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Westerwelle bei Beckmann Wie stehen Sie zu maskenhaftem Grinsen?

10.11.2009 ·  Viele Journalisten halten persönliche Fragen an Politiker für einen aussagekräftigen Belastungstest, für Hartnäckigkeit im Dienst des Publikums. Dabei steckt dahinter meist nur Einfallslosigkeit, wie gestern im Gespräch zwischen Reinhold Beckmann und Guido Westerwelle zu sehen war.

Von Jürgen Kaube
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Wenn ein Fußballspieler soeben drei Tore in fünf Minuten geschossen hat, muss er damit rechnen, dass ein Journalist ihn fragt, wie er sich denn jetzt fühle. Und wenn er gerade vor Verhandlungen mit einem Verein steht, deren Erfolg für jeden, der nicht schwachsinnig ist, ersichtlich davon abhängt, dass er nicht darüber plaudert, wird er mit absoluter Gewissheit von Sportreportern um Auskunft über den Stand der Verhandlungen gebeten. Viele Journalisten halten beides für Aufklärung, für Dichtdransein und für Hartnäckigkeit im Dienste des Publikums. Dabei ist es einfach nur Einfallslosigkeit, um nicht zu sagen: Eigendummheit im Modus der Fremdverdummung.

Gestern abend fragte Ulrich Deppendorf die Kanzlerin, ob Europa gestärkt werden müsse. Und kurz darauf fragte Reinhold Beckmann in seiner Talkshow den Außenminister, ob man als Außenminister noch „die Dinge bei der Wahrheit nennen“ könne oder nicht stattdessen Diplomat sein müsse. Und ob man in diesem Amt überhaupt Außenpolitik gestalten könne. Und wie der Außenminister es finde, wenn eine Journalistin ein maskenhaftes Grinsen an ihm beanstande oder jemand ihn als „Welpen“ bezeichne. Der Außenminister wurde um seine Meinung dazu gebeten, dass er als Streber wahrgenommen werde. Und wie aufgeregt er in seiner ersten Dienstwoche - so viele hat er noch nicht hinter sich - gewesen sei. Wie er Hillary Clinton finde. Warum er glaube, ein guter Außenminister zu sein. Ob er sich vorstellen könne, in Saudi-Arabien als Homosexueller abgelehnt zu werden. Oder in Israel als ehemaliger Kollege von Jürgen Möllemann. Und dann noch einmal dieselbe Frage nach der Akzeptanz des Privatlebens, und noch einmal, bis selbst der auskunftsfreudige Außenminister nahe daran war, die Frage persönlich zu nehmen.

Nachteile hat nur der Proband

Solche Fragen entspringen auf beiden Seiten jener Gespräche einer eigentümlichen Berufsauffassung. Sie zielen nicht auf Information, sondern auf einen Selbstdarstellungstest. Herausgefunden werden soll, wie einer reagiert. Lässt er sich herausfordern, wann verliert er die Kontrolle, ist es ihm peinlich, entgleitet ihm die Situation, verrät er sich oder uns unwillkürlich etwas? Oder liefert er ab, was dann gönnerhaft als „menschlich“ bezeichnet wird, den „Menschen Guido Westerwelle“ beispielsweise?

Die Zuschauer kommen so in die Rolle von Testpsychologen, denen es im Grund völlig gleichgültig sein muss, worum es in Afghanistan geht, weil sie voll damit beschäftigt sind, die Reflexe der Testperson, ihr Mienenspiel, ihre Grammatikfehler und ihre Belastbarkeit zu beobachten. Auch darum war jene Szene, in der sich der Außenminister von einem Journalisten verbat, in seiner ersten deutschen Pressekonferenz im Amt auf Englisch um eine englische Antwort ersucht zu werden, so beliebt bei Journalisten, die solch eine Berufseinstellung haben. Folgerichtig wurde sie dem Außenminister noch einmal vorgespielt, um zu sehen, wie er jetzt darauf reagiert, dass er damals so reagiert hat.

Für Journalisten diesen Schlages ergeben sich zwei Vorteile. Der eine besteht darin, dass sie sich gar nicht erst vorbereiten müssen zu Afghanistan, Fiskalpolitik, Saudi-Arabien oder Diplomatie. Kein einziger Gedanke wird in die Sachdimension der Fragen investiert. Der andere Vorteil hängt damit zusammen. Denn wenn es ohnehin nur um Belastungstests und Reklame für Prominenz geht, ist es natürlich umstandslos möglich, dass ein und dieselbe Person sowohl Fußballer wie Schauspieler, Bischöfe und Außenminister, Unfallopfer und Schlagersänger interviewt. Die Unterschiede fallen nur auf der Seite der Probanden an, etwa dadurch, dass Politiker, die sich in solche Sendungen drängen, den Nachteil haben, sich noch mehr als alle anderen gefallen lassen zu müssen. Zum Beispiel der Außenminister die Frage, wie er es findet, dass andere an ihm ein maskenhaftes Grinsen wahrnehmen.

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