrieenen Ratschläge – „Kaufenkaufenkaufen! Aber machen Sie Ihre Hausaufgaben! Wer nicht aufpasst, darf sich bei Mama ausheulen gehen!“ – schienen den Zuschauer direkt in die Welt der Wall Street zu ziehen. Unter Cramers Anleitung glaubten viele, selbst Anlageexperten werden zu können. Als sich im vergangenen Jahr die Krise abzeichnete, feierte CNBC Rekordeinschaltquoten. Manche bezichtigten Cramer (Sendungsmotto: „In Cramer we trust“) gar, die Krise mit Aussagen wie dieser vom Oktober 2007 mitangeheizt zu haben: „Sie sollten weiter kaufen und akzeptieren, dass vieles überbewertet ist – aber auch akzeptieren, dass der Preis weiter steigen wird. Ich weiß, dass das unverantwortlich klingt, aber so macht man Geld!“
Mit dem Kollaps der Märkte aber ist auch Cramers Ruf des Millionärmachers verpufft. CNBC sieht sich plötzlich hämischer Veralberung ausgesetzt. Amerikas Nachrichtensatiriker Jon Stewart widmete dem Sender eine Sequenz, die dessen Prophezeiungen und Ratschlägen die tatsächlichen Marktbewegungen der vergangenen Wochen und Monate gegenüberstellte. Darin ist etwa das ehrfürchtige Interview eines CNBC-Journalisten mit dem vermeintlich krisenfesten Investmentbanker Allen Stanford zu sehen, der wenig später wegen betrügerischer Geschäfte im Wert von acht Millionen Dollar angeklagt wurde. „Hätte ich nur auf CNBC gehört“, ätzte Stewart, „dann hätte ich heute eine Million Dollar. Vorausgesetzt, ich hätte mit hundert Millionen angefangen.“
Heilssuche in der Obamaphobie
Der Sender sucht unterdessen nach Strategien zur Fortsetzung des Höhenflugs. In der quotenträchtigen Obamaphobie des Rüpelsenders Fox News scheint man abermals fündig geworden zu sein. Nach einem Bericht der „New York Times“ ermutigt CNBC seine Angestellten zu stärkerer Betonung der eigenen Meinung und zu Seitenhieben gegen die Politik. Jim Cramer ließ sich Anfang März prompt zu der Äußerung hinreißen, Obamas Finanzplan sei „die größte Wohlstandszerstörung durch einen Präsidenten“, die „das Land in einen Zustand der Angst versetzt, wie ich es in meinem Leben noch nicht gesehen habe“.
Der Pressesprecher des Weißen Hauses, Robert Gibbs, reagierte gelassen auf die Attacken. Zu Cramers Ausfall sagte er: „Ich glaube, man kann jede beliebige seiner Aussagen zur Wirtschaft an ihrem Faktengehalt messen.“ Und Cramers Kollegen Rick Santelli lud er ein, gemeinsam einen Blick auf den Finanzplan der Regierung für bedrängte Hausbesitzer zu werfen – „bei einer Tasse Kaffee, entkoffeiniert“.